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Nr. 7-8 / 2006: Mut zur Wende - 5 Stunden weniger

Mut zur Wende – 5 Stunden weniger

Kampagne zur Arbeitsentlastung der Lehrkräfte der GEW BERLIN.

von der AG Arbeitszeitverkürzung

Die Landesdelegiertenversammlung der GEW BERLIN hat am 30. Mai 2006 die Kampagne „Mut zur Wende: 5 Stunden weniger“ beschlossen. Ziel der Kampagne ist es, zur Abgeordnetenhauswahl am 17. September die Parteien dazu zu bringen, in ihre Wahlprogramme Elemente der Arbeitsentlastung für Lehrkräfte aufzunehmen, die dann später über eine Vereinbarung zwischen der GEW und der Bildungsverwaltung festgeschrieben werden sollen. Angesichts der Machtverhältnisse erscheint dies auf den ersten Blick illusorisch und kaum durchsetzbar. Und dennoch: Viele gute Argumente sprechen für die Forderung – nicht zuletzt in Zeiten des Wahlkampfes.

Warum fordern wir die Reduzierung um fünf Zeitstunden?

Die Lehrerarbeitszeit misst sich an den Pflichtstunden. Dazu kommen zahlreiche andere Tätigkeiten im Rahmen der Vor- und Nachbereitung, die beispielsweise von der Schulart abhängig sind oder von individuellen Arbeitsweisen und Einstellungen. Zwar lässt sich überwiegend der Umfang dieser Tätigkeiten auf die Pflichtstundenzahl zurückführen. Viele Kolleginnen und Kollegen haben in diversen Diskussionen und Umfragen zu erkennen gegeben, dass eine Entlastung nicht nur – oder sogar nicht ausschließlich – über eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl möglich wird. Auch kleinere Klassen oder zahlreichere Ermäßigungsstunden können zu einer spürbaren Entlastung beitragen.

Warum nun fünf Stunden weniger?

Faktisch würde eine Realisierung dieser Forderung für jede Kollegin und jeden Kollegen eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit um eine Stunde bedeuten – oder die Reduzierung der üblichen Wochenendarbeit um einen beträchtlichen Teil. Geht man weiterhin davon aus, dass die wöchentliche Arbeitszeit bei vollbeschäftigten Lehrerinnen und Lehrern im Schnitt vielfach 50 Stunden (und mehr) beträgt, so bedeutet eine Reduzierung um fünf Zeitstunden eine Annäherung an die – unter Berücksichtigung der Ferien – wöchentliche Arbeitszeit von etwa 44 Stunden pro Woche. Diese durchschnittliche Wochenarbeitszeit ergibt – auf das Jahr gerechnet – die Jahresarbeitszeit, die andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst zu erbringen haben.

Mindestens sieben gute Gründe sprechen für „5 Stunden weniger“

Gerecht!

Auch die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer misst sich an der Arbeitszeit des öffentlichen Dienstes. Arbeitet der Verwaltungsbeamte also 40 Stunden, so muss dies auch – Stichwort Arbeitszeitgerechtigkeit – für die Pädagoginnen und Pädagogen gelten. Von dieser Annahme sind stets auch die zahlreichen Arbeitszeituntersuchungen der letzten Jahrzehnte ausgegangen. Alle kamen zu dem gleichen Ergebnis: In der Regel liegt die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer – unter Berücksichtigung der Ferien – für alle Schularten über, keinesfalls unter der regulären Jahresarbeitszeit von ‚anderen’ Angestellten und Beamtinnen und Beamten. In einem sehr umfassenden Gutachten kam Ende der neunziger Jahre die von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen beauftragte „unabhängige“, den Gewerkschaften nicht nahestehende Unternehmensberatungsfirma Mummert + Partner zu eindeutigen Ergebnissen: Während die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im öffentlichen Dienst bei 1702 Stunden liegt, kommen die Lehrerinnen und Lehrer unter vergleichbaren Bedingungen auf 1767 Jahresstunden. (Pressemitteilung des Finanzministeriums Nordrhein-Westfalens vom 1.12.1998)Wie alle anderen Untersuchungen zur Lehrerarbeitszeit blieb auch diese letztlich folgenlos: Die Arbeitszeit wurde nicht reduziert. Im Gegenteil. Seit Jahren haben alle Bundesländer die Unterrichtsverpflichtung teils deutlich erhöht. Spätestens seit Pisa wird selbstverständlich verlangt, dass die zahlreichen Reformen umgesetzt werden: Schulprogrammarbeit, diverse Leistungstests, zusätzliche Konferenzen ... Völlig unbeachtet bleiben hierbei Belastungen, die von vielen Experten bestätigt werden und von den meisten Pädagoginnen und Pädagogen tagtäglich empfunden werden: Schwierigere Schülerinnen und Schüler, hohe Lärmpegel und ein wachsender Erwartungsdruck seitens der Eltern und der Öffentlichkeit.

Wer von Arbeitszeitgerechtigkeit im öffentlichen Dienst spricht, muss die Forderung nach einer Reduzierung der Arbeitsbelastung vorbehaltlos unterstützen.

 

Längst überfällig!

Gemessen an früheren Unterrichtsverpflichtungen arbeiten Berliner Lehrerinnen und Lehrer, wie auch die Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern, heute deutlich mehr. Neben teils sehr gravierenden Erhöhungen der Pflichtstundenzahlen (beispielsweise 2003 für den 2. Bildungsweg um 4 Unterrichtsstunden) sind zahlreiche Ermäßigungstatbestände (vor allem die Altersermäßigung) weggefallen. Allein die letzte Verlängerung der Arbeitszeit, so der Tagesspiegel vom 7. März 2006, kostete darüber hinaus 1450 Lehrerstellen. Damit wurde auch mindestens genau so vielen ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen die Chance auf eine berufliche Perspektive in Berlin genommen und eine ausgewogene Altersstruktur in vielen Schulen verhindert.Doch es ist nicht nur bei der Verlängerung der Arbeitszeit geblieben: Zunehmend sind parallel dazu teils erhebliche finanzielle Einbußen zu verkraften – vom Wegfall des Urlaubsgeldes über die Reduzierung des Weihnachtsgeldes, bescheidene Gehaltszuwächse unterhalb der Inflationsraten und teils drastische Einschnitte in der Gesundheitsversorgung. Lehrerinnen und Lehrer arbeiten also deutlich länger für immer weniger Geld.

Wenn wir heute eine Reduzierung der Arbeitszeit fordern, korrigieren wir lediglich Fehlentwicklungen der letzten Jahre.

Mehr als berechtigt!

Nun haben sich nicht nur gut bezahlte Agenturen mit der Arbeitszeit der Lehrkräfte beschäftigt, sondern auch ein gewisser Herr Blume, ein hochrangiger Mitarbeiter in der Senatsschulverwaltung, hat sich in höherem Auftrag im Sommer des letzten Jahres Gedanken gemacht. Am Beispiel eines Studienrats (einem Mann) mit der Fächerkombination Englisch/Erdkunde hat er versucht, die gesamte Jahresarbeitszeit (neben der Pflichtstundenzahl) einer Lehrkraft zu „berechnen“. Auch er geht da-von aus, dass sie im Jahresdurchschnitt nicht mehr arbeiten soll als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Unter Einberechnung der Ferien kommt er zu dem Ergebnis, dass dies im Schnitt 44 Stunden und 14 Minuten sein sollten. Also rechnet und rechnet der Herr Blume (übrigens ist er Mathematiker) und stellt schließlich fest – wie könnte es auch anders sein –, dass unser Studienrat fürwahr nur 44 Stunden und 15 Minuten im Schnitt arbeitet. Dieser fiktive Studienrat ist allerdings ein ganz besonderer, schafft er es doch auf erstaunliche Weise Grundkursklausuren in Englisch in 20 Minuten zu korrigieren. Einen Erdkundetest in der neunten Klasse schafft er in etwa 10 Minuten, sagt der kluge Herr von der Senatsverwaltung über den fürwahr fiktiven Lehrer. Zu diesen „Setzungen“ kommen zahlreiche andere, deren Herkunft jeweils diffus bleibt.

Setzen wir einem dermaßen plump und dreist argumentierenden Dienstherrn die berechtigte Forderung nach einer deutlichen Reduzierung der Arbeitszeit entgegen!

Dringend erforderlich!

Lehrerinnen und Lehrer gehören mit zu den häufigsten „Kunden“ von Psychologen; sie nehmen in großer Zahl an Entspannungs- und Antistress-Kursen teil, leiden in beachtlicher Zahl unter Depressionen – und funktionieren für gewisse Zeit dennoch. Zahlreiche Untersuchungen über die Arbeitsbelastungen zeigen, dass die unterschiedlichsten Anforderungen im schulischen Alltag für einen erheblichen Teil der Kolleginnen und Kollegen schon seit längerer Zeit nur noch auf Kosten der eigenen Gesundheit zu bewältigen sind. Beachtet man zudem, dass diese Untersuchungen noch vor den flächendeckenden Erhöhungen der Pflichtstundenzahlen und vor den hektischen Antworten auf PI-SA vorgenommen wurden, so lässt sich unschwer vermuten, dass die oben erwähnten Kurse auch weiterhin großen Zulauf haben. Spätestens wenn die Belastungen zu Langzeiterkrankungen führen, die individuellen Strategien zur Vermeidung des Schlimmsten also versagt haben, wird deutlich, dass ein kluger Arbeitgeber reagieren müsste – eigentlich. Er tut es nicht. Stattdessen bestimmen Unterausstattungen an den Schulen den schulischen Alltag. Dadurch steigt der Druck auf die Arbeitsfähigen immer weiter. Gesünder werden davon die Wenigsten.

Eine Reduzierung der Arbeitsbelastungen ist auch eine Investition in die Zukunft. Wer aus den Beschäftigten viel herausholen will, muss auch in sie investieren.

Absolut notwendig!

Spätestens seit PISA fordern landauf, landab Politiker aller Parteien: Qualität, Qualität, Qualität. Zahlreiche mehr oder weniger sinnvolle Reformen sind auf den Weg gebracht worden: Von der Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre, Vergleichsarbeiten aller Art, vom Zentralabitur und dem Mittleren Schulabschluss bis zu schulinternen Curricula, Fortbildungen und vielem mehr ist die Rede – nur nicht davon, wie dies alles von den Kolleginnen und Kollegen zu leisten ist. Will man all diese Reformen und Reförmchen auch nur einigermaßen erfolgreich realisieren, braucht man Zeit, viel Zeit, beispielsweise um sich selbst mit neuen Themen vertraut zu machen, Arbeitsabläufe zu diskutieren, Bücher zu lesen, sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, mit Schülern und Eltern zu sprechen oder Fortbildungsveranstaltungen zu besuchen.

Viele Reformen und gute Qualität brauchen Zeit.

Sozial und kulturell geboten!

Als Bertrand Russell 1955 in seinem „Lob des Müßiggangs“ vorschlug, die tägliche Arbeitszeit auf vier Stunden zu begrenzen, begründete er dies u.a. wie folgt: Ich meine, mit vierstündiger Arbeitszeit sollte sich der Mensch das Anrecht auf seinen Unterhalt und den elementaren Lebenskomfort erwerben können, während er den Rest seiner Zeit verwenden sollte, wie es ihm passt. Wesentlichen Anteil an jedem derartigen Gesellschaftssystem würde eine fortgeschrittenere Bildung als die heute übliche haben; sie sollte unter anderem anstreben, Neigungen und Interessen zu wecken, die dem Menschen eine gescheite Verwendung seiner Mußezeit ermöglichen.“ – Übrigens kommt „Muße“ vom griechischen scole, woraus sich das Lateinische schola, zu Deutsch: Schule (!) ableitet.

Seit Russell diese Überlegungen zu Papier brachte, hat es der technische Fortschritt möglich gemacht, mit immer weniger Menschen immer schneller und besser und mehr zu produzieren. Durchschnittlich steigt seit einigen Jahren die Produktivität in der Bundesrepublik um etwa 1,5 Prozent pro Jahr. Dennoch sind wir immer weiter davon entfernt, uns auch nur vorzustellen, dass der technische Fortschritt tatsächlich und in erster Linie dem Wohle der Menschen nützt. Ganz im Gegenteil: Der Druck auf die Beschäftigten steigt stetig, die Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Einzelnen scheinen grenzenlos.

Dies gilt nicht zuletzt auch für die Schule: Während Kinder mit Blick auf eine spätere Berufstätigkeit immer früher in Kitas und Schulen systematisch „ausgebildet“ werden sollen und damit die Zeit für das mittlerweile vielfach verpönte spielerische Erlernen der Wirklichkeit zurückgedrängt wird, erfolgt mit der Reduzierung der Schulzeit auf 12 Jahre eine ungemeine Verdichtung des Bildungsprozesses. Wo bleibt da noch Zeit zum kritischen Reflektieren, zum Faulenzen und Erholen, wenn zwischen 8 und 16 Uhr oder noch länger immer mehr für die einzelnen Fächer gearbeitet werden muss. Wo bleibt noch die Zeit für die Pädagoginnen und Pädagogen in einem System, das immer mehr von (unsinnigen) Vergleichsarbeiten aller Art und einem institutionalisierten Leistungsdruck diktiert wird, sich letztlich dem Einzelnen in aller Ruhe zu widmen?

Wer die Bildungseinrichtungen nur dazu nutzt, um aus den Kindern und Jugendlichen unter hohem Leistungsdruck stets mehr „rauszuholen“, darf sich nicht wundern, wenn die Bildung zu kurz kommt und die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler gleichermaßen ausgelaugt sind.

Politisch und gewerkschaftlich angezeigt!

Die Zeiten, sich dem ökonomischen Mainstream entgegenzustemmen, scheinen in der Tat ungünstig zu sein. Machtvoll, zu machtvoll sind ganz offensichtlich die, die einen schlanken Staat, Privatisierung, Lohnzurückhaltung und längere und flexiblere Arbeitszeiten bei qualitativ höherer Leistung fordern und praktizieren. Trotzdem gelingt es nicht, die Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen und das Wachstum – sprich: die Binnenkonjunktur – nachhaltig anzukurbeln. Ganz erfolglos ist diese Politik aber nicht, steigen doch die großen Geldvermögen weiterhin überproportional. Geld ist also da, nur nicht mehr beim Staat, der in den letzten Jahren durch zahlreiche Steuerreformen recht großzügig zur Umverteilung von unten nach oben beigetragen und daher selber weniger zum Ausgeben hat. Zumindest ein Teil des Geldes, mit denen die Schulen personell und materiell besser ausgestattet werden könnten – und damit auch die Reduzierung der Arbeitszeit finanzierbar wäre – ist also nicht einfach weg. Es ist nur woanders: Sei es bei den Aldis, den Lidls, den Ackermanns – oder irgendwo im weltweiten Finanzkreislauf auf der Suche nach noch mehr Renditen. Dieses Geld – seien wir bescheiden, zumindest einen Teil davon – wieder von dort zurückzuholen, ist gewiss nicht leicht. Es erfordert letztlich eine Neuausrichtung der Politik, die – seien wir ehrlich – so schnell nicht zu erwarten ist. Was allerdings mindestens erreicht werden kann, ja muss, ist die Diskussion über Alternativen zu der herrschenden, letzten Endes perspektivlosen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der letzten Jahre. Die Auseinandersetzung über die Arbeitszeit im Allgemeinen und die Lehrerarbeitszeitzeit im Besonderen ist ein Beitrag, um diese Diskussion zu befördern. Sie wird, ja sie soll auch provozieren. Sie erfordert gute Argumente – die haben wir – und Ausdauer – die brauchen wir. Wer weiter gute Argumente sucht, findet sie in den Büchern im Anhang. Wer noch Kondition braucht, sollte sie sich in den Kollegien mit den anderen zusammen antrainieren.

Wer heute eine Verkürzung der Arbeitszeit fordert, muss mit harter Gegenwehr rechnen und einen langen Atem haben. Schließlich geht es auch um eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

 Literatur, die Mut und schlau macht:

+ Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht. Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft, München 2003

+ Peter Bofinger: Wir sind besser, als wir glauben, München 2005.

+ Heiner Flassbeck: 50 einfache Dinge, die Sie über unsere Wirtschaft wissen sollten. Frankfurt/M 2006

+ Albrecht Müller: Die Reformlüge, München 2004

+ Albrecht Müller: Machtwahn, München 2006

+ U. Müller / S. Giegold / M. Arhelger (Hrsg.): Gesteuerte Demokratie. Wie neoliberale Eliten Politik und Öffentlichkeit beeinflussen, Hamburg 2004

+ Heribert Prantl: Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit, München 2005

+ Internet: www. nachdenkseiten.de

 

 

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