| Eine Reform ist längst überfällig
Die Ausbildung der ErzieherInnen muss besser werden
Aufbewahren oder erziehen? Das ist für ErzieherInnen schon längst nicht mehr die Frage. Ihre Ausbildung muss überarbeitet werden. Nur dann können die Tageseinrichtungen für Kinder zur ersten Stufe des deutschen Bildungssystems werden.
In der Tätigkeit des berufliche Erziehens hat es von Beginn an zwei Richtungen gegeben. Es gibt die Richtung der Aufbewahrung von Kindern, deren Verwahrung und Schutz vor Unbill auf der Straße, weil die Eltern - gemeint sind eigentlich die Mütter - durch ihre Arbeit außer Haus nicht in der Lage waren oder sind, für eine angemessene Betreuung der Kinder zu sorgen. Und es gibt die Richtung der Förderung, das was eigentlich unter dem klassischen Kindergarten zu verstehen ist. Die Mütter sind zu Hause oder nur geringfügig berufstätig, aber die Eltern halten es aus Gründen der Förderung für vernünftig, ihre Kinder zusätzlich mit anderen Kindern unter Anleitung spielen zu lassen. Der klassische Kindergarten ist auch nur stundenweise am Tage geöffnet.
Unterschiedliche Berufsgänge
Historisch betrachtet ist es keineswegs so, dass diese beiden Gruppen von Kindern in den Institutionen aufeinander trafen. Vielmehr war es so, dass die "verwahrten" Kinder jünger und länger am Tage in Einrichtungen der öffentlichen Erziehung untergebracht waren. Selbstverständlich erfuhren auch diese Kinder eine Förderung, aber es war eben nur eine Aufgabe neben den anderen, wie die der körperlichen Pflege und Versorgung. Diese unterschiedlichen Zielrichtungen haben sich lange gehalten und ihre direkten Auswirkungen auf die Ausbildung des Personals gehabt: Es gab die weniger qualifiziert ausgebildeten Kinderpflegerinnen in der Bundesrepublik, die besonders für die Kinder unter drei Jahren gedacht waren, aber auch die differenziertere Ausbildung in der DDR zur Krippenerzieherin, Kindergärtnerin oder Hortnerin.
Änderungen nach der Wende
So ist auch erklärlich, warum es nach der Wende zu erheblichen Verwerfungen und Ungereimtheiten in den neuen Bundesländern kam, als mit dem veränderten Auftrag der Kindertageseinrichtung durch das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz die Eigenständigkeit der pädagogischen Einrichtungen in familienergänzende Einrichtungen, so wie es in der Bundesrepublik seit ihrem Beginn war, umgewidmet wurden.
Die Tageseinrichtung für Kinder, so der gesetzlich korrekte Begriff, wird in der Bundesrepublik immer in Abhängigkeit zu den real existierenden erzieherischen Möglichkeiten der Familie definiert. In Berlin wird dies besonders augenscheinlich, da die Dauer des Aufenthaltes eines Kindes in der Tageseinrichtung vom Jugendamt und nicht von den Eltern bestimmt wird. Sie ist keine unabhängige öffentliche Bildungseinrichtung wie die Grundschule, sondern eine Einrichtung, die zur Ergänzung der Familie ausgestaltet und politisch unterstützt wird. Trotz aller öffentlichen Beteuerungen ist die Tageseinrichtung nicht die 1. Stufe des deutschen Bildungssystems.
Absonderliche Prioritäten
Augenfällig wird dies an der Setzung der politischen Prioritäten wie etwa mehr privates Erziehungsgeld statt Geld für die öffentlichen Erziehungseinrichtungen oder die nach der PISA-Studie vorschnell geäußerte Vorstellung, die Schulpflicht vorzuverlegen. Die wissenschaftliche Erkenntnis über die hohe Bildungsfähigkeit gerade der jüngeren Kinder hat unsere europäischen Nachbarn schon vor mindestens einem Jahrzehnt zu einem neuen Bildungskonzept für Kinder unter sechs Jahren bewogen. Und es hat sich offenbar auch ausgezahlt, wie die Ergebnisse der PISA-Studie zeigen. Selbstverständlich ist man dort auch von der Ausbildung der Erzieherinnen auf niedrigem Niveau abgerückt.
Aber selbst wenn die verantwortlichen Bildungspolitiker in der Bundesrepublik sich zu einem Bildungskonzept für die Tageseinrichtung für Kinder entschließen würden: Wer sollte es erfolgreich umsetzen? Hier soll nicht der Eindruck entstehen, als würden die heutigen Erzieher keine einsatzfreudige Arbeit leisten. Die Erzieherinnen selbst beklagen das Missverhältnis von der Qualität ihrer Ausbildung zu den Anforderungen der Eltern und Kinder, gelegentlich auch der Politiker. Mit den jetzt ausgebildeten Erzieherinnen wird der Kindergarten nur schwer zur 1. Stufe des Bildungswesens in Deutschland ausgebaut werden können.
Kritik an der gängigen Ausbildung
Es sind vor allem drei Kritikpunkte an der derzeitigen Ausbildung hervorzuheben: die Zulassungsvoraussetzungen zur Fachschule, die Dauer der Ausbildung, die fachpraktische Ausbildung.
Zur Fachschule für Sozialpädagogik muss jede Person mit einem mittleren Bildungsabschluss zugelassen werden. Außer einem weiteren Jahr an einer Berufsfachschule gibt es keine weiteren Eignungskriterien, etwa persönliche Voraussetzungen, auch keine Altersbegrenzung nach unten. Da aber auch Personen mit Abitur oder mit einer Berufsausbildung oder Mütter mit Kindern zugelassen werden können, ist die Mischung der Klassen ( Frequenz 27 ) sehr vielfältig, die nur dann pädagogisch genutzt werden könnte, wenn es sich nicht um Bedingungen des schulischen Lernens handeln würde: 12 verschiedene Fächer die Woche, Klassenarbeiten, mündliche Beteiligung, Versetzungen; also all die Bedingungen, die auch schülerhaftes Verhalten von früher wieder hervorholen und in großem Gegensatz zu der notwendigen Persönlichkeitsbildung einer Erzieherin stehen. Selbständiges, kreatives, aus eigenem Interesse entwickeltes Lernen wird in der Fachschule hochgehalten, aber kaum selber hergestellt. Auch ist die Fachschule selber sozial eingestellt, d.h. das Niveau wird an den Schwächeren ausgerichtet. Die Ausbildungsdauer beträgt zwei vollschulische Jahre mit einem integrierten Praktikum von drei Monaten sowie einem beruflichen Anerkennungsjahr.
Das erste Schuljahr besteht aus dem Probehalbjahr, dem dreimonatigen Praktikum und weiteren drei Monaten Schulzeit; das zweite Jahr ist durch eine aufwendige schriftliche Prüfung gekennzeichnet. Die Unterrichtszeit mit 32 Wochenstunden ist durch ein straffes schulisches Lernprogramm geregelt, welches zudem durch Rahmenpläne von 1988 bestimmt wird. Neuere Entwicklungen wie etwa interkulturelle oder besondere ökologische Schwerpunkte finden nur Berücksichtigung zu Lasten anderer Fachinhalte, z.B. aus der Soziologie oder Psychologie. An das Lernen einer Fremdsprache ist gar nicht zu denken.
Fachpraktische Ausbildung als Lotteriespiel
Die fachpraktische Ausbildung erfolgt in drei Monaten während der Schulzeit und während des Berufspraktikums im Anschluss an die zwei Schuljahre nach bestandener Prüfung. Letzteres wird bezahlt. Von den Reformideen der Bildungsverwaltung weiß man, dass dieses geändert werden soll. Dadurch wird dann eine besonders hoch motivierte Gruppe in der jetzigen Erzieherausbildung, die Berufswechsler, nahezu ausgeschlossen. Diese Personen, die höchstens das geringe Schüler-Bafög erhalten, haben in den zwei Jahren der schulischen Ausbildung, vor allem in den Schulferien, Geld dazu verdient und somit zwei Jahre überbrücken können. Die Qualität der fachpraktischen Ausbildung selber ist sehr unbestimmt. Es herrscht immer noch die Vorstellung, allein in der sozialpädagogischen Praxis tätig zu sein, würde zu einer fachpraktischen Ausbildung führen. Nur wenige Erzieherinnen haben eine Ausbilderausbildung, nur wenige bekommen für die Ausbildung der zukünftigen Kolleginnen eine angemessene Freistellung. Daher kommt die Güte der fachpraktischen Ausbildung für die Schülerinnen einem Lotteriespiel gleich.
Arbeiten in Europa verwehrt
Unter europäischen Maßstäben ist der Abschluss der deutschen Erzieherin zwar formell anerkannt worden: wollen deutsche Erzieherinnen im vorschulischen Erziehungsbereich arbeiten, werden ihnen jedoch keine entsprechenden Stellen angeboten, weil sie über die dort verlangte Qualifikation nicht verfügen, denn die Ausbildungen der Erzieherinnen im Ausland für den Bereich der vorschulischen Bildung erfolgen an der Hochschule.
Ich bin hier nur auf das Arbeitsfeld Tageseinrichtungen für Kinder eingegangen, weil die Ausbildung eine sogenannte Breitbandausbildung ist und auch zur beruflichen Tätigkeit in der Jugendarbeit oder im Heim berechtigt. Die hiermit verbundenen Probleme sind wiederum ganz anderer Art.
Barbara Schmitt-Wenkebach |