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Nr. 7-8 / 2006: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

„Nippes und Stulle spielen Froschkönig“ bei Atze: ein munteres Spiel zweier Gören um Theatermachen, Familienverhältnisse und einen ersten Kuss (ab 6 Jahren). -

Gratulation den Hans Wurst Nachfahren!  Sie spielen seit 25 Jahren, seit geraumer Zeit im schönen eigenen Haus am Winterfeldtplatz. „Aladin und die Wunderlampe“ wird in weiter Spiellandschaft mit Ruhe und Gelassenheit sorglich, fast betulich entwickelt, mit hoher Sprach-, Sprech- und Spielkultur ohne Anbiederung an Gegenwartsjargon (ab 5). -

In der Werkstatt bringt Grips mit „Flimmer-Billy“ das Publikum zum Jubeln. Zum Nachdenken vor allem die Eltern: wie sich mit Kindern und Fernsehern umgehen lässt und auch ein fernsehverrückter Flimmer-Billy zu heilen ist. Und überdies ist das Lehrstück über Kommunikationsstile (in einer deutschen und einer bosnischen Familie) so nebenbei ein Plädoyer für fremde Kulturen und Integration von beiden Seiten, eine Lehrstunde über Theater und das Theatermachen – und ein ungemein spannender Spaß (ab 6). –

Ebenfalls in der Werkstatt „Marstraining“; leider ein Missgriff: formal (viele kurze Szenen, in denen vor allem geredet wird); inhaltlich (die bevorstehende Landung von Außerirdischen führt bei zwei Jungen zu einer Serie von sich steigernden Mutproben mit immer schlimmeren Folgen bis hin zum Totschlag), in der Handlungsführung (die Abenteuer der Jungen werden mit der Pflege einer behinderten Schwester verknüpft – das ist fast absurd). Die Jugendlichen sind allein, Erwachsene werden nicht sichtbar. Dadurch aber bleiben auch die Jugendlichen abstrakt, umgebungslos. Nur irgendwo dahinten ist auch ein Schulhof. Also: kaum zu empfehlen. –

„Das Schiff der Träume“ in der Jugendstrafanstalt Plötzensee beginnt mit eher beliebigen, spannungslosen, konventionellen Szenen, die aber mehr und mehr eine eigene Welt, ein (nicht nur) hierarchisch bestimmtes Netz von Beziehungen, eine geschlossene Anstalt etablieren, in der es schließlich bestürzend intensiv um Fragen von Moral, Gesetz, Recht, Gerechtigkeit geht und Lebensträume formuliert werden. Die Aufführung steigert sich zu einem starken Eindruck – durch die Kraft der Jugendlichen und die gekonnte Nutzung einer großen Eingangshalle. Eine vorzüglich, nicht nur theaterpädagogische Arbeit (ab Sek II). -

Im Studio der Schaubühne „Augusta“, ein Dreipersonenstück, in dem der amerikanische Autor witzig und unterhaltsam gegenwärtige Arbeitsbedingungen ins Spiel bringt; eine letztlich erschreckende Sozialdiagnose. Sehr geeignet, um mit 10. oder 13. Klassen über Berufswahl und Arbeitsklima zu sprechen. -
Im großen Haus wird Tschechows „Platonov“ mit Ruhe und Kraft als ein breites Panorama entwickelt: eine umfassende Welt, sehr „russisch“, aber zugleich vieles arg vertraut. Sehr zu empfehlen ab Sek II, wenn die Zuschauer Geduld mitbringen und sich auf fremde Figuren einlassen können. –

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