| Schon vor 30 Jahren wurden Forderungen zur Sanierung der Grundschule aufgestellt. Sie klingen, als wären sie gerade eben im Zusammenhang mit der Auswertung der PISA-Studie entwickelt worden. Ein Brief von Eleonore Kujawa an den Schulsenator.
Sehr geehrter Herr Böger,
als Bürgerin Berlins, die vierzig Jahre lang im Schuldienst tätig war, verfolge ich die vielen Diskussionen und Stellungnahmen nach der Veröffentlichung der PISA-Studie mit großem Interesse. Es ist erfreulich, dass auch der Grundschule besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, leider aber zum Teil mit mir völlig unverständlichen Reaktionen. Mir fallen nun natürlich unsere vielen gewerkschaftlichen Aktivitäten für den Grundschulbereich in den 70er und 80er Jahren ein. Die GEW BERLIN ging 1970 mit einer Broschüre "Rahmenprogramm zur Sanierung der Grundschule" an die Öffentlichkeit. Durch intensive Zusammenarbeit mit den Elternvertretungen, mit dem Verein Arbeitskreis Grundschule, dem Arbeitskreis Neue Erziehung und anderen Organisationen erhielten wir viel Zustimmung. Zur Erinnerung zitiere ich einige Passagen aus unserer Broschüre, die wie eine Antwort auf die PISA-Studie wirken.
"Die im Rahmenplan zur Sanierung der Grundschule gesteckten Ziele befinden sich in Übereinstimmung mit dem ,Strukturplan für das Bildungswesen', den die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates kürzlich veröffentlicht hat. Verglichen mit den bisherigen Bildungsausgaben erscheinen die hierfür notwendigen finanziellen Aufwendungen relativ hoch. Die Verwirklichung dieser Ziele würde bedeuten, dass wir - gemessen am internationalen Standard moderner Industrienationen - im Jahre 1980 eine wenigstens nicht ganz aussichtslose Position in der Entwicklung unseres Schulwesens errungen hätten; denn die Existenzchancen Berlins werden entscheidend durch das Niveau unserer Schule bestimmt.
Weiterbildungsprogramm
Vorgeschlagene Maßnahmen: Einrichtung eines langfristig konzipierten Weiterbildungsprogramms ..., durch das Lehrer in regelmäßigen Abständen Gelegenheit erhalten, neueste Ergebnisse in Didaktik, Fachwissenschaft, Psychologie und Soziologie für sich aufzuarbeiten. Steigerung der Effektivität des Lehrbetriebes nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten im Hinblick auf eine ständige Modernisierung von Schulbau, Schulausstattung und Rationalisierung der Verwaltung. Die nötigen Veränderungen in der Grundschule bedingen entsprechende Veränderungen in der Lehrerausbildung. Die große Anzahl der neu hinzukommenden Lernprozesse (u.a. Einübung demokratischer Verhaltensweisen und Kommunikationsformen, Förderung mathematischer Begriffsbildung und naturwissenschaftlicher Arbeitsweisen) sowie die Auswahl und Entwicklung von Methoden zur Sondierung der Ausgangslage und zur Kontrolle des Lehrerfolgs erfordern ein differenziertes Spezialstudium.
Vorschulerziehung
Bis zum Jahre 1980 wird eine gesetzlich verankerte Vorschulerziehung stufenweise aufgebaut, die ein für alle Kinder vom 4. Lebensjahr an obligatorisches Minimalprogramm vorsieht, sowie darüber hinaus differenzierte Programme mit ergänzenden Trainingskursen und verschiedenen Beschäftigungen anbietet. Die Unterschiede der Lernvoraussetzungen für die fundamentalen Lernprozesse in der Grundschule werden durch eine kompensatorische Vorschulerziehung zwar verringert, aber nicht ausgeglichen. Milieubedingte Unterschiede in den Erfolgsvoraussetzungen für schulisches Lernen bleiben auch über die Vorschulzeit hinaus wirksam und verlangen daher in der Grundschule ebenfalls kompensatorische Differenzierungsmaßnahmen.
Sofortprogramm
Einrichtung eines beaufsichtigten Lernmaterialienraumes, in dem einzelne Schüler und Schülergruppen selbständig arbeiten und Bücher sowie Lernmaterialien ausleihen können. Einrichtung eines beaufsichtigten ,Hobbyraumes', in dem für Schüler, die ihre Arbeiten abgeschlossen haben, Werkzeuge und Arbeitsvorrichtungen für freie Aktivitäten zur Verfügung stehen."
Erreichte Veränderungen längst wieder eingespart
In den 70er und 80er Jahren erreichten wir tatsächlich wesentliche Veränderungen in der Grundschule: zusätzliche Lehrerstunden für Teilungs- und Förderunterricht, Zusatzausbildung für Vorklassenleiterinnen, technisch-naturwissenschaftlichen Unterricht in den Klassen 3 und 4, Teilungsstunden für Technik/ Werken in den Klassen 5 und 6, Schulversuch Englisch Frühbeginn in den Klassen 3 und 4, Senkung der Klassenfrequenzen. Ein Teil dieser positiven Errungenschaften wurde nach und nach wieder abgeschafft, Englisch Frühbeginn durfte ab 1978 nicht fortgeführt werden, die Stundentafeln der Kinder wurden mehrmals gekürzt, besonders empörte die davon Betroffenen die Streichung der Stunden für Technik/Werken in den Klassen 5 und 6. Natürlich gibt es Tausende LehrerInnen in Deutschland, die mit ihren Kindern engagiert modernen Projektunterricht betreiben, die es verstehen, gemeinsam mit anderen KollegInnen das Lernen für die Kinder in der Schule immer wieder altersgerecht spannend zu lustvollem Tun werden zu lassen und dem sozialen Lernen breiten Raum zu geben. Aber es gibt auch die andere Seite: neue Vorschriften zur Auslese statt Förderung, unzureichende Ausstattung der Schulen, Abladen der Verantwortung für das international schlechte Ansehen der Schulleistungen auf die LehrerInnen.
Sparzwang als Dauerausrede
Ich bin sicher, dass viele Ergebnisse der PISA-Studie für uns besser ausgefallen wären, wenn die aus der Praxis der Grundschularbeit entstandenen und im Rahmen von Grundschultagen und Hauptschultagen immer wieder vorgetragenen Forderungen von den jeweils amtierenden Senatoren und Senatorinnen aufgegriffen worden wären. Damals wurde uns ständig vorgehalten, West-Berlin müsse sparen, da jede zweite Mark im Landeshaushalt vom Bund käme. Heute soll wieder an den Kindern gespart werden als Ausgleich für nicht vorhandene Milliarden, deren Fehlen wir nicht zu verantworten haben, schon gar nicht die Kinder. Müssen nochmals Jahrzehnte vergehen, bis endlich die kindgerechten Bedürfnisse im Grundschulbereich von der Politik anerkannt werden?
Abschließend versichere ich, dass ich vierzig Jahre lang meinen Dienst mit viel Freude versah und mir dabei im Interesse der Kinder meine pädagogische Freiheit nie nehmen ließ.
Eleonore Kujawa
Schulleiterin i.R., ehemals mehrere Jahre lang Vorsitzende der Fachgruppe Grundschulen in der GEW Berlin, von 1974 bis 1977 Landesvorsitzende der GEW Berlin im DGB |