Aufführungen kritisch gesehen
Von Hans-Wolfgang Nickel
Das Theater an der Parkaue zeigt das Märchenspiel „Schwanenweiß“ von Strindberg in einer streng durchkomponierten Aufführung, die ihre Spannung aus Präzision bezieht - eine gefährlich mechanisierte Märchenwelt, in der letztlich die frische Natürlichkeit von Schwanenweiß über gefühllose Logik, die Liebe über kaltes Kalkül siegt. Das in eine nicht näher präzisierte Gegenwart transponierte Spiel ist auch für Erwachsene sehenswert (ab 11). –
Das neue Stück der Havarie beginnt wie eine absurd-komische Familiengeschichte, wenn etwa die Mutter mit dem Sohn an der Hand zur Polizei geht, um ihn als vermisst zu melden; bald aber macht „Der Junge, der unsichtbar wurde“ schneidend scharf deutlich, was Nicht-Beachtung anrichtet, wie das Gefühl „Ich bin Luft für die anderen“ zu bedrückender Verlorenheit führt, wie lebensnotwendig wirklicher Kontakt ist. Aus dem Verhalten des Jungen wird die berührende Geschichte ablesbar, seine stumme, wortlose Trauer, sein Entsetzen, wenn sein Protest kein Echo findet, seine Äußerungen nicht zur Kenntnis genommen werden. Rhythmisch stilisierte Sprach- und Musikeinschübe distanzieren vom Geschehen und schaffen Reflexionsmöglichkeiten für den Zuschauer; der Junge aber findet keine Möglichkeit, aus hilflosen Zorn zu verbalem und gestischem Ausbruch zu kommen – er sieht schließlich nur einsam konzipierte, kalte Gewalt – für mich ein zu harter Schluss, aber sicherlich eine gute Möglichkeit, um nach der Aufführung gemeinsam mit den SpielerInnen nach persönlichen Interpretationen und Erklärungen zu suchen. Und wieder einmal erweist sich, dass Kinder- und Jugendtheater die Kraft haben, ihre ZuschauerInnen auch bei den schwierigen und finsteren Fragen der Gegenwart zu begleiten (ab 13 - aber sicherlich auch für Eltern und Pädagogen!). –
„Meine Melodie“ im Hau 3 eröffnete das Festival „Migration“ – ein gutes Beispiel dafür, wie vielgestaltig die Erfahrung „Migration“ ist. Es geht nicht mehr um die Einwanderung in ein fremdes Land, sondern um das Aufwachsen in einer komplizierten Welt, die schon durch vielfache Migrationen geprägt ist. „Meine Melodie“ zeigt berührende Szenen aus Familie und Jugendgruppe, zeigt scharf beobachtete Miniaturen vom Erwachsenwerden eines jungen Türken in Berlin und wie schwierig es ist, die eigene „Melodie“ zu finden. Show-Einlagen mit virtuoser Akrobatik und gekonntem (auch ironisiertem!) Break-Dance lockern auf, nehmen aber dem Mosaik die Schärfe und machen es primär zu einem unterhaltsamen Spaß (ab 14). -
Bei „Horatier 2“ vom Gefängnistheater AufBruch wirkt vor allem der Raum. Während das „klassische“ Beispiel aus der römischen Geschichte so einfach strukturiert war, dass die Frage nach der Schuld, die zugleich ein Verdienst ist, sich mit aller Klarheit als letztlich nicht lösbar darstellte (und die Aufführung in der JVA Tegel zu starker Wirkung kam), ist die moderne Parallele aus der jugoslawischen Geschichte zu kompliziert, um mit einfachen Mitteln, mit chorischem Sprechen und simplen Sätzen deutlich zu werden. So beeindrucken vor allem die Spielräume: die Eingangshalle und der Schwurgerichtssaal des Kammergerichts (Sek II). –
Bei Hofmannsthal war es noch „Der Schwierige“; der Theaterdiscounter macht „Die Schwierigen“ daraus – die Psychologie einer Generation? Den Sch wierigen gegenüber stehen zwei ich-“starke“, von sich selbst überzeugte Macher, denen auch Niederlagen nicht die Augen öffnen. Das komplizierte Spiel auf hohem intellektuellen und sprachlichen Niveau wird von den Discountern gekonnt serviert und ab und an in die höchst beredte Sprachlosigkeit von Live-Musik überführt; es endet schließlich wie von Hofmannsthal gemeint glücklich als „Lustspiel“, weil eine klar sehende (heute würden wir sagen: emanzipierte) Frau Sensibilität und Entscheidungsfähigkeit miteinander vereinen kann (Sek II). -
Bunt und munter auch Constance Macras und ihre Tanz-Compagnie im Hau 1. Das Thema Frau und Mode, der weibliche Körper und die Forderungen von Fitness und Wellness wird in vielen Soli, dann mehr und mehr auch in der Gruppe illustriert und karikiert – eher komisch-unterhaltsam als scharf und schneidend. Selbst die grandiosen „Misserfolge“ (wenn Übungen immer wieder qualvoll nicht gelingen) dürfen ihre Wirkung nicht entfalten; sie sind Randphänomene und werden schnell von anderen Szenen abgelöst; bittere Untertöne sind kaum zu bemerken. So bleiben Mode, Fit- und Wellness letztlich ein Spaß für Augen und Sinne (Sek II). -
In der Volksbühne hat Marthaler seine Enzyklika über die Liebe veröffentlicht: „Die Fruchtfliege“ - bis auf das alberne Programmheftchen ein schönes Vergnügen. Es gibt wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Texte zu Gen und Gefühlen (also etwas für Bio-Leistungskurse), es wird viel und schön und immer wieder überraschend gesungen (dabei können Musikkurse viel lernen: z.B. wie Musik Emotionen transportiert). Gezeigt wird ein ungewöhnlich-skurrilles Forscherteam bei seiner „Arbeit“ und in seiner „Freizeit“ - Theater-AGs können dabei u.a. studieren, wie mit leisen Mitteln Spannung aufgebaut wird (Sek II). Wenig empfehlenswert dagegen „Iwanow“; zwar eine interessante Titelfigur; alle MitspielerInnen aber, sporadisch aus dem Nebel auftauchend, sind groteske Schablonen, substanzlose Marionetten; so kann es nicht zur Konfrontation kommen; die Aufführung verharrt im Ungefähr und gewinnt kaum Profil (Sek II).- |