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Zur Gewaltprävention gehört Werteerziehung!Der Text von Werner Munk wurde im Sommer 2001 verfasst für die Zeitschrift der Landesgruppe Berlin der "International Police Association", einer Gruppe engagierter Kollegen innerhalb der Berliner Polizei. Der Text wurde geschrieben vor dem 11.September 2001, vor PISA und auch vor dem neuen selektiven Grundschulgutachten zum Übergang an die Oberschule. Und er wurde auch geschrieben vor dem 26. April 2002, dem Tag der blutigen Erfurter Ereignisse! Er hat aber leider dadurch eine beklemmende Aktualität bekommen und bietet vielleicht gerade jetzt Diskussionsansätze...
Es war im Herbst des Jahres 1988 im damals noch ummauerten Berlin (West). Schulleitersitzungen boten damals, vor der Zentralisierung des Berliner Schulwesens, auch noch Raum und Zeit für pädagogische Diskussionen, und auf einer solchen Sitzung wurde über die Anforderungen an die Schule der Neunzigerjahre nachgedacht. Ich war erst seit kurzem Schulleiter und zudem der Jüngste im versammelten Gremium. Ich brachte ein, dass ich - neben der Wissensvermittlung unter den Anforderungen einer sich entwickelnden Mediengesellschaft - eine aktive und bewusste Werteerziehung für die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre hielte. Nach meinem Redebeitrag war es merkwürdig ruhig. Die wenigen jüngeren Kollegen signalisierten durch ihre ausgeprägte Nicht-Reaktion, dass ich wohl in eine falsche Ecke gerannt sei, und die in Ehren ergrauten alten Schulleute zogen verwundert die Augenbrauen hoch. Der die Sitzung leitende Schulrat sagte mir später, dass er dachte, ich wolle in provokanter Weise die Schulaufsicht auf den Arm nehmen, indem ich als eher Progressiver ein konservativ besetztes Thema aus der diesbezüglich damals praktizierten Tabuisierung holte.
Tatsächlich war damals Wertevermittlung fast ein Jahrzehnt lang eine totgeschwiegene Angelegenheit gewesen; nachdem Anfang der Achtzigerjahre die Thesen des damaligen Landesschulrates Herbert Bath zu diesem Thema wegen ihres wertkonservativen und damit politisch brisanten Duktus und vor allem wegen ihres ausgeprägten Hervorhebens einer deutschen Leitkultur ( - alles schon mal da gewesen! - ) zu Verspannungen größten Ausmaßes geführt hatten, war der §1 des Berliner Schulgesetzes zum Minimalkonsens erklärt worden, wodurch sich weitere Debatten fürs Erste erledigt hatten.
Werteverluste
Was hat mich damals bewogen, eine bewusste Wertevermittlung als wichtige Aufgabe zu begreifen? Eine meiner Leitideen bei meiner Übernahme der Funktion des Schulleiters einer großen Ganztagesgrundschule mit 750 Kreuzberger Kindern von 5 bis 13 Jahren war der Gedanke an eine "Schulfamilie" gewesen; über die installierten demokratischen Organe im Rahmen der Schulverfassung hinaus wollte ich die am Schulleben beteiligten Gruppen (SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen) zu gemeinsamer Zieldiskussion, zu partnerschaftlicher gemeinsamer Verantwortung und vor allem auch zu einer gemeinsamen und förderlichen Identität führen. Der Schulalltag zeigte mir jedoch tagtäglich, dass noch nicht einmal innerhalb der Gruppen auch nur schmale Bandbreiten von Konsens gegeben waren und dass die Erwartungen an ein geregeltes Miteinander-Auskommen sehr individuell und auch sehr situativ und dazu noch von irrationalem Machtdenken bestimmt waren. Es galt, Teufelskreise aufzubrechen; schon bald "funktionierte" ich nicht mehr als Schimpfer, Strafer und Sanktionierer, wenn man mir böse, zum Teil gewalttätige Schüler ins Büro schickte, sondern versuchte, gleichberechtigte Gesprächssituationen zu schaffen, in deren Verlauf es immer wieder zu regelrechten (und bilateralen!) Wertediskussionen kam. Es zeigte sich schon damals, - und heute muss das noch viel mehr gelten! - dass die Wertorientierungen der Kinder nicht nur sehr uneinheitlich, sondern oftmals auch in fast anarchistischer Weise nur rudimentär ausgeprägt waren. Dies verblüffte mich ziemlich; hatte ich doch bis dahin zehn Jahre lang als Klassenlehrer die Kinder vermeintlich bewusst oder auch unbewusst auf das geprägt, was ich für weitergebenswerte Wertvorstellungen gehalten hatte und auch keine Zweifel an der diesbezüglichen Praxis meiner Kolleginnen und Kollegen. Auch in Gesprächen mit Eltern zeigten sich solcherlei Divergenzen. Was war da schief gelaufen? Und warum ist heute im Jahre 2001 das Vakuum hinsichtlich einer bewussten und positiven Werteorientierung in der Ausgangslage der Kinder noch größer als damals?
Entsolidarisierung
Kindheiten in den fünfziger und sechziger Jahren - also auch die der großen Mehrheit der Lehrkräfte - waren geprägt von klaren Wertvorstellungen, die in breitem gesellschaftlichen Konsens tradiert wurden. Ganze Gesellschaften hatten sich in dem jeweiligen demokratischen bzw. "demokratischen" Rahmen zusammenzufinden und ihr gemeinsames Bestehen zu sichern; die Wertgerüste waren Vermengungen der Sozialisation der damaligen Eltern und Erzieher mit den jeweiligen Nachkriegsordnungen, was z.B. im Westen dazu führte, dass restaurative Vorstellungen an vielen Stellen durchschlugen und was es im Osten z.B. möglich machte, totalitäre Strukturen ohne Verspannungen weiter zu führen. Im Westen - und in hervorgehobener Weise in Berlin (West) - führten die gesellschaftlichen Prozesse in den Siebzigerjahren zum breitflächigen In-Frage-Stellen alter Ordnungen und Werte, und es entstanden aus heutiger Sicht noch nicht einmal unbesetzte Felder, da ein Demokratisierungsschub viele Menschen sogar zu Bewusstseinserweiterungen geführt hatte. So ist beispielsweise niemals in der deutschen Geschichte in allen Teilen der Gesellschaft breiter und bewusster über Bildung nachgedacht worden als in den Siebzigerjahren; war Bildung in der Nachkriegszeit noch ein Wert per se, so wurden nun auch ihre Inhalte von den Adressaten und deren Eltern kritisch hinterfragt und Wertgerüste nicht etwa abgeschafft, sondern positiv verändert bzw. untermauert. Heute wünsche ich mir oft die bildungskritische Elternschaft der Siebzigerjahre, die, was Werte angeht, Mündigkeit, Toleranz und Verantwortung für die Gemeinschaft so in den Vordergrund stellt wie damals; unverständlich ist es geradezu, dass die Eltern von heute nichts oder wenig von ihrer eigenen Sozialisation in ihrer damaligen Kindheit in die Erziehung ihrer eigenen Kinder einbringen! Oder: Ist es vielleicht etwa auch so, dass wir heute die Früchte unserer Arbeit aus den Siebzigern zu genießen bekommen? Dass wir damals so zur individuellen und mündigen Selbstständigkeit erzogen haben, dass uns die Kinder der "Generation Golf" als hemmungslose Einzelwesen mit Defiziten an sozialer Einbindung auf die Füße fallen? Das wäre eine Erklärung, aber auch ein Beleg für die These, dass Ende der Achtzigerjahre in unserer Gesellschaft eine gewaltige Entsolidarisierung stattgefunden haben muss...
Entdemokratisierung, Individualisierung
Erste Verwerfungen und Abkehr von Wertebindungen waren an den Schulen, und zwar bei Eltern und Kindern, Mitte der Achtzigerjahre wahrzunehmen. Es würde zu weit führen, hier die Ursachen zu beleuchten; es mögen damals neorestaurative und konservativere Züge in der Kohl-Ära gewesen sein, die Veränderungen in der Medienlandschaft (Privatfernsehen) oder auch die nicht mehr zu gewährleistende Vollbeschäftigung mit der Brutalisierung des Existenz- und Konkurrenzdrucks. Zwar war die Schule, zumal in Berlin-Kreuzberg, auch vorher keine gewaltfreie Insel der Seeligen, aber nun zeigten sich gerade im Bereich der Aggressionen, der Gewaltbereitschaft und der Verhaltensauffälligkeiten negative qualitative Verschiebungen. Unsere deutschen Schüler respektive deren Eltern betrachteten die Schule mehr und mehr als ein Konsumangebot - eine Art Abfüllbetrieb auf einer Dienstleistungsebene, und wehe, wenn hinterher nicht "Flasche voll"! - und waren kaum noch verantwortlich an Schule zu beteiligen; und unsere Schüler aus Migrantenfamilien (wir beschulen Kinder aus 26 Nationen) zeigten massiv auf, dass ihre Eltern, selbst oft Angehörige der sog. zweiten Migrantengeneration, nicht mehr in der Lage waren, ihren Kindern Wertorientierungen mitzugeben, wohl weil sie die eigenen kulturellen Brüche nicht mehr zu verarbeiten im Stande waren - ein Zustand, der bis heute verschärft fortdauert! Einhergehend mit der passiven Entdemokratisierung und der Abkehr von kollektiver Verantwortungsbereitschaft und Hinwendung zur (oftmals totalen und egoistischen) Individualisierung hatten wir es plötzlich mit Kindern zu tun, die nicht falsch, sondern oftmals überhaupt nicht erzogen waren und die zudem über tief abgesenkte Gewaltschwellen (Medien!) gehen konnten. Damals haben wir einmal alle im Lauf eines Schuljahres beschlagnahmten Waffen (Keulen, Schlagringe, Messer, Pistolenattrappen und Gaspistolen, Würgehölzer usw.) auf Lochpaneelen befestigt und trotz enger Anordnung vier Quadratmeter "Ausstellungsfläche" gebraucht; die Ausstellung diente der Alarmierung der Eltern und die Gegenstände wurden anschließend plakativ vernichtet bzw. der Polizei zur Beseitigung übergeben.
Handlungsdruck
Es musste also dringend etwas geschehen! Unglücklicherweise gerieten Ende der Achtzigerjahre die Schulen nicht nur, wie oben umrissen, von innen unter Druck, sondern auch noch durch personelle und materielle Ressourcenverknappungen von außen. Dennoch gingen wir das Thema energisch an. Zunächst einmal organisierten wir einen Studientag für die Lehrkräfte und das Erzieherpersonal, der sich ganz dem Thema Gewalt widmete und professionell moderiert wurde. Ein wesentliches Ergebnis war aus meiner Sicht auch, dass innerhalb des Kollegiums selbst eine Wertediskussion in Gang gesetzt wurde, die es seither weiter dauerhaft lebendig zu gestalten gilt, und zwar weniger, um Erziehungsprozesse zu vereinheitlichen, sondern viel mehr um Problembewusstsein zu schärfen und um Anti-Gewalt-Arbeit in der täglichen Arbeit zu verankern, ja diese regelrecht zu "ritualisieren". Zum ständigen Gedankenaustausch wurden so genannte "Pädagogische Monatsgespräche" auf freiwilliger Teilnahmebasis etabliert, wo oft bei gutem Interesse das Thema "Werte" in mannigfachen Ausprägungen Diskussionsgegenstand war und von wo aus Rückwirkungen in die verfassten Gremien spürbar waren. Die Elternschaft organisierte eigene Veranstaltungen, die themengefächert sich mit dem Problemfeld Gewalt, aber auch mittelbar mit dem Bereich Werteerziehung befassten; auch hierzu standen Referenten zu verschiedenen Einzelthemen (Sexuelle Gewalt, Medien, Prävention, handlungsorientierte Deeskalation usw.) zur Verfügung, teilweise von der Polizei, aber auch von Universitäten und anderen Institutionen. Im Lehrerkollegium wurde ein Antigewalt-Training (Kautz) zum eigenen privaten Nutzen durchgeführt, das überraschender Weise aber sehr gute Transfermöglichkeiten zur Unterstützung der pädagogischen Arbeit bot und sehr ergiebig hinsichtlich des Begreifens des Phänomens Gewalt war. Eltern und Lehrkräfte trafen sich auch auf gemeinsamen Veranstaltungen; die zu beklagende Nichtbeteiligung der Eltern am System Schule konnte an diesem Punkt aufgebrochen werden, weil ein Thema angesprochen war, das offensichtlich auch im häuslichen Umfeld zu Belastungen im familiären Leben geführt hatte. (Eine ähnlich gute Elternbeteiligung haben wir nur noch erlebt, wenn das Thema "Leistung" angesprochen wurde!) Als Sofortmaßnahme wurde recht bald ein System von Vertrauenslehrern installiert, die sich den Kindern als Ansprechpartner in Sachen Gewalt anboten und sich einfühlsam den Kindern widmeten - Gewalt und Angst sind aktiv und passiv zwei Seiten der jeweils selben Medaille!
Handlungsansätze
Innerhalb eines Jahres war die Mehrheit der Kinder sehr gut sensibilisiert und der Rückgang der Aggressionen war verblüffend. Und es zeigte sich, dass auch eine Diskussion über Grundlagen des Zusammenlebens und über Werte an sich in Gang gekommen war, und zwar ohne jede dogmatische bzw. affirmativ-einengende Fixierung. Noch nicht einmal eine "Schulordnung" war dazu von Nöten; die Einrichtung einer solchen ist im Kollegium bis heute umstritten, weil sie nicht zwingend Verantwortungsbewusstsein generiert und eher hinderlich sein könnte, weil doch alles als erlaubt betrachtet werden müsste, was dort nicht explizit verboten ist. (Über eine Fixierung der Grundsätze des Umgangs miteinander wird aber zurzeit nachgedacht, zumal unsere Schule als eine der Pilotschulen im Programm "SQiB-Schulqualität in Berlin" die Wertediskussion ganz an die erste Stelle bei der Schulprogrammentwicklung gestellt hat.) Positiv war zum Weiteren das Einführen eines Partnerklassen-Systems, bei dem sich jeweils ältere Jahrgänge um die "Kleinen" kümmern, gemeinsame außerunterrichtliche und unterrichtliche Unternehmungen durchführen und so über Verantwortung und persönlichen Kontakt zum Aggressionsabbau beitragen, wobei nicht nur jeder für den anderen, sondern auch für sich selbst sensibilisiert wurde.
Eigenverantwortung
Die nächste und qualitativ besonders wichtige Stufe in der Anti-Gewalt-Arbeit war mit dem Einführen der Konfliktlotsen erreicht. Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich zunächst sehr skeptisch war, ob sich unsere erzieherische Verantwortung an Kinder delegieren lässt, die ich auch nicht durch Mediationsaufgaben überfordern oder gar in die Rollen von "Hilfssheriffs" oder gar Kalfaktoren gestellt sehen wollte. Glücklicherweise habe ich mich überzeugen lassen; seit drei Jahren bilden zwei geschulte Lehrerinnen zum Anfang des Schuljahres ca.12 Schülerlnnen der sechsten Klassen intensiv zu Konfliktlotsen aus und "coachen" deren Arbeit innerhalb einer wöchentlich zweistündigen Betreuung das ganze Jahr über. Die Konfliktlotsen regeln auf Anfrage der Kontrahenten Konflikte zwischen einzelnen Schülern bzw. -gruppen in eigener Verantwortung (ohne die BetreuungslehrerInnen!), indem sie eine qualifizierte Mediation, die weit über ein reines Schlichten hinausgeht, durchführen. Nebenbei helfen sie sich dabei auch selbst, denn was kann man Wertvolleres ins Leben mitnehmen als Teamgeist und Konfliktkompetenz! Und so wie unsere Schüler-Verkehrslotsen für den sicheren Weg in die Schule sorgen (und ebenfalls die Tugend und den Wert Verantwortungsbereitschaft ins Leben mitnehmen), können die Konfliktlotsen innerhalb des Grundstücks und Hauses zur Sicherheit und Geborgenheit beitragen.
Anti-Gewalt-Kultur
All das hat die Reinhardswald-Grundschule über die Jahre zu einer anerkannt gewaltarmen Schule gemacht - die gewaltfreie Schule wird es wohl leider nie geben! Nicht zuletzt auch deshalb - natürlich gibt sich das Kollegium auch sonst jegliche Mühe und ist ausgesprochen innovativ! - ist die Elternakzeptanz ungemein hoch und der Geburtenrückgang geht an uns vorbei! Wichtig aber war neben allen konkreten Maßnahmen und Initiativen auch die Verankerung einer Anti-Gewalt-Kultur bei allen Beteiligten der "Schulfamilie". Wegsehen ist nicht mehr - Verdrängen, Ignorieren, Übergehen auch nicht! Die Kinder nehmen die Schule als Schonraum, als "gewaltarme Zone" wahr und verbalisieren dies sogar teilweise. Seit neun Jahren hat es keinen meldepflichtigen Gewaltvorfall mehr innerhalb der Schule gegeben, wenngleich dennoch der Schulhof nicht ganz "funkwagenfrei" blieb, wobei es sich aber um Kinderdelinquenz im gewaltfreien Rahmen außerhalb der Schule (Eigentumsdelikte, Sachbeschädigungen, fahrlässige Brandstiftung durch Kinder) handelte. (Auch in solchen Fällen übernehmen wir in Kooperation mit der Polizei die "Nacharbeit" mit Eltern und Kindern.) Apropos Polizei: Unsere Kinder sind durch eine intensive Verkehrserziehungsarbeit "Grün" nicht nur gewöhnt, sondern erleben die Mitwirkung der polizeilichen Mitarbeiter im Unterricht ausgesprochen positiv; ich gestatte mir an dieser Stelle auch den dringenden Appell, diese Maßnahmen niemals irgendwelchen Sparzwängen zu opfern! In der gewaltpräventiven Arbeit hat es sich ebenfalls als nützlich erwiesen, die Rolle der polizeilichen Arbeit zu beleuchten, sowohl die Schutz- als auch die Sanktionierungsfunktion, und eigentlich müsste es analog zur Verkehrserziehung auch, sofern eine Schule das will, mehr Möglichkeiten geben, besonders geeignete Polizeikräfte in die gewaltpräventive Unterrichtsarbeit mit einzubeziehen. Meine Kontakte zur AG Jugendgewalt der Polizei haben mir gezeigt, dass dort durchaus auch pädagogische Kompetenz vorhanden und nutzbares erzieherisches Potenzial gegeben ist
Gesellschaftliches Bedingungsfeld
Schulische Anti-Gewalt-Kultur findet - wie Schule überhaupt - jedoch immer im gesellschaftlichen Umfeld und nicht isoliert von außen wirkenden Einflüssen statt. Insofern tun wir gut daran, unsere Arbeit in den Kontext der Jugendkultur, die inzwischen auch eine Abteilung Kinderkultur zu haben scheint, zu stellen. Hatten wir bis vor etwa zehn Jahren noch Grundschulkinder, die ganz Kind waren, sein wollten und auch sein durften, müssen wir seit längerem konstatieren, dass sich die Kinder ihrer Kindheit berauben lassen (müssen?) oder sich kindlichen Subkulturen aus eigenen freien Stücken ausliefern, die sie als vorjugendliche Individuen prägen und unsere erzieherischen Prozesse gefährden oder zumindest beeinträchtigen. Hierzu trägt nicht nur ein häusliches Erziehungsvakuum bei, sondern wesentlich der Einfluss der verschiedensten Medien und der frühe Einfluss eines Konsumdrucks wie auch das jährlich fast um einen Jahrgang tiefer zu stufende fast darwinistische Konkurrenzbewusstsein, das mehr und mehr negativ durchschlägt, die Entwicklung der Kinder hemmt, sie oftmals in erschreckender Weise physisch und psychisch krank macht und absolut kontraproduktiv hinsichtlich unserer erzieherischen Bemühungen ist. Schulpolitiker, die aus parteipolitischem Profilierungsgehabe heraus ständig neue Leistungs- und Schulzeitverkürzungsdiskussionen vom Zaun brechen, haben vermutlich keine Ahnung davon, wie sehr sie hierbei Druck auf Eltern und Kindern bis hinunter in die Anfängerjahrgänge aufbauen und Kindern, die ohnehin nicht schadlos die Auswirkungen gesellschaftlicher Strukturverwerfungen verkraften, zusätzlich Schaden zufügen! Das politische Versprechen mag ja klientelbewusst dahin gehen, alle zu Gewinnern machen zu wollen, aber gerade bei einer Bildungspolitik selektiver Ausprägung kann es Gewinner nur auf Kosten von Verlierern geben; hierin liegt ein gesellschaftlich zu verantwortendes Gewaltpotenzial, das Brisanz in sich birgt, erst recht, wenn die grundsätzliche Chancengleichheit nicht gewährleistet werden kann, weil für sozial Schwache, Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache oder aus instabilen familiären Verhältnissen nicht genug Fördermöglichkeiten angeboten werden.
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Mein Kollegium und ich bekennen uns klar zur Leistung und tun sehr viel auch für die Förderung leistungsstarker und begabter Kinder, wir sehen aber auch zunehmend, dass wir nicht immer genug in den Stand versetzt werden, Schwachen, die dies wollen, eine gute Ausgangsbasis zu verschaffen. Es macht uns auch Sorgen, dass Grundschulkinder medikamentös versorgt zur Schule geschickt werden oder psychosomatische Symptome zeigen! Sofern Eltern hierfür verantwortlich zu machen sind, kümmern wir uns darum, aber oftmals müssen wir Eltern und Kinder auch als Opfer gesellschaftlichen Drucks sehen, und es tut uns weh, wenn Kinder nicht mehr Kind sein dürfen (oder wollen?). Mehr als je zuvor geht es heute in der Schule darum, zwar zu lernen, vor allem aber das Lernen zu lernen; selbstbewusste, ich-stabile Kinder, die auch Misserfolge zu verkraften in der Lage und positiv zu verwerten im Stande sind und die auch ihre Erfolge selber definieren dürfen, sind besser auf das Leben vorbereitet als die permanent Getriebenen. Und es ist auch ein elementares Stück Gewaltprävention, Selbstwertgefühl aufzubauen und zu erhalten; hierbei erkenne ich eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Ich sehe mich außerhalb jeden Verdachts, gegen Wettbewerb zu sein, aber im guten sportlichen Sinn sollte auch der Wettbewerb eine solidaritätsfördernde Veranstaltung sein!
Werte erfahrbar machen!
In dieser Hinsicht waren wir glücklich, im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Sportjugend Berlin und mit Unterstützung durch den Weißen Ring das Projekt "Kids treffen Spitzen-Sportler - KISS" als Gewältprävention in einem außerschulischen, gesellschaftlichen Kontext etablieren zu können. Dieser "Ableger" des KICK-Projekts der Sportjugend Berlin wurde als Idee eingebracht und unterstützt von Achim Lazai (KICK) und ist so etwas wie das "Sahnehäubchen" auf unserer gewaltpräventiven Arbeit. Die Idee ist, Kindern und Heranwachsenden Begegnungen und gemeinsame Unternehmungen mit Aktiven aus dem Bereich Spitzen- bzw. Leistungssport oder auch der Kultur/Unterhaltung zu verschaffen, um bei ihnen über die Identifikation mit Menschen, die durch persönliche Erfolge in die Verantwortung einer vorbildstiftenden Persönlichkeit treten können, den Aufbau positiver Motivation und aggressionshemmender Leistungsanreize zu bewirken. Weiterhin erscheint es uns ganz wichtig, unseren Kindern Menschen zu präsentieren, die in einem Team (soziale) Verantwortung tragen müssen, bei aller Zielstrebigkeit durch Fairness zu Erfolgen kommen, das Leben anderer durch ihre Aktivitäten bereichern und die in ihrem Handeln Menschlichkeit erkennen lassen. Wir sind froh, für dieses Projekt mit dem ALBA BERLIN-Basketballteam zusammenarbeiten zu können. Zum einen hat ALBA in der "Subkultur" unserer Kinder einen gewissen Stellenwert, zum anderen können wir ein sauberes Team mit einem sauberen Umfeld präsentieren; es gibt weder eine Fanproblematik noch den Anschein von Unsauberkeiten im sportlichen oder gar privaten Bereich der Spieler. Ein prima Nebeneffekt ist, dass wir über die Zusammenarbeit unsere Kinder zum eigenen Basketballspiel "verleiten" und sie so vom Fernseher fern halten! Höhepunkte der bisherigen Zusammenarbeit waren die Beteiligung von zwei ALBA-Spitzenspielern an unserem innerschulischen großen Basketballturnier sowie die Einladung von über 100 Kindern zu einem Bundesligaspiel; geplant sind in der neuen Saison Begegnungen mit Stammspielern im Klassenraum. Wir versprechen uns gerade von solchen Begegnungen viel: die "Stars" werden greifbar, entzaubern sich selbst, vermitteln den Kindern, dass sie weder klug noch sportlich erfolgreich geboren wurden und dass zum Erfolg Arbeit und Disziplin, nicht aber die Faust und die Heimtücke führen. Und genau hier schließt sich ein Bogen: Hier werden greifbar und praktisch Werte vermittelt, deren Diskussion und Fixierung ein Ausgangspunkt unserer Anti-Gewalt-Arbeit waren und deren Betrachtung uns bei allem begleitet hat!
Vom Wert von Werten...
Warum gehört nun Werteerziehung zur Gewaltprävention? Gewaltprävention heißt ja nicht, ein Gewaltpotenzial einfach stillzulegen - das könnte auch ein gutes Psychotraining, eventuell auch ein Medikament oder vielleicht der in den USA praktizierte Ansatz, Jugendliche durch brutalen Anpassungsdruck in Besserungslagern so zu konditionieren, dass allein der Gedanke an Gewalt mit einem gewissen Unbehagen verbunden ist. Gewalt muss dort bekämpft werden, wo sie entsteht, und das ist bei zurechnungsfähigen Menschen, wozu Kinder mit überwältigenderer Mehrheit als die übrige Bevölkerung zählen, im Kopf. Kindern und Heranwachsenden muss vermittelt werden, dass Gewalt bedeutet, jemand anderem, einem Mitmenschen, etwas zu nehmen, was man für sich selbst unbedingt reklamiert, beispielsweise die körperliche oder psychische Unversehrtheit. "Mag ja sein", wird das Kind sagen, "Prügel sind mies, aber genau das will ich ja, weil ich mich nicht anders zu wehren weiß...!" Und genau hier beginnt unser Erziehungsauftrag. Wir haben die Kinder in die Lage zu versetzen, sich zu helfen, sich gewaltfrei wehren oder auch sich beherrschen zu können. Letzteres vielleicht dadurch, dass das Kind (Grund-)Werte so im Bewusstsein, ja sogar im Unterbewusstsein verfügbar hat, dass allein der Gedanke, einem anderen Rechte "abkaufen" zu wollen, eigene Schmerzempfindungen hervorruft. Dazu muss das Kind die in Frage kommenden Werte und die daraus abzuleitenden Rechte so verinnerlicht haben, dass es sie als Teil der eigenen Persönlichkeit, die es dafür zu schätzen (und zu lieben!) gilt, begreift. Schule hat, da sie in Gruppen stattfindet, dafür hervorragende Vermittlungsmöglichkeiten, wenn sie sich nur selbst diesen Auftrag gibt und sich dieser Verantwortung stellt. Und wenn sie in der Lage ist, sich selbst so zu verändern, dass ihre eigene Glaubwürdigkeit nicht in Frage zu stellen ist!
Werte - aber welche?
Werte vermitteln also! Ja - aber welche? Es geht hier nicht um die so genannten Tugenden, also nicht etwa um "Guten Tag", "Bitteschön", "Dankeschön". Es geht auch nicht darum, der alten Frau die Tasche zu tragen oder in der U-Bahn aufzustehen. Zwar wird dies auch allenthalben schmerzlich vermisst, aber es geht um mehr, und zwar um die wichtigeren größeren Werte, die bei ihrer erfolgreichen Verankerung auch eine positive Veränderung von Verhaltensmustern bis hin zum Grüßen mit bewirken. Es geht um Toleranz, um Achtung und Respekt vor allen anderen Individuen, es geht um Offenheit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, es geht um Solidarität und um Hilfsbereitschaft Schwächeren gegenüber, es geht um Verantwortung für sich selbst, aber auch für andere, es geht um die Erkenntnis, dass der Wert eines Menschen sich nicht nach dem bemisst, was er hat, es geht um das Wissen, dass das Leben, die Unversehrtheit und die geistige Unabhängigkeit eines Menschen das Wertvollste ist, was er besitzt. Es geht um "mein" und "dein" und um Eigentum. Es geht auch darum zu vermitteln, dass jeder Mensch sich selbst und niemand sonst gehört und dass es zwar wichtig ist, zu kooperieren, aber verboten ist, andere zu beherrschen und sich ihrer zu "bemächtigen" oder sie für irgendetwas zu benutzen. Es geht darum, individuelle Selbstbestimmung und die aus dem Leben in Gemeinschaften erwachsenden Einordnungserfordernisse jeweils austariert unter den sprichwörtlichen einen Hut zu bringen, und es geht darum Gesetze, Regeln und demokratische Prinzipien als unverzichtbar, unverletzbar, aber auch als permanent hinterfragbar einzuordnen. Es geht darum, zu vermitteln, dass das Zusammenleben nur funktionieren kann, wenn man, wenn jeder, auch selbstlos bereit ist, Aufgaben für andere und zum Nutzen anderer zu übernehmen. Es geht um die Wahrnehmung, aber auch um die Koordinierung von Interessen und um Kompromissfähigkeit. Und es geht noch um einiges mehr...
Vermittlungsbasis
Nun arbeiten wir nicht nur in einer überaus multikulturellen Region, sondern haben es auch mit Kindern und Heranwachsenden aus sehr breit gefächerten kulturellen und sozialen Hintergründen zu tun. Nicht alle unsere Adressaten haben einen humanistisch geprägten Grundvorrat an feinen Wurzeln zur Werteerziehung, unterschiedliche religiöse Vorprägungen spielen eine gewisse Rolle, wenngleich diese geringer ist als allgemein angenommen wird, und die doch beeinflussende häusliche Daseins-Sinnfestlegung fällt oftmals sehr differenziert von Kind zu Kind aus. Aber ist das ein Problem? Darin liegt sogar eine didaktische Chance, denn Widersprüche sind die besten Gesprächsanlässe! Überhaupt sollte dieser Vorschlagskatalog auf gar keinen Fall als curriculare Festlegung, als eine Art Lehrplan verstanden werden; man braucht dafür auch kein installiertes Schulfach. Wertevermittlung muss Teil der täglichen Arbeit sein, man muss es wollen, man muss sich den Raum dafür schaffen und die Zeit dafür nehmen und man muss es tun! Und es klappt: Ich war unlängst in einer Klasse, die sich auf Grund einer Einladung unseres Bundespräsidenten mit dem Grundgesetz befasst hat, das wahrlich nicht zur kindlichen Rezeption getextet ist. Es war aber erfreulich erfrischend zu sehen, dass die Fünftklässler das sehr spannend fanden und durchaus vertieft darüber diskutieren konnten. Und alles, was im obigen Wertekatalog enthalten ist, wird von den ersten neunzehn Artikeln unseres Grundgesetzes abgedeckt: gute Werteerziehung ist kongruent mit guter politischer Bildung!
Vorbilder
Kann man aber Kindern in einer latent und zunehmend repressiveren, weil konkurrenzorientierteren Gesellschaft Werte vermitteln? Hier muss jeder, der dieser Angelegenheit Wichtigkeit beimisst, in sich gehen! Eltern und Lehrkräfte sollten gerade bei diesem Thema ihre Vorbildfunktion kritisch überprüfen, aber neben diesen ist keiner, kein Politiker, kein Medienmacher und auch nicht der Mensch auf der anderen Straßenseite aus seiner Verantwortung zu entlassen. Bund und Land wurden in letzter Zeit von einigen (politischen) Skandalen geschüttelt; es ging um Veruntreuung, um Betrugsverdacht, um Korruption und um andere justiziable Dinge. Kein Politiker ist dadurch aufgefallen, dass er sein Bedauern über seine Unkorrektheit oder gar sein Schamgefühl darüber zum Ausdruck gebracht hat - wie sollen wir Kindern Werte vermitteln, wenn es an Vorbildern mangelt? Und, nachdem ja Kinder oftmals auch zu Hause wie Mini-Erwachsene behandelt werden, was soll eigentlich ein Kind denken, wenn Papa am Küchentisch darüber schwadroniert, wie clever er mit seinem Fahrtenbuch umgeht? Mir sind Fälle bekannt, wo Eltern ihre Kinder in Versicherungsbetrügereien - es ging um ein Fahrrad und um eine Daunenjacke - hineingezogen haben; was können wir da mit Wertevermittlung ausrichten? Ein Vater hat seinen Kindern wahlweise einen Eisbecher oder einen Hamburger versprochen, wenn sie ihm mobile Geschwindigkeitskontrollen so rechtzeitig melden, dass sein Bremsweg zur Legalisierung der Geschwindigkeit seines Autos noch ausreicht. Er fand die Idee oberpfiffig, hatte mehrfach damit Erfolg, und es rechnet sich ja auch wirklich. Was aber lernen die Kinder? Dass es nicht darauf ankommt, Regeln einzuhalten, sondern nur darauf, nicht erwischt zu werden...! Und was soll man denken, wenn ein Zweitklässler einem erzählt, er hätte einen neuen Computer im Kinderzimmer, den der (freiberufliche) Vater ja von der Steuer absetzen könne... Die Verantwortung der Medien muss, gerade wenn es um Gewalt geht, nicht besonders hervorgehoben werden. Im Bereich der neuen Informationstechnologien sieht es aber derart schlimm aus, dass einem das bisschen TV-Gewalt schon wieder harmlos vorkommt. PC-Spiele, die nach wahren Blutbädern mit der "Enter"-Taste wieder in ein unbelastetes Leben zurückführen, sind geeignet, Gewaltschwellen abzubauen; schlimmer noch ist der Umstand zu werten, dass uns Lehrern schon die ersten Kinder begegnen, die virtuelle und reale Welten nicht mehr auseinander halten können. Unsere Schule stellt sich gern der Herausforderung an eine Medienerziehung, aber haben alle Eltern begriffen, dass ihr Kind nicht alles zum Spielen haben muss, dass Pornos weggeschlossen gehören und dass auch verbale Gewalt Gewalt ist? Kindermund tut ja oft Wahrheit kund; wir haben oftmals Anlass uns zu erschrecken, wenn wir erfahren, dass die Verbalinjurien unserer Kinder der häuslichen Kommunikation entsprechen - übrigens, ohne hier die Sprachebenen sozialen Schichten zuordnen zu können...
Schule muss bei sich selber anfangen...
Auch die Schule, und die zuerst, hat sich ihre Gedanken zu machen. Stehen wir alle hinter einem Wertekatalog? Können wir ihn gemeinsam vertreten? Können wir mit den Eltern in einen Dialog darüber eintreten und ihn kontinuierlich fortsetzen? Und verhalten wir uns, privat und im Beruf, so, dass wir das weitergeben, was wir selbst leben? Bringen wir eigentlich immer und allen Kindern den Respekt entgegen, den wir von ihnen uns und allen anderen Menschen gegenüber erwarten? Üben wir gegenüber Kindern nicht auch oft genug psychische Gewalt aus? Brechen wir von uns aus Konkurrenzstrukturen auf, fördern wir genug Teamgeist und Solidarität, halten wir die Starken an, den Schwächeren zu helfen, greifen wir bei Diskriminierungen und Ausgrenzungen ein und billigen wir allen Kindern den selben Wert und die selbe Bedeutung zu? Und wie gehen wir eigentlich im rauen Alltag mit uns selbst untereinander um? Haben wir alle inzwischen akzeptiert, dass - ob wir wollen oder nicht - uns Aufgaben zugewachsen sind, die weit über die Wissensvermittlung hinausgehen, ja, dass die Hauptlast der Erziehung von der Schule getragen werden muss, wenn die Familie ihrer Verantwortung nicht mehr nachkommen kann oder auch will?
Was sich die Grundschule zu fragen hat, hat sich natürlich - und erst recht! - die weiterführende Schule, aber auch der Ausbildungsbetrieb und die Berufsschule zu fragen. Wir erleben manchmal mit Entsetzen, dass unsere ehemaligen "Kleinen" sich nach ihrem Ausscheiden bei uns sehr negativ entwickeln und fragen uns, ob niemand in der Lage war, den falschen Kurs zu erkennen und korrigierend oder unterstützend einzugreifen. Wir fragen uns, ob unsere Erkenntnis, dass die institutionalisierte Erziehung dort einzugreifen hat, wo die Eltern überfordert sind, von anderen Pädagogen willentlich, aus Bequemlichkeit oder resignierend nicht so geteilt wird. Es ist mir unverständlich - und ein Ärgernis - dass die braunen, menschenverachtenden Dumpfbacken , die zur Wendezeit noch auf Grundschulbänken saßen und danach noch lange in demokratischen Strukturen Schulen und Ausbildungsstätten besucht haben, von niemand auf den richtigen (nicht rechten!) Weg gebracht werden konnten! Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Erzieher und Ausbilder alle zehn Jahre lang mit dem eigenen Wertetransfer beschäftigt waren...! Und einem dieser Oberteutonen etwas Stolz auf deutschen Humanismus und preußische Toleranz beizubringen, stelle ich mir leichter vor, als einem Palästinenserkind die Intifada auszureden oder Serben und Kroaten Respekt voreinander beizubiegen, damit sie in einer Schulbank untergebracht werden können!
Eine Aufgabe für uns alle!
An den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen können wir relativ wenig verändern. Zwar sind wir alle paar Jahre - und manchmal auch dazwischen - zu Wahlen aufgerufen, dürfen aber nicht verkennen, dass der moralische Führungsanspruch der Politik kontinuierlich geschwunden ist. Eine Shareholder-Value-Gesellschaft, die Massenentlassungen an der Börse feiern kann, die zulässt, dass auf der einen Seite immer mehr Menschen von einem erträglichen Auskommen abgehängt werden, auf der anderen Seite aber Anlageberater kaum nachkommen und dazwischen in der Masse der "Normalos" noch etliche mit illegalem "Abgreifen" oder zumindest mit dem Kampf mit den Ellenbogen zu tun haben, hat es schwer, ihre Kinder hochzubringen und zu überwiegend guten und vernünftigen Menschen zu machen. Umso mehr muss jede Möglichkeit genutzt werden, das Zusammenleben zu üben und kommunikative Formen zu gestalten, die die Menschen in die Lage versetzen, das Gute in ihnen - und jeder wird als Guter geboren! - zur Geltung zu bringen. Unsere Schule ist sehr reisefreudig. Mit Argwohn sehe ich zwar, dass Klassenreisen heutzutage auch schon als Konsumveranstaltungen in Jugendhotels abzuwickeln sind, wovon ich gar nichts halte, messe aber solchen gemeinsamen Unternehmungen eine größere Bedeutung als je zuvor bei. Dort kann das Zusammenleben geübt werden, und dort sollten alle gleich und jeder für alle da sein. Dort kann auch die beklagenswerte negative Individualisierung der Kindheit und Jugend aufgebrochen und der Heranwachsende mit seinem sozialen Umfeld - und nicht mit dem Minimalkonsens einer Subkultur - konfrontiert werden. Kinder brauchen Freizeit - ob gestaltet oder nicht - um sich entwickeln zu können. Die Entwicklung sozialer Kompetenz ist nicht von materiellen Dingen abhängig, dazu kenne ich zu viele wohlstandsverwahrloste Kinder; sie ist abhängig von Chancen, von Vorbildern, von der Vermittlung von Wertgerüsten ohne jedes Dogma und ohne einen geistigmoralischen Beherrschungsanspruch, den auch ich schon früher an den Erwachsenen so gehasst habe. Und alle Kinder brauchen eine Chance, sich frei entwickeln und entfalten zu können. Wer oben an seiner Zimmerpalme zieht, damit sie schneller wachse, entwurzelt sie höchstens! Geben wir also den Kindern Zeit und seien wir ihnen eine Stütze, ohne sie einzuengen! Und lassen wir sie wissen und erfahren, dass gewisse Grundwerte über die Jahrhunderte das Zusammenleben der Menschen positiv beeinflusst haben. Und machen wir unseren Kindern und uns klar, dass ein solcher Konsens nicht teilbar ist und das es zu gewaltigen Konflikten im Kleinen und im Großen kommt, wenn er beschädigt oder aufgegeben wird!
Deshalb gehört Werteerziehung zur Gewaltprävention; deshalb ist sie ihre Basis!
Werner Munk
ist Schulleiter der Reinhardswald-Grundschule Berlin-Kreuzberg und aktives GEW-Mitglied, u.a. war er verantwortlicher Redakteur der blz und ist seit langen Jahren LDV-Delegierter. |
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