Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
„König Drosselbart“ im Theater an der Parkaue bleibt unentschieden zwischen Reduktion und ‚Ausstattung’, zwischen Märchen und Modernisierung, zwischen offenem, einsehbaren Theater und alberner Kindertheaterei. Eine Entwicklung (etwa der Prinzessin) wird nicht sichtbar; das Elternpaar folgt ihr zwar heimlich in ihre Armutsexistenz als Bettlersfrau, gewinnt aber weder dramaturgische Funktion noch Aussagekraft (ab 5).-
„Angstmän“ bei Platypus ist ein ironisches Spiel mit Science-Fiction-Elementen und Problemen der Wirklichkeit. Jennifer ist allein zu Haus, zwischen der Freiheit des Machen-Könnens und der Angst vor (eingebildeten) Gefahren, die sich sehr schnell (und überraschend) materialisieren und sie leibhaftig terrorisieren. Die Gewalt löst sich schließlich auf; sie zerfällt und macht dabei EINE Quelle von Angst und Terror spielerisch deutlich. - Angstmän mischt wiederum sehr geschickt Deutsch und Englisch; das sorgt für die Verständlichkeit des plot: Vokabeln in action – könnte man sagen. Die Aufführung ist also äußerst attraktiv als Lernangebot und als munter und drastisch gespieltes Theater, das zudem einen guten Zugang zum Thema Angst und Gewalt ermöglicht (ab 10).
„So jung, so blond, so durch den Wind“ im Theater an der Parkaue: eine Vierzehnjährige mit Liebeskummer, sehr direkt und anziehend in ihrem Kontakt zum Publikum, die Mutter als (eingebildete?) Rivalin – das ist schlüssig und attraktiv. Der Umschwärmte ist Jacques, ein Herr mit eleganten Bewegungen und wenigen Worten - aber was ist er: eine Traumfigur? ein Hamlet? eine schlichter Bürger? ein stumpfer Idiot? Da ist nichts mehr klar oder verständlich – und das nimmt dem Stück leider einiges an Kraft und Wirkung. Was ich mir vorstellen könnte: die Aufführung noch mehr zum Publikum hin zu öffnen (ab 14).-
„Escape!“ – ein Klassenraumstück zum Thema Gewalt und Ausgrenzung, das über Briefe, Zeugnisse, Bilder einsteigt in ein Schülerschicksal und deutlich macht, wie jemand in Vereinzelung und Einsamkeit abrutschen kann, ohne dass ein spezifischer ‚Bösewicht’ auszumachen ist – aber auch ohne einen ‚Helfer’ zu finden oder aufgefangen zu werden in einer Gemeinschaft. Marc wendet Verlorenheit und Gewalt gegen sich selbst, endet im Selbstmord. - Seine Briefe und Zeugnisse halten Ablauf und Entwicklung fest; sie dokumentieren Etappen und Möglichkeiten an der Tafel und helfen mit bei dem intensiv und ernst gestalteten Nachgespräch, das ein Teil der Aufführung ist (ab 8. Klasse, evtl. früher; Informationen bei Rolf Hürter, 785 59 92 bzw. 0160 – 929 52 878). -
Immer wieder bewundernswert, wie das Orphtheater seine Hinterhofbühne immer wieder verwandelt. Diesmal in ein Arenatheater, in dem mit nur 5 Akteuren in wechselnden Rollen Chor und Hauptfiguren, Handlung UND Reflexion der „Perser“ des Aischylos realisiert werden. Bestürzend deutlich gemacht werden die Ereignisse; drastisch und direkt werden Überheblichkeit und Sterben gezeigt, dabei die antike Form des Chorischen mit Live-Percussion und diszipliniertem, ausdrucksstarken Sprechen aufgegriffen. Zum Schluss freilich weder Einsicht noch Katharsis, sondern Kampf aller gegen alle.(ab Sek II; sehr geeignet als Einführung in die antike Tragödie!).-
„Draußen tobt die Dunkelziffer“ im Gorki-Theater: ein intelligenter Text zu Konsumzwang und Schuldnerberatung, zugedeckt leider durch zu viel Ausstattung und zu viel ‚Theater’ um jeden Preis. –
UND: ein neues Theater, Ballhaus Ost (Pappelallee 15); eigene Räume für Theater Thikwa und die English Theatre Group: F 40 (Fidicinstraße 40); eine eigene Etage für Zirkus Internationale (Adolfstr. 12, Wedding); eine bemerkenswert gute Aufführung: Die Zentrifuge spielt „Der Verschollene“ nach Kafkas Amerika-Roman (ab Sek. II).- |