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Nr. 09/2002
Integration in Vietnam
Susanne Arbeiter arbeitet seit eineinhalb Jahren mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Hue, Zentralvietnam. Ihre Aufgabe ist es, in Zusammenarbeit mit den vietnamesischen Partnern ein "Erziehungsprogramm für Kinder mit geistigen Behinderungen" zu entwickeln, das sich als Modell zur Übernahme durch die Schulbehörden eignet.

Vietnam - ein Land mit viel zu wenigen Schulmöglichkeiten für Kinder mit Behinderungen. Abgesehen von einigen Sonderschulen in den Großstädten haben die meisten Kinder mit Behinderungen keine Chance, eine Schule zu besuchen. Und dennoch gibt es auch in diesem Land schon den heftigen Streit um "Integrationspädagogik" contra "Sonderpädagogik", der durch ausländische Non-Governmental-Organizations (NGO's) in Gang gesetzt, in einem Ort wie Hue, wo es weder das eine noch das andere gibt, eigentlich jeder Grundlage entbehrt. In einigen Provinzen gibt es allerdings schon seit Jahren laufende Projekte zur Integration behinderter Kinder, die durch schwedische, amerikanische und britische NGO's finanziert werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der sozialen Integration. Alle Kinder haben das Recht, in die Schule zu gehen, aber lernen sie dort auch etwas? Dem Anspruch, dass nicht das (behinderte) Kind sich an die Schule anpassen müsse, sondern dass die Schule sich für alle Kinder öffnen und sich ihren individuellen Bedürfnissen anpassen müsse, kann meist nur sehr begrenzt entsprochen werden. An den in der Regel sehr dürftigen äußeren Bedingungen der vietnamesischen Schulen, den hohen Klassenfrequenzen, der minimalen Ausstattung, der mangelhaften Ausbildung der LehrerInnen, dem Frontalunterricht und dem rigiden Prüfungssystem haben diese Projekte nicht grundsätzlich etwas ändern können.

Das Programm, in dem der DED in Hue mitarbeitet, ist der Medizinischen Hochschule angegliedert, wo sich ein engagierter Arzt seit Jahren für die Belange behinderter Kinder und ihrer Familien einsetzt. Seit langer Zeit war den vietnamesischen Partnern die große Anzahl geistig behinderter Kinder aufgefallen, für die man mit den herkömmlichen Rehabilitationsmaßnahmen nichts machen konnte, für die es aber auch keine Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten gab. Versuchsweise wurden daher im April 2001 auf privater Ebene drei Sonderklassen für Kinder mit geistigen Behinderungen im Alter von 5 bis 17 Jahren eröffnet. "Erfahrungen sammeln" und "Lehrerinnen ausbilden" waren die Ziele. Ohne jegliche Ausstattung, Erfahrung oder Ausbildung, aber mit sehr viel gutem Willen begannen wir mit diesem neuen Arbeitsbereich praktisch von "Null". Ein Experiment, das sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten erstaunlich schnell und gut entwickelte. Die beteiligten Lehrerinnen, für deren Ausbildung und Anleitung ich u.a. zuständig bin, zeigten einen großen Lerneifer und viel Ausdauer und sind nach einem Jahr der praktischen Arbeit mit fortlaufender pädagogischer Begleitung in der Lage, ihre Aufgabe gut und weitgehend selbständig zu erfüllen. Ich habe selten eine so große Freude und echte Begeisterung bei Lehrerinnen darüber erlebt, dass ein Kind etwas gelernt hat, wie hier. Eine sehr positive Voraussetzung ist auch die allgemein unter Vietnamesen verbreitete Zuneigung zu Kindern.

Die Sonderklassen sind ein erfolgreiches Kleinprojekt, das relativ kostspielig und daher nicht zur flächendeckenden Nachahmung geeignet ist. Auch ist die Zukunft sowohl der Sonderklassen als auch der Kinder, die dort lernen, ungewiss. Selbst wenn einzelne Kinder hier gute Fortschritte machen, ist es bisher sehr unwahrscheinlich, dass sie später ins Berufsleben integriert werden können. Es war aber nötig, diesen ersten Schritt zu gehen, um zu zeigen, dass wir, eine Abteilung der Medizinischen Hochschule, in diesem pädagogischen Feld Erfahrung und Know-how haben. Ziel war von Anfang an, im Sinne der Nachhaltigkeit Modelle zu entwickeln, die auch auf breiter Ebene verwirklicht und langfristig weitergeführt werden können. Dafür bietet sich in erster Linie das vorhandene Schulsystem an. In unseren Sonderklassen haben wir eine Reihe von Kindern, die zwar in die Grundschule eingeschult worden waren, aber im Laufe des ersten Schuljahres nicht mehr mitkamen und daher die Schule verlassen mussten.

Es lag daher nahe, zunächst den Vorschulbereich ins Auge zu fassen. Dies erschien auch deshalb sinnvoll, da es in Vietnam keine Einrichtungen zur Frühförderung gibt, es aber wichtig ist, Kinder mit Behinderungen so früh wie möglich pädagogisch zu fördern. In Vietnam gibt es ein gut ausgebautes Kindergartensystem. Obwohl der Besuch des Kindergartens freiwillig ist und daher die Gebühren von den Eltern selbst aufgebracht werden müssen, besuchen viele Kinder den Kindergarten, besonders im letzten Jahr vor der Einschulung. Da bietet der Kindergarten mit einem weitgehend akademischen Curriculum eine direkte Vorbereitung auf die Grundschule, die Fünfjährigen lernen schon Anfänge des Lesens, Schreibens und Rechnens. Andererseits bietet der Kindergarten, der altershomogene Klassen hat, ein vielfältiges Angebot an Aktivitäten, die auch für behinderte Kinder ein sinnvoller Lernstoff sind. In den ersten drei Jahrgangsstufen des Kindergartens wird viel gesungen und gespielt, praktische Tätigkeiten wie Zähneputzen und Händewaschen werden täglich geübt. Das Repertoire der Erzieherinnen (hier Lehrerinnen genannt) in Bezug auf Bewegungslieder, Klatschreime, Gruppenspiele usw. ist beeindruckend. Es gibt immer wieder Phasen des Frontalunterrichts schon für 3 bis 4-Jährige, z. B. um die Farben zu lernen bzw. abzufragen, aber diese Arbeitsweise bereitet die Kinder eben gut auf den hier in allen Schulen vorherrschenden Unterrichtsstil vor. Dazwischen gibt es viele Freispielphasen, in denen im Gruppenraum verschieden Spielecken aufgebaut werden und die Kinder frei wählen können, mit wem sie was spielen wollen. Bei Klassengrößen bis zu 45 Kindern mit zwei Erzieherinnen ist es sehr hilfreich, dass die Kinder schon früh lernen, mitzuhelfen und z. B. den Raum für eine andere Tätigkeit (Freispiel, Mittagessen, Mittagsschlaf) umzuräumen.

Im März dieses Jahres begann das von uns initiierte Pilotprojekt in zwei Kindergärten in Hue. Nachdem die hiesigen Gesundheitsbehörden, wahrscheinlich aufgrund des Unvermögens geistige Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen im frühen Kindesalter zu diagnostizieren, nicht in der Lage waren, uns die Namen von Kindern mit geistigen Behinderungen im Kindergartenalter zu nennen, griffen wir zu einem sehr viel erfolgreicheren Mittel, dem Lokalfernsehen. Nach zweimaliger Ansage über das Fernsehen kamen genügend Eltern zu unseren Einschulungsuntersuchungen. Wir wählten 14 Kinder im Alter von 2-6 Jahren aus, die sich dem Eindruck nach für eine Integration eigneten. Kriterium war, dass sie keine schwere Körperbehinderung hatten, sich also selbst fortbewegen konnten, und sich vom Sozialverhalten her in eine große Gruppe einordnen konnten. 8 Mädchen und 6 Jungen besuchten dann von Mitte März an die beiden Kindergärten. In Absprache mit den Kindergartenleiterinnen wurden die behinderten Kinder in jüngeren Klassen aufgenommen, einmal weil sie in ihrer Entwicklung zurückliegen und zum anderen damit sie mehr Jahre im Kindergarten verbringen können, bevor der Schritt in die Schule ansteht.

Das Pilotprojekt stellt eine Kombination von praktischer Integration und Lehrerfortbildung dar. Begleitend zu der Aufnahme der Kinder wurde ein dreimonatiger Fortbildungskurs für zwölf Erzieherinnen und die beiden Kindergartenleiterinnen einmal pro Woche samstags durchgeführt. Hier wurden sowohl die Grundlagen des Integrationsgedankens behandelt als auch Wissen über Ursachen und Prävention von Behinderungen und Theorien des Lernens und Lehrens vermittelt. Der Schwerpunkt lag aber auf der Diskussion aktueller Fragen und Probleme und praktischen Übungen wie der Herstellung von Lehr- und Lernmitteln, dem Einüben von Lernspielen, Vorbereitung von differenzierten Unterrichtsstunden, Hospitation in den Sonderklassen, Begutachtung des Lernstandes von Kindern und Erstellung von individuellen Lernprogrammen.

Unser Team, bestehend aus mir, der deutschen Entwicklungshelferin, und der vietnamesischen Programmassistentin, begleitete die praktische Arbeit während der Woche durch regelmäßige Besuche in den Kindergärten, Unterrichtsbeobachtungen, Gespräche mit den Erzieherinnen und Kindergartenleiterinnen sowie Foto- und Videodokumentation. Von Anfang an wurde deutlich, dass die Erzieherinnen das wichtigste Potential dieses Pilotprojektes sind. Mit ihrem Geschick und ihrer Erfahrung schien es für sie kein besonders großes Problem zu sein, diese Kinder in ihren Klassen aufzunehmen. In vielen Fällen konnten wir auch beobachten, dass die Erzieherinnen den behinderten Kindern Extra-Aufmerksamkeit schenkten, wenn dies nötig war. Z.B. verstanden die Kinder nicht immer die Aufgabe, die allen Kindern gestellt war, oder diese Aufgabe war noch zu schwer für sie. Die Erzieherinnen berichteten an den Kurstagen immer wieder voller Freude und Stolz von Fortschritten, die sie bei den behinderten Kindern innerhalb kurzer Zeit hatten beobachten können.

Als Fazit kann dieses Integrationsprojekt als gelungen bezeichnet werden. Dennoch ist deutlich, dass in so großen Gruppen, in denen meist nur eine Erzieherin aktiv ist, während die zweite anderen Tätigkeiten nachgeht, ein behindertes Kind nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen kann, wie es sie manchmal braucht. In einer Sonderklasse, in der eine Lehrerin sechs behinderte Kinder unterrichtet, kann jedes Kind viel gezielter gefördert werden. Unserer Erfahrung nach kann man also nicht ganz auf Sonderklassen verzichten. Dennoch, wenn zukünftig das Augenmerk auf eine qualitative Verbesserung gelegt und gewährleistet wird, dass die behinderten Kinder in den Kindergärten und Schulen nicht nur anwesend sind, sondern auch etwas lernen, ist die Integration der Weg, der sich für ein Land praktisch ohne Sonderschulen, wie Vietnam es ist, eignet. Integration sollte nicht auf die Kindergärten beschränkt bleiben. Hierfür wäre aber ein grundlegendes Umdenken und eine Reform der Grundschulen nötig.

Nur gilt hier genau wie in anderen Ländern: Integration kann zwar "lowcost" aber nicht "nocost" gemacht werden. Wenn man glaubt, durch die Integration sozusagen umsonst davon zu kommen, wird dieser positive Anfang in kurzer Zeit wieder in sich zusammenfallen. Die Schulbehörden von Hue wären nun an der Reihe, dieses Modell zu übernehmen, die Leistungen der Erzieherinnen anzuerkennen und zu honorieren, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern und langfristige Pläne zu entwerfen, wie die Integration der Kinder in die Grundschule gewährleistet werden kann. Der DED in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule haben hier nur einen ersten Anstoß gegeben, der in Zukunft, so ist zu hoffen, von den lokalen Behörden aufgegriffen wird.

Susanne Arbeiter
war Sonderschullehrerin an der Uckermark-Grundschule in Schöneberg. Seit 1995 ist sie in der Entwicklungshilfe tätig

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