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Nr. 05 / 2006: Alltagsaufgaben gemeinam lösen

Alltagsaufgaben gemeinsam lösen

Auf dem Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen blieben wichtige Fragen unbeantwortet.

von Ulla Widmer-Rockstroh, Grundschullehrerin

Im März 2006 wurde in Berlin das 1. Forum für Berliner Ganztagsgrundschulen durchgeführt. Veranstaltet wurde es von der deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin. Eingeladen waren Lehrkräfte, ErzieherInnen, SchülerInnen, Eltern und außerschulische Partner. Ziel und Sinn der Tagung waren der Erfahrungsaustausch, das Anbahnen neuer Arbeitsbeziehungen und die „Erweiterung der Horizonte“. Zehn ausgewählte Berliner Grundschulen präsentierten in kleinen Foren einen Ausschnitt ihrer Schulpraxis zu Gesundheit und Stressabbau durch Bewegung, Verknüpfung von Unterricht und Freizeit, Kooperation mit externen Partnern, Veränderung von Lernräumen, Kooperationen von Pädagoginnen und Pädagogen, Lernwerkstattarbeit, die Förderung von Kindern mit unterschiedlichen Begabungen und Benachteiligungen, Leistungsbewertung und Partizipation von Eltern und Kindern und Rhythmisierung in der Offenen Ganztagsgrundschule. Experten aus Wissenschaft und Praxis sollten als Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

Schon auf den ersten Blick wunderte man sich, dass so undifferenziert von „Ganztagsgrundschulen“ gesprochen wird. Kurzinformation: Nur ganz wenige der 407 Berliner Grundschulen sind tatsächlich „Ganztagsgrundschulen“ – Schulen, in die alle Kinder von morgens bis nachmittags (mindestens 16 Uhr) gehen, dort zusammen lernen, spielen, ausruhen, essen und also einen neu rhythmisierten Tag erleben können. Diese heißen „gebundene Ganztagsgrundschule“. Einige weitere Grundschulen haben „teilgebundene Züge“ neben dem üblichen Halbtagsbetrieb. Also kann man noch keineswegs von 64 gebundenen Ganztagsgrundschulen in Berlin sprechen, wie das die Senatsverwaltung als Aushängeschild gerne tut. Die übrigen 343 Grundschulen dürfen nur einen „Offenen Ganztagsbetrieb“ anbieten, d.h. nur Kinder, deren Eltern einen dringenden Bedarf nachweisen können, dürfen nach dem Schulvormittag bis 16.00 oder 18.00 Uhr in der Schule bleiben und können ein Mittagessen erhalten (wenn die Eltern dies extra bezahlen). Verlässlich soll der Schulvormittag inzwischen zwar bis ca. 13.30 Uhr sein – immerhin, aber dann ist Schluss!

Was gut war an der Tagung

• Dass überhaupt eine Tagung zu diesem Themenfeld stattfand! Das Gebiet Ganztagsgrundschulen – gebunden, teilgebunden und offen – ist so neu, kompliziert und dornenreich, dass die Hoffnung groß war, viele konkrete und weiterführende Ideen, Unterstützungsleistungen und Lösungsangebote zu erhalten. Wohl deshalb waren auch auffallend viele SchulleiterInnen da, die Rat für die real vorhandenen Probleme ihrer Schulbaustellen suchten – dagegen erstaunlich wenig LehrerInnen und ErzieherInnen. Haben sie überhaupt breit von der Tagung gewusst?

• Das Ambiente im Hotel Estrel – weltläufig und prächtig! Herr Böger hat Recht: (Grund-) Schultagungen müssen nicht immer in Schulen stattfinden. Das könnte popelig wirken.

• Die Einzelforen der zehn präsentierenden Grundschulen waren durch diese gut vorbereitet und gaben abwechslungsreiche Eindrücke von lebendiger Grundschulpraxis – die an anderen Stellen gern wieder pauschal verteufelt wird. Allerdings führten die an diese Inputs anschließenden Gesprächsrunden eher nur zu recht schlichtem und unverbindlichem Frage-Antwort-Austausch statt zu kritischer Diskussion und handfesten Modellen oder Perspektiven.

• Herr Böger hielt nicht nur eine launige Abschlussrede, sondern nahm auch – gemeinsam mit einem großen Teil von MitarbeiterInnen der Senatsbildungsverwaltung – am ganzen Kongress teil. So ernst wird das Thema also genommen. Das hätten wir uns in den vergangenen Jahrzehnten unseres Engagements für Veränderungen und Reformen in der (Grund-)Schule gewünscht!

Was leider nicht gut war

 • Von einem so groß und aufwendig angelegten Kongress erwarte ich eine saubere Klärung der Begriffe und Realitäten: Was ist eine Ganztagsgrundschule, was haben wir bisher davon in Berlin realisiert. Ebenso ist natürlich eine klare bildungspolitische Perspektive und die Reflexion der Ressourcenlage zu erwarten. Wenn der einzige Hauptredner aus dem Ausland (Schweiz) eingeflogen wird, erwartet man in diesem Sinne Modellbeispiele, zukunftsweisende Orientierungen und nicht Erzählungen, zu denen man nur denken konnte: Was ist das Besondere? Das alles aber wollten die Veranstalter laut Tagungsflyer wohl gar nicht anbieten. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es auf dieser Tagung um die schöne Atmosphäre und befriedende Worte ging, gipfelnd in dem überstrapazierten und in sich ziellosen Satz: Wir sind auf einem guten Weg. Die in einigen Foren benannten „Schlaglöcher“ und Forderungen nach notwendigen Ressourcen wurden zum Teil wegmoderiert und die Forderungen erschienen in den Forenprotokollen nur noch als freundlicher Wunsch. Ich bin auf die Dokumentation der Tagung gespannt.

 • Viele Angebote der Tagung hatten mit „ganztägigem Lernen“ überhaupt nicht speziell zu tun. Formen der Leistungsbewertung und Partizipation von Kindern und Eltern ist ein Grundthema von Schule; es wurde sehr beeindruckend von der präsentierenden Schule systematisiert, aber es ist kein Ausdruck ganztägigen Lernens. Ebenfalls ist die vorgestellte „Leserolle“ eine ganztagsunabhängige deutsch-didaktische Idee. Die Kurzfilmportraits der 10 präsentierenden Schulen zeigten miteinander lernende, spielende, turnende Kinder, wie sie problemlos in jeder nicht-ganztägigen Schule zu finden sind.

• Spezifische neue Anforderungen in einer ganztägigen Schule beziehen sich auf die Rhythmisierung des ganzen Tages, also die Verzahnung von Unterricht und Freizeit und die Kooperation von Lehrer/innen und Erzieher/innen. Im Forum „Rhythmisierung in der offenen Ganztagsgrundschule“ wurde zwar ein verändertes Zeitmodell mit verlängerten, verschobenen Pausen für den Schulvormittag dargestellt, aber die Frage einer Teilnehmerin, was denn nun ein auch „inhaltliches“ Rhythmisierungsmodell sei, blieb unbeantwortet; auch von den anwesenden Wissenschaftlern und Senatsvertretern. Offen blieb auch, ob an einem Schulvormittag in der „offenen“ Grundschule die Verzahnung von Lern- und Freizeitangeboten zeitlich überhaupt möglich ist und wie – ohne eine Veränderung der Arbeitszeitmodelle und für Kooperation ausgewiesene Stunden – LehrerInnen und ErzieherInnen zusammenarbeiten können. Die Zusammenfassungen der Art, dass jede Schule ihren Weg finden müsse, wird viele ermutigt haben.

• Der Senator griff in seinem Schlussvortrag die vielen realen Probleme und offenen Fragen nicht auf. Die grundlegende Frage: Wie und warum nützt unseren Kindern der „ganze Tag“ in der Schule stand nicht im Mittelpunkt; deshalb auch nicht Visionen für die Perspektive einer wirklichen Ganztagsgrundschule und ein Realisierungsplan.

 Fazit

 Wenn man, um das Bild des Tagungsflyers aufzugreifen, eine gute Suppe kochen will, dann muss man auch gute Zutaten erhalten und verwenden können.

 

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