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Nr. 10 / 2006: Nachhilfe ist uns lieb und teuer

Nachhilfe ist uns lieb und teuer

Der Kampf um den Berliner Bildungsmarkt geht in die nächste Phase.

von Mario H. Kraus, Mediator

Draußen dreißig Grad, drinnen zwei Tische mit Stühlen, an der Wand eine Tafel. Davor drei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen vierzehn und sechzehn. Mäßig interessiert, aber noch ansprechbar. Das Thema ist Gleichungslehre, der Lehrer ein Student, die Veranstaltung ein Nachhilfekurs. Das Pauken beginnt schon vor Schuljahresbeginn. In den Filialen der großen Nachhilfe-Anbieter finden in den Ferien Intensiv- und Einstiegskurse statt. Das Ringen um gute Noten für Lehrstelle oder NC-Studienplatz wird jedes Jahr pünktlich eröffnet.

Boombranche Nachhilfe

„Der Schulerfolg darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“, so die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn im Sommer 2005 bei der Vorstellung einer der wenigen Nachhilfe- Studien. Thorsten Schneider vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Köln ermittelte, dass jeder dritte Schüler im Westen und jeder vierte im Osten Deutschlands zeitweilig Nachhilfe beansprucht. Dass dafür schon mal 70 - 150 Euro im Monat draufgehen, steht nicht in der Studie, aber auf dem Kontoauszug der Eltern.

Seit 30 Jahren ist die Schülernachhilfe ein Wachstumsmarkt. Geldmaschine und Goldgräbermentalität sind noch harmlose Umschreibungen für die Branche. Der jährliche bundesweite Branchenumsatz wird, etwa von Infratest für den FOCUS, auf je eine Milliarde Euro im kommerziellen, aber auch im öffentlich geförderten oder privaten Bereich taxiert. Gründe sind Qualitätsmängel der staatlichen Schulen und elterliche Sorge um die Zukunft der Kinder. Die weitgehend unterschätzte kommerzielle Nachhilfe agiert in einer Grauzone, kaum behelligt vom Staat. Man hält sich bedeckt, will als offizielle Instanz erscheinen. So haben weder Bund noch Senat brauchbare Daten. Die Kultusministerkonferenz, sonst zuständig für alle Details der Schulbildung, zählt Nachhilfe zum Privatleben und weiß von nichts. Der diesjährige Bildungsbericht der Bundesregierung verschweigt das Thema, obwohl noch 2004 eine Vorstudie Recherchen anmahnte.

Nachhilfe-Marktführer sind der zum deutschen Bildungskonzern Cornelsen gehörende Studienkreis und die Schülerhilfe, Teil der amerikanischen Sylvan-Gruppe. Von den bundesweit zusammen etwa 2000 Filialen befinden sich 60 in Berlin. Dazu etwa 30 Filialen kleiner Ketten wie Lernstudio Barbarossa, Berliner Lernzirkel oder Lernwerk, ein halbes Dutzend Hausunterrichtsagenturen wie Intellego, Abacus oder der Nachhilfe- und Unterrichtsdienst und viele Einzelkämpfer. In Berlin geben mindestens 3.000 Personen regelmäßig Nachhilfe. Darunter sind viele Lehramtsstudenten, arbeitslose Lehrer, zunehmend auch Ruheständler oder Berufstätige. Alle stundenweise bezahlt.

Die Kundschaft sind saisonbedingt 15.000 bis 35.000 Berliner Schüler, Auszubildende oder Studenten. Der Jahresumsatz dürfte zwischen zehn und 25 Millionen Euro liegen. Dazu kommen einige Sozialprojekte auf Spendenbasis. Konkreter wird es nicht: Für Nachhilfe gibt es keine Kontrolle durch die Schulaufsicht und keine Dokumentationspflicht außer den üblichen gewerbe- und steuerrechtlichen Vorgaben. Vieles kann nur geschätzt oder durch vertrauliche Gespräche erfahren werden. Mit dem Schuljahr 2006/2007 wird der Konkurrenzkampf härter und durch Preisaktionen, Werbekampagnen und neue Anbieter erstmals öffentlich: Die Berliner Schulverwaltung betreibt noch knapp 800 Schulen mit 313.000 Schülern. 280.000 davon besuchen die für Nachhilfe interessanten Grund-, Gesamt- und Realschulen sowie die Gymnasien. Nach einer neuen Studie von Prognos AG und Robert Bosch Stiftung wird diese Zahl bis 2015 um ein Viertel auf 230.000 abnehmen. Das erklärt den Druck im Berliner Nachhilfe- Geschäft. Die Zeit vergeht schnell, bis dahin muss der Markt abgeschöpft sein.

Ängste werden gut verkauft

Bildung paradox, man verkauft Hilfe gegen Zukunftsängste und hofft dabei, dass die Lage schlecht bleibt. Gerade läuft eine als Professionalisierung ausgegebene Konzentration in der Branche. Auch solches Monopolstreben bezahlen die Eltern. Studienkreis und Schülerhilfe betreiben den Verband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN), ein Lobbyverband im bayerischen Falkenberg der praktisch eine Marktführerorganisation darstellt. Nachhilfe ist ein notwendiger Faktor für das Funktionieren unseres Schulsystems, so die Vorsitzende des VNN, Dr. Cornelia Sussieck. Nachhilfeschulen leisten eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe und sind ein notwendiger Teil des deutschen Bildungssystems, so Sussieck weiter. Der Bundesverband vertritt 2.050 privatwirtschaftliche Nachhilfeschulen und damit 75 Prozent der institutionellen Nachhilfe. Mit dabei sind die beiden Großen der Branche: Studienkreis und Schülerhilfe. Man erhebt einen Alleinvertretungsanspruch und verweist auf ständige Kontakte zu Politikern, Ministerien und Behörden auf allen Ebenen. Parlamente, Regierungen und Institutionen bitten den Verband um Stellungnahmen in wichtigen Angelegenheiten. Tatsächlich agiert der VNN kaum öffentlich, abgesehen von Pressemitteilungen. Man verweigert auch Auskünfte über die Methoden, nach denen der VNN Konkurrenten beurteilt, sowie die Zahl angeblich erfolgter Abmahnungen. Interessant sind auch die Personalien des Verbandes. So ist die VNN-Vorsitzende Inhaberin eines Nachhilfeunternehmens und Vorsitzende der Gütegemeinschaft INA-Nachhilfeschulen e.V. in Erftstadt, gegründet als Qualitätsgremium der Branche. Thomas Wilde ist gleichzeitig VNN-Kassenwart, INA-Vorstand und Inhaber eines anderen Nachhilfe-Unternehmens. Tobias Tafel ist Studienkreis- Geschäftsführer und stellvertretender VNNVorsitzender, war nach internen Informationen einst bei der Schülerhilfe. Sein Wechsel zum Studienkreis nach dessen Verkauf durch den Gründer 2003 gab Anlass zu internen Fusionsgerüchten. Der andere stellvertretende VNN-Vorsitzende, Norbert Milte, ist Geschäftsführer der Schülerhilfe.

Arrangement zwischen Staat und Branche

Bildung ist Ländersache, und die Länder ignorieren das Thema Nachhilfe, um die Schwächen des öffentlichen Schulsystems zu kaschieren. Immerhin unterscheidet das Berliner Schulgesetz zwischen anerkannten Ersatzschulen oder Ergänzungsschulen (§§ 94-103) und freien Einrichtungen und Privatunterricht (§ 104). Das war es dann auch schon. Staat und Branche haben sich arrangiert, die Eltern zahlen. Anbieter von Nachhilfe sind seit dreißig Jahren von der Umsatzsteuer befreit. Auch die dank ihrer Millionenumsätze nicht auf staatliche Förderung angewiesenen Marktführer. Während die Bevölkerung ab 2007 die größte Steuererhöhung der Nachkriegszeit tragen soll, profitieren große Unternehmen von Steuerentlastungen. Der entstehende Steuerausfall dürfte jährlich 150-180 Millionen Euro betragen. Die Eltern finanzieren derweil dreifach die Bildung ihrer Kinder: Steuern für die staatlichen Schulen, Raten für die Nachhilfe, dazu der Ausgleich der Steuerausfälle über allgemeine Preiserhöhungen. Das Bundesfinanzministerium verweist auf Artikel 13 (Befreiung bestimmter dem Gemeinwohl dienender Tätigkeiten) der 6. EG-Richtlinie und das Umsatzsteuergesetz. Die befreien jedoch nur staatliche und diesen gleichgestellte Schulen, nicht Anbieter von Nachhilfe. Deutlicher die kaum bekannte Umsatzsteuerrichtlinie 112. Zu den allgemeinbildenden oder berufsbildenden Einrichtungen gehören nach der Richtlinie Kurse zur Erteilung von Nachhilfeunterricht für Schüler und die Einrichtung braucht keinen eigenen Lehrstoff anzubieten. Daher reicht es aus, wenn sich die Leistung auf eine Unterstützung des Schul- oder Hochschulangebots bzw. auf die Verarbeitung oder Repetition des von der Schule angebotenen Stoffs beschränkt.

Steuerrecht als Instrument für Bildungspolitik

Nachhilfe wird so als Teil der Schulbildung anerkannt. Über das Steuerrecht, nicht das Schulrecht. Per Ministererlass und ohne Schulaufsicht. Steuerbefreiungen sind Subventionen und damit Zeichen politischen Willens. „Jahr für Jahr sorgen allein die Mitglieder unseres Verbandes dafür, dass über 50.000 Kinder und Jugendliche den Sprung in die nächste Klassenstufe schaffen, wir sparen den Steuerzahlern somit über 240 Millionen Euro“, so der VNN. Diese VNN-Pressemitteilung ist dreist. Nachhilfe kostet die Eltern ein Mehrfaches, das Geld fehlt der Kaufkraft. Aber hier zeigt sich wohl der Grund für die Toleranz des zweiten Schulsystems durch die Bildungsbürokratie. Bildung lässt sich leichter aus den Schulen verlagern als das Schulwesen reformieren, zumal die Schülerzahl ohnehin sinkt.

Unterdessen schöpfen die Firmen aus dem Vollen, wie etwa der Studienkreis. Teure Farbanzeigen in Tages- und Inseratenzeitungen, neues Werbekonzept und Qualitätszertifizierung ausgewählter Filialen durch den TÜV Rheinland dürften 2006 eine sechsstellige Summe kosten. Zertifikate bringen allerdings keine Erfolgsgarantien. Auch kann der TÜV nur Verwaltungsvorgänge und nicht die Kursqualität bewerten. Aber davon erfahren Eltern genauso wenig wie von der kürzlichen Aufstockung der Verwaltung in der Bochumer Zentrale. Man hat Erfahrung mit externer Beratung, seit der Eigentümerwechsel vor drei Jahren von der Münchner Unternehmensberatung Schmidt, Grund und Partner begleitet wurde.

Dank solcher Aufwendungen bleibt für die Lehrkräfte bei Nachhilfeketten und Agenturen nur eine kleine Entschädigung. Sie machen die eigentliche Arbeit, erhalten aber mit 5 bis 10 Euro je 45 Minuten nur etwa ein Siebentel der Einnahmen. Manche Filialen werden als Franchise auf eigenes Risiko betrieben. Die Räume stehen bis zu 80 Prozent der Zeit leer, da die Kurse nach der Schule stattfinden. Offenlegung der Kostenstruktur fürchtet die Branche fast so sehr wie ein leistungsfähiges Schulwesen. Man ist weitgehend organisiert wie ein Strukturvertrieb und wirtschaftet nach der Devise „Gewinne sind zu privatisieren, Risiken zu vergesellschaften“. Im Kundenkontakt fehlt Transparenz: Kaum ein Anbieter präsentiert im Netz Preise, aussagekräftige AGB oder Hinweise auf die vielfältigen Sonderkündigungsrechte. Erstere werden üblicherweise nur bei einem Beratungsgespräch, alles weitere höchstens auf energisches Drängen verraten.

Branchenführer mit schlechten Noten

So führte eine Umfrage der Stiftung Warentest Anfang 2006 zu nervösen Reaktionen einschließlich mehrseitiger Argumentationshilfen für den Kundenkontakt der Filialen. Obwohl nach Auskunft von Untersuchungsleiter Falk J. Murko nicht umfassend angelegt, hatte die Recherche Schwächen der Branchenführer und Preisvorteile privater Nachhilfe gezeigt. Von diversen Auswüchsen der Branche erfährt, wer etwa bei www.ciao.de unter dem Suchbegriff Nachhilfe die Erlebnisse von Eltern, Schülern und Lehrkräften nachliest. Nicht repräsentativ, aber amüsant. Und wer sich Hilfe suchend an den Verbraucherzentrale Bundesverband wendet, wird an die Aktion Bildungsinformation in Stuttgart verwiesen. Die bietet nicht nur dies, sondern auch Nachhilfe an. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Können schulische Lernziele wirklich von immer mehr Schülern nur mit Nachhilfe erreicht werden, muss die Losung Reform des Bildungswesens statt Privatisierung der Bildung heißen. Bezahlte Nachhilfe als normalen Teil der Schulzeit zu akzeptieren, heißt notwendige Reformen zu verzögern. Leider zahlen viele Eltern lieber, als sich für Verbesserungen in der Schule einzusetzen. Nachhilfe als Teil der Schulbildung unterläuft die Schulgeldfreiheit und fördert die finanzielle Abstufung der Bildungschancen. Die sind schon heute von Einkommen und Herkunft abhängig, wie die PISA-Studien der letzten Jahre zeigten. Unterdessen blickt die Branche schon begehrlich auf Studenten oder die Sprachförderung von Migranten und fürchtet die Ganztagsschule, Kaufkraftschwächung und Schülerschwund. Der Kampf um die Hauptstadt wird spannend. Und skurril, etwa wenn demnächst im nicht eben wohlhabenden Lichtenberger Plattenbau- Wohngebiet Fennpfuhl zwischen S-Bahnhof Storkower Straße und Anton-Saefkow-Platz auf 500 Metern Studienkreis, Schülerhilfe und ein ehrenamtliches Sozialprojekt um Schüler werben. Den Eltern bleibt zu raten, Fragen vor Vertragsabschluss zu stellen oder die Nachhilfe gleich privat zu organisieren, wie von der Stiftung Warentest empfohlen. Auf Hilfe vom Staat sollten sie nicht zählen.

 

 

 

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