| Die Entstehung eines Schulleitungsteams, dem mehr als ein Fünftel des Kollegiums angehört, in einer Reinickendorfer Hauptschule
In Gymnasien oder Gesamtschulen sind Schulleitungsteams schon auf Grund der vielen direkt oder indirekt zur Schulleitung gehörenden Beförderungsposten gegeben. Wie sieht es aber an den anderen Schultypen aus, bei denen die Schulleitung in der Regel aus zwei oder bei größeren Schulen aus drei Personen besteht? Ist hier nicht die Gefahr sehr groß, dass Entscheidungen in dem sehr kleinen Schulleitungsrahmen schnell und nicht immer unter Einbeziehung aller wichtigen Fakten und Gedanken getroffen werden müssen? Dass der optimale Weg manchmal dadurch nicht gefunden und nicht beschritten wird? Eine weitere Auswirkung werden ebenfalls viele kennen: Die Grundlagen für eine von der Schulleitung getroffene Entscheidung sind nicht bekannt. Damit beginnen Spekulationen oder Unterstellungen, die auf Grund mangelnder Kommunikation in der Schule zu Unruhe und offenen oder versteckten Konflikten führen.
Ausgangspunkt war eine Notlage
In der Paul-Löbe-Oberschule, einer von sechs Hauptschulen in Reinickendorf, wurde 1992 ein junger Kollege der Schule für den pensionierten Vorgänger zum Konrektor gewählt und ernannt. Bereits ein Jahr später stand dieser vor der Situation, dass der Schulleiter, mit dem sich eigentlich aus der Sicht des Konrektors eine längerfristige gute Zusammenarbeit anbahnen sollte, die Schule verließ. Was nun? Aus dem Kollegium wollte sich niemand für den Rektorenposten bewerben, der Konrektor hatte ursprünglich auch nicht dieses Ziel, musste sich aber nun überlegen, eventuell mit einem fremden Bewerber die schwierige Situation einer Hauptschule meistern zu müssen.
Wie schwer die Schulleitungstätigkeit ist, wenn die Mitglieder der Leitung nicht die gleichen Einstellungen oder Intentionen haben, kennen einige aus Erfahrung. Also kam ein Teil des Kollegiums auf die Idee, zusammen mit dem nun kommissarischen Schulleiter ein Team aufzubauen:
Sechs KollegInnen fanden sich für die Vertretungsplanung, die seitdem täglich wechselnd von zwei der sechs organisiert wird. Es treten etwas mehr Fehler als vorher auf, aber das führt zum Mitdenken der KollegInnen und vor allem zur fast absoluten Transparenz. So gibt es kaum noch negative Spekulationen über Bevorzugungen oder Benachteiligungen. Als opulenten Ausgleich erhalten die "VertretungsmanagerInnen" jeweils eine Ermäßigungsstunde aus dem Verwaltungsstunden- und Konrektorentopf. Nach sechs Jahren hat sich eine der Kolleginnen aus der Gruppe als Konrektorin zur Wahl gestellt und ist nun offiziell ernannt worden.
Transparenz und möglichst breite Kommunikation
Trotzdem bleibt das Team bestehen, zu dem vier weitere gehören, die beim Stecken des Stundenplans mitarbeiten. Also schon zu einem frühen Zeitpunkt in die Planungsgedanken für das kommende Schuljahr einbezogen werden. Diskussionen über Klassenleitertätigkeiten, Einstellungsvorgaben, über Fächerzuweisungen und vor allem über die Einbeziehung der Wünsche aller Teile des Kollegiums werden in Teamsitzungen geführt. Denn die Ausgangsthese, dass die Arbeit einer Schule am effektivsten und am besten ist, wenn möglichst viele sinnvolle Wünsche erfüllt werden können, wird von allen Teammitgliedern vertreten. In mindestens der Hälfte der sechs Gesamtkonferenzen werden Informationen vom Team an alle anderen weitergegeben. Dass jedes Teammitglied zu allen Zeitpunkten zwischen den Konferenzen Auskunft geben kann und soll, ist selbstverständlich. So kann sich jedes Kollegiumsmitglied im Prinzip zu jeder Zeit an zehn KollegInnen wenden, die Auskunft geben können. Wer etwas wissen will, muss nicht spekulieren. Dass es trotzdem einige Wenige gibt, die sich ihre eigenen, teilweise unfundierten Gedanken machen, weil sie ihre Fragen gar nicht oder nicht zur richtigen Zeit stellen, kommt aber auch noch vor. Die Ermäßigung für die "Planstecker" beträgt sage und schreibe ein bis zwei Ermäßigungsaufsichten pro Woche. Hinzu kommt aber auch eine große Zufriedenheit über die geleistete Arbeit und das positive Ergebnis.
Einhaltung der demokratischen Regeln
Es versteht sich beinahe von selbst, dass kein einziger Euro des Schuletats ohne Zustimmung des Finanzausschusses, der von jeder Kollegin aufgesucht werden kann, ausgegeben wird. Die Vorgaben vom Schulträger werden allen bekannt gegeben. Ein pauschaler Schulleitungsetat existiert ebenfalls nicht. Die ständig offenen Tür der Schulleitungsräume sind Ausdruck der völligen Transparenz der gesamten Schulleitungsarbeit. Dass Hausmeister und Sekretärinnen in einer wöchentlichen Dienstbesprechung in die schulische Kommunikation einbezogen werden, gehört ebenfalls dazu.
Bei der Entwicklung eines schulprogrammähnlichen Konzeptes wurden immer wieder offene Teamsitzungen und so genannte Kneipenrunden, deren Termine im Lehrerzimmer ausgehängt wurden, durchgeführt und einiges in Gang gesetzt.
Auch in unserem Kollegium hat es zu einigen Zeitpunkten Skeptiker dieser Art der Schulleitung gegeben. Es wurden personalrechtliche Bedenken geäußert, weil nicht gewählte bzw. benannte Personen an Entscheidungsprozessen beteiligt wurden. Annahmen, dass die Teammitglieder sich gegenseitig bevorteilen, sind auch hier und da aufgekommen. Wer sich aber die Mühe gemacht hat, solchen Annahmen nachzugehen, fand keine Grundlagen dafür. Einmal im Jahr wurde in der Gesamtkonferenz über die Zusammensetzung des Teams diskutiert und abgestimmt. Bei inzwischen 45 KollegInnen gab es in nun neun Jahren einmal drei Gegenstimmen.
Vertrauensvolles Gesamtklima
Daher kann z.B. der eventuell bevorstehenden Beurteilung durch die Schulleitung in einem solchen System ohne Probleme entgegen gesehen werden. Für solche Beurteilungen muss ein klarer, allen bekannter Kriterienkatalog erarbeitet werden. Das Schulleitungsteam ist nur der erste Ort der Diskussion. Je nach Willen des zukünftig zu beurteilenden Kollegen, sind verschiedene Gremien denkbar, die am Beurteilungsverfahren beteiligt werden können. Die Wahl von innerschulischen Vertrauensleuten, das Einbeziehen einer individuellen Vertrauensperson des zu Beurteilenden und die Auswahl einer weiteren Person aus dem Schulleitungsteam sollten von der Gesamtkonferenz beschlossen werden können.
Mit dieser Vertrauensbasis zwischen Kollegium und Schulleitung ist eine wichtige Voraussetzung für ein vertrauensvolles Gesamtklima in der Schule geschaffen. Dies ist in diesen Tagen besonders aktuell und wichtig.
Helmut Hochschild
Schulleiter der Paul-Löbe-Oberschule |