Eine Schule für alle ist machbar
Das alternative Gesamtschulmodell Offene Schule Waldau besteht seit zwanzig Jahren.
von Achim Albrecht (Kassel) und Martina Brandes (Berlin)
Die Halbtagsschule deutscher Prägung ist eine Kommunikationsbehinderungsanstalt, die für Muße, Begegnung, Verweilen und sich Austauschen nicht geeignet ist. Sie ist ein wesentlicher Teil des im deutschen Schulwesen angelegten Strukturproblems: frühe Auslese und Eintüten in drei Schulformen, praxisferne LehrerInnenausbildung und ein unprofessionelles Bildungsmanagement von den Ministerien über die Schulämter bis zu den für ihre Aufgaben nicht ausgebildeten SchulleiterInnen. Doch es gibt auch andere Beispiele: Die Offene Schule Waldau (OSW) in Kassel.
Eine Schule für alle im Stadtteil
Gesamtschule von Klasse 5 bis 10 (also ohne Oberstufe) und das in einer Großsiedlung vergleichbar dem Märkischen Viertel, da erwartet man doch Folgendes: demotivierte LehrerInnen, frustrierte, lernunwillige SchülerInnen und eine Elternschaft, die mit den Füßen abstimmt. Aber nein, diese Schule hat doppelt so viele Anmeldungen, wie sie aufnehmen kann. Die OSW hat sich ins Schulprogramm geschrieben, dass jedes Kind aus Waldau, das bei ihr angemeldet wird, auch aufgenommen werden soll. So kommt die Hälfte der SchülerInnen aus Waldau, die anderen aus anderen Stadtteilen Kassels.
Fördern und Fordern
Bei der Aufnahme ihres Kindes in die OSW unterschreiben die Eltern einen Vertrag. Sie verpflichten sich dazu, dass ihr Kind an Klassenreisen, am gemeinsamen Religionsunterricht und am warmen Mittagessen teilnimmt. Außerdem verpflichten sie sich zum Besuch der Elternabende. Erscheinen Eltern unentschuldigt nicht, fragt die Schule nach, welche Gründe es für ihr Fernbleiben gab.
Alle Kinder eines neuen 5. Jahrgangs werden von ihrem Klassenlehrer-Team (jeweils eine Frau und ein Mann sind Co-Klassenlehrer) im Laufe der 5. Klasse zu Hause besucht. Nach den Herbstferien werden Förderpläne für einzelne Kinder aufgestellt, häufig schließen LehrerInnen mit den Kindern Verträge ab. Darin verpflichten sich die SchülerInnen zu einer bestimmten Lernleistung, die LehrerInnen zu auf diese Lernleistung bezogen unterstützende Maßnahmen. So verpflichtet sich etwa eine Schülerin des 7. Jahrgangs bis zu einem festgelegten Termin einen Experten zum Thema Staatsbürgerschaftsrecht zu interviewen und der Gesellschaftskundelehrer geht die Verpflichtung ein, die Fragen, die die Schülerin stellen will, vorher Korrektur zu lesen.
Miteinander reden
Die Schule sieht im Miteinander-Reden einen wesentlichen Teil ihres Erfolgs. Immer im Februar findet für alle SchülerInnen ein individuelles Gespräch statt, indem Eltern, KlassenlehrerInnen und SchülerInnen die Lernleistung des letzten Halbjahres bewerten und Ziele für das neue Halbjahr setzten. Normierte Selbsteinschätzungsbögen helfen diese Gespräche zu strukturieren. Eigens entwickelte „Beratungsmappen“ dienen als Gesprächshilfe. In ihr werden die Gespräche protokolliert. Elternabende finden oft mit allen Beteiligten gemeinsam statt.
Die SozialpädagogInnen der Schule konzentrieren sich auf die Arbeit mit den SchülerInnen des 5. und 6. Jahrgangs. Es werden je zwei Gruppen à 10 SchülerInnen gebildet. Die „schüchternen“ Mädchen und die „verhaltensauffälligen“ Jungen. Für diese Schüler wird ein spezielles Nachmittagsprogramm organisiert.
Anders lehren und lernen
Den SchülerInnen wird in jeder Unterrichtseinheit die Aufgabenstellung mindestens auf zwei unterschiedliche Niveau stufen angeboten. Gesellschafts- und Naturwissenschaften werden in den unteren Klassenstufen im Zusammenhang dargeboten, in den oberen Klassen gibt es die Möglichkeit in Leistungsgruppen diese Fächer zu vertiefen.
Die KollegInnen des Jahrgangs sprechen untereinander ab, wer welche Unterrichtsreihe vorbereitet. Die Materialien werden auf zwei Niveaustufen differenziert vorbereitet und dann im ganzen Jahrgang eingesetzt. Außerdem existiert ein Archiv mit Unterrichtsmaterialien. Auf diese Weise müssen die KollegInnen pro Halbjahr in der Regel maximal eine Reihe selbst vorbereiten. An die Arbeit mit Materialien, die sich andere ausgedacht haben, haben sie sich mit der Zeit gut gewöhnt. Weniger mit Unterrichtsvorbereitung befasst zu sein, bietet ihnen die Zeit, sich intensiver der Betreuung der einzelnen SchülerInnen zuzuwenden.
Wird ein Kind in die OSW eingeschult, wird es Teil eines Jahrgangs. Das scheint zunächst eine schlichte Selbstverständlichkeit, doch an der OSW bekommt der Jahrgang durch organisatorische und bauliche Maßnahmen eine besondere Bedeutung. Jeder Jahrgang hat seinen eigenen Bereich im Gebäude. Hier liegen die Klassenzimmer der sechs Parallelklassen, das Lehrerzimmer der LehrerInnen des Jahrgangsteams (12 LehrerInnen und eine Sonderpädagogin) und ein Materialraum um eine gemeinsam genutzte Freifläche für Pausen und andere den Rahmen des Klassenraums sprengende Aktivitäten. Ein LehrerInnen- Team übernimmt einen Jahrgang in der Klassenstufe 5 und begleitet ihn bis zum Abschluss der 10. Klasse. Dabei wird darauf geachtet, dass jede Klasse möglichst einen Klassenlehrer und eine Klassenlehrerin hat. Auch beim Fachunterricht versucht man, möglichst viel Unterricht durch die KollegInnen des Jahrgangsteams abzudecken, d.h. zwischen SchülerInnen und LehrerInnen können sich stabile soziale Beziehungen entwickeln.
Der stabile soziale Rahmen, den das Lernen im Jahrgangsverband bietet, wird durch weitere Rituale gefestigt. So überreichen die SchülerInnen des 6. Jahrgangs, nun nicht mehr die Kleinsten, sondern alte Hasen, die die Regeln kennen und deshalb kein Plakat mehr brauchen, auf dem diese aufgeschrieben sind, das Plakat mit der Hausordnung an den neuen 5. Jahrgang. Auf diesem Plakat stehen nur sechs Wörter: langsam und leise, friedlich und freundlich.
In den ersten Wochen wird von den LehrerInnen immer wieder auf diese Regeln hingewiesen, bis sie von den Schülern verinnerlicht worden sind. Besucher zeigen sich immer zuerst davon überrascht, wie ruhig es in an der OSW zu geht.
Einen wesentlichen Beitrag zu dieser ruhigen, entspannten und freundlichen Atmospäre trägt auch der gleitende Tagesbeginn bei.
Den Tag klar strukturieren
Die 0. Stunde (von 8.00 Uhr bis 8.45 Uhr) dient, jedenfalls in den unteren Jahrgängen, dem Ankommen der Schüler in der Schule. Sie wird zum Austauschen der neuesten Neuigkeiten, zum gemeinsamen Frühstück, aber auch zum Anfertigen von Schularbeiten genutzt. Für SchülerInnen, die zu Hause nicht arbeiten können oder wollen, kann auch verbindlich festgelegt werden, dass sie in dieser Stunde ihre Hausarbeiten zu erledigen haben. Dafür wird einer der sechs Klassenräume festgelegt, in dem sich an jedem Morgen die SchülerInnen einfinden, die hier ihre Aufgaben für den Tag erledigen.
Jeder Tag beginnt im Jahrgang 5, teilweise auch im Jahr gang 6, mit einem Morgenkreis. Unterricht findet in drei Blöcken à 1 ½ Stunden statt, unterbrochen von einer halbstündigen Frühstücks- und einer einstündigen Mittagspause. Einmal wöchentlich tagt der Klassenrat. In den unteren Jahrgängen in zwei in den höheren Jahrgängen in vier Stunden pro Woche arbeiten die SchülerInnen eigenständig. Sie bereiten Vorträge vor, die dann im Morgenkreis oder im Unterricht gehalten werden oder experimentieren im offenen Labor. Um 14.45 Uhr endet der Unterricht. Anschließend gibt es von 15.00 Uhr bis 16.30 Uhr ein Angebot an Sport- und anderen Arbeitsgemeinschaften.
Außerdem können die Hausaufgaben in der Schule erledigt werden, einzelne SchülerInnen werden verpflichtet, an diesen betreuten Hausaufgabenstunden teilzunehmen, sonst ist die Teilnahme am Nachmittagsprogramm aber freiwillig. Betreut werden die Gruppen zum Teil von älteren Schülern, die in einem Kurs den Jugendgruppenleiterschein erwerben, von studentischen PraktikantInnen und von Müttern und Vätern.
Evaluierung
Nicht nur als Lesemütter und BetreuerInnen von Arbeitsgemeinschaften nehmen Eltern aktiv am Schulleben teil. Sie werden auch eingeladen, als BeobachterInnen mit definierten Beobachtungsaufträgen an einzelnen Unterrichtsstunden teilzunehmen, um in schwierigen Situationen die LehrerInnen bei ihrer Erziehungsarbeit zu unterstützen. Alle zwei Jahre findet außerdem eine allgemeine Elternbefragung und jährlich eine Schülerbefragung zur Qualität des Schulbetriebs und Unterrichts an der OSW statt.
Daneben besucht sich das Kollegium so oft wie möglich gegenseitig im Unterricht, um sich pädagogisch und didaktisch zu beraten. Die Schulleitung sieht es als ihre Pflicht an, KollegInnen dafür im Rahmen ihres Unterrichtskontingents die Möglichkeit zu bieten. Einmal jährlich ziehen die Jahrgangsteams ganztägig eine Bilanz ihrer Arbeit. Außerdem organisiert die Schulleitung regelmäßig Kollegiumsfahrten zu Schulen mit interessanten pädagogischen Ansätzen, von denen die OSW lernen kann. Die Idee einer Lese-Olympiade wurde zum Beispiel von der IGS Göttingen übernommen und auch der Aufbau des Unterrichtsarchivs war das Ergebnis einer Studienfahrt.
Die OSW ist eine Versuchsschule. Sie erhält als solche eine höhere Zuweisung an LehrerInnenstunden als andere hessische Schulen. Sie wird wissenschaftlich begleitet, dadurch besteht ein großes Interesse von StudentInnen hier ein Praktikum zu absolvieren oder über die OSW eine Arbeit anzufertigen. Das bringt der Schule eine Anzahl unbezahlter, zusätzlicher pädagogisch gut ausgebildeter MitarbeiterInnen und gleichzeitig die Möglichkeit viele Dinge gut intern evaluieren zu können.
Keine Utopie
Das Ergebnis spricht für sich: Kein Sitzenbleiben. Praktisch alle erreichen einen qualifizierten Schulabschluss. Ein hoher Prozentsatz geht in der 11. Klasse in eine gymnasiale Oberstufe, ein Berufsgymnasium oder eine Fachoberschule über – trotz 40 Prozent Migrantenkindern. Bei PISA und den in Hessen landesweit statt findenden Vergleichsarbei ten schnitten die SchülerInnen der OSW überdurchschnittlich gut ab.
Eine Schule für alle ist machbar. Es handelt sich nicht um eine Utopie, sondern um ein ausgereiftes Konzept, das nachweislich zu guten Ergebnissen führt. Mehr Kinder erreichen höherwertige Schulabschlüsse. Weniger bleiben auf der Strecke. Man sollte meinen, wenn ein Schulversuch so erkennbar erfolgreich verläuft, könne nichts seiner Implementierung als Regelangebot entgegenstehen.
Wenn dies trotzdem nicht erfolgt, kann das eigentlich nur einen Grund haben. Es ist den Verantwortlichen zu teuer. Denn wenn wir nicht nur den Anspruch jedes Kind zu fördern, sondern auch die materiellen und personellen Rahmenbedingungen für diese Förderung übernehmen wollten, dann müssten im großen Umfang Gebäude umgebaut und müsste in erheblichem Maße zusätzliches Personal eingestellt werden. Das wäre eine gute Investition in unser aller Zukunft. Solange Politiker wie Sarrazin in Berlin Schulpolitik betreiben, können wir jede Hoffnung darauf allerdings getrost begraben.
Trotzdem sollten wir uns nicht selbst verbieten, für eine bessere Schule einzutreten. Wir sollten uns auch nicht auseinander dividieren lassen, hier die aufgeschlossenen Schulreformer – Selbstausbeuter, dort die aufrechten Gewerkschafter – Betonköpfe. Klar sollte uns allen sein, das dreigliedrige Schulsystem passt nicht zu einer demokratischen Gesellschaft, es gehört abgeschafft wie das preußische Dreiklassenwahlrecht. Wir brauchen eine Schule, die für Kinder aus den so genannten bildungsfernen Schichten Nachteilsausgleich bietet. Das kann nur eine Schule sein, in der sie Kindern aus anderen Schichten begegnen und durch ihre MitschülerInnen und LehrerInnen vielfältige Anregungen erfahren, die ihnen ihr Elternhaus nicht bieten kann. Zu einer solchen Schule gehören Mittagessen, Aufgabenbetreuung und ein breites Angebot an Sport und musischen Aktivitäten. Kinder und Jugendliche gehören nachmittags auf den Sportplatz, in die Werkstatt oder ans Klavier aber nicht vor die Glotze und auch nicht in Kaufhäuser und auf die Straße.
Die OSW zeigt, dass eine solche Schule machbar ist. Kämpfen wir dafür, dass sie auch bei uns zur Realität wird.
Achim Albrecht war lange Jahre stellvertretender Vorsitzender der GEW und ist seit 1996 Pädagogischer Leiter der „Offenen Schule Waldau“ (OSW) in Kassel.Kontakt: www.osw-online.de oder: A.Albrecht@oswonline.de
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