| Nach dem schrecklichen Amoklauf in Erfurt waren wohl diese Worte die meistgebrauchten Schlagworte von Medien und Politikern: Entsetzen, Trauer und Ratlosigkeit sei die einzige Reaktion auf den Massenmord. Als Lehrer und Berater im schulpsychologischen Dienst kann ich dies nicht unwidersprochen stehen lassen: Trauer, natürlich! Entsetzen, sicherlich! Angesichts solch schrecklicher Bluttat empfindet vermutlich auch der hartgesottenste Polizeipsychologe Entsetzen.
Aber Ratlosigkeit? So angemessen dieses Wort den verzweifelten Zustand von Betroffenen und Angehörigen der Mordopfer vielleicht beschreiben mag, so unangemessen und falsch ist es, das dahinterstehende sozialpsychologische Problem damit anzugehen. Aus dem Munde von Politikern und anderen Verantwortlichen für das Gemeinwesen klingt es für mich wie eine "bequeme Ausrede"! Denn jeder, der sich ein paar Jahre lang mit der wachsenden Gewaltproblematik an Schulen und überhaupt in unserer Gesellschaft beschäftigt und eine Bibliothek nicht nur als Wärmehalle gesehen hat, kann die wichtigsten Ursachen dieser schleichenden Entwicklung und die Grundsätze für deren Lösung benennen!
Viele Profis sind alles andere als ratlos. Sie werden allerdings eher weggespart. Man ruft sie dann nur noch als Seelenfeuerwehr, wenn z.B. Mordopfer nach einem Amoklauf psychologisch betreut werden sollen, dann darf sogar eine(r) schon mal im Fernsehen auftreten. Das ist allemal billiger als die präventive Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in Kindergarten und Schule. Wenn wir beispielsweise in Berlin so weitermachen, wird die Zahl der Schulpsychologen, Berater und Therapeuten im Schulpsychologischen Dienst im Vergleich zu 1990 bald halbiert sein.
Eigentlich wäre es dringend erforderlich, die Zahl der psychosozialen Helfer auszuweiten, sie aus den schulpsychologischen Dienststellen direkt an die Schulen zu versetzen und darüber hinaus Mittel in eine verbesserte Ausbildung zu stecken. Die Gesellschaft entscheidet sich interessanterweise mehr und mehr dafür, die benötigten Helfer wegzusparen. Die öffentlichen Gelder werden lieber für andere Zwecke ausgegeben. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Kinder gelten inzwischen - zumindest für Alleinerziehende - als Armutsfaktor. Andererseits wurde kürzlich gemeldet, dass der reichste Mann Deutschlands ein Privatvermögen von über 14 Milliarden Euro besäße. Leider können die Menschen den Zusammenhang zwischen immer Reicheren und immer Ärmeren gar nicht mehr verstehen: Die meisten, die ich befragt habe (Kinder und Erwachsene!), konnten mir noch nicht einmal erklären wie viele Millionen in einer Milliarde stecken! Manche meinten sogar, der Mann habe dies eben geschickt gemacht, er habe es "verdient"... - "PISA" lässt grüßen!
Peter Muggelberg,
Lehrer und Diplompsychologe |