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Nr. 10/2002
Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe ab 2003 geplant
Die neue gymnasiale Oberstufe - ein Missgriff!

Über die Presse wurde die Umgestaltung der gymnasialen Oberstufe angekündigt, aber weder dem Landesschulbeirat, noch Eltern und Schülern, Lehrkräften liegt ein konkreter Text vor. Dabei müsste die Parlamentsentscheidung bis Ende Dezember gefallen sein, damit die neuen Oberstufenschüler rechtzeitig informiert werden können. Wer so vorgeht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die öffentliche Debatte zu zentralen bildungspolitischen Festlegungen als lästige Einmischung anzusehen, die an möglichst kurzer Leine zu halten ist.

Was sind die politischen Vorgaben? Kürzere Wege zum Abitur, keine Abstriche in der Qualifizierung der Abiturienten, Erhöhung der Anzahl der möglichen Abiturienten, Erhalt der sechsjährigen Grundschule und der bisherigen Durchlässigkeit zwischen den Jahrgangsstufen 7 bis 10 aller Schularten. (Siehe auch Seite 5)

Der letzte Punkt - die Durchlässigkeit - bedingt, dass sich die Verkürzung nur auf die gymnasiale Oberstufe beziehen kann. Faktisch wird nur der Zeitraum 1. April bis 30. Juni des 13. Jahrgangs eingespart. Weit mehr als die Hälfte aller Schüler hat davon keinen Vorteil: Wer zur Bundeswehr muss, kann seine Ausbildung nicht vor dem Frühjahr des Folgejahres beginnen. Wer ein NC-Fach studieren will, hat erst zum Herbst eine Zulassungschance. (Potsdam will deshalb keine derartige Miniverkürzung.)

Die Verkürzung ist also unnütz, bringt aber wesentliche Nachteile. Die Zahl der Unterrichtsstunden wird für alle Schüler auf 34 Stunden pro Woche deutlich erhöht. Knapp 40 Stunden Anwesenheitszeit in der Schule - die unvermeidlichen Springstunden eingerechnet - werden zum Regelfall, ohne dass ein einziges Schulgebäude für den Ganztagsbetrieb hergerichtet wird. Die Integration, der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, endet in einer Sackgasse. Gleiches gilt auch für die Schüler nicht deutscher Herkunftssprache. Für die Förderung bestimmter Schülergruppen durch Zusatzstunden oder durch andere Maßnahmen bleibt keine Zeit mehr. AG's werden für Oberstufenschüler aus Zeitgründen zur Randerscheinung degradiert. Persönlichkeitsbildendes engagiertes Kulturschaffen, sei es als Musikveranstaltung oder als Theater, wird ihnen dramatisch erschwert. Gleiches gilt für den außerunterrichtlichen Sport. Der zeitlichen Beschleunigung Stand zu halten ist kein Ausdruck besseren Leistungsvermögens! Die Zahl der Abiturienten wird so verringert, nicht erhöht werden.

Die Verkürzung bedeutet Verdichtung des Unterrichtsstoffes. Wohlmeinend spricht man von "Entrümpelung", tatsächlich wird schlicht gestrichen. So ist z.B. zu vermuten, dass die Anzahl der Mathematikstunden pro Schüler deutlich gesenkt wird, wahrscheinlich um rund 20 Prozent. Mit Wirkung zum neuen nächsten Schuljahr sind für einige Fächer bereits Kommissionen tätig, um die Rahmenpläne zu durchforsten. In der dafür vorgesehenen Zeit von knapp einem Jahr kann dies nur Streichung und nicht qualitativer Umbau heißen, zumal die Inhalte der Klassen 7 bis 10 nicht angetastet werden. Mehr noch: Die zusätzliche Einführung des Zentralabiturs bedingt die Implementierung eines (Rahmen)lehrplans, aufbauend auf der Fiktion, es gäbe für die Fächer Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache ein wohldefinierbares Kerncurriculum. Statt in der Ausprägung der schulischen Profile, im Ausbau der Eigenverantwortung von Schülern und Lehrkräften für Inhalt und Art des Unterrichts voranzuschreiten, wird ohne Not der Zentralisierung das Wort geredet, wird abstrakte Vergleichbarkeit zum Maß aller Dinge erhoben. Und dies, obwohl das dezentrale Berliner Abitur bei allen Vergleichsstudien auf KMK-Ebene hohe Anerkennung erhielt. Da zudem die Wahlmöglichkeiten der Schüler im Kurssystem drastisch eingeschränkt werden - gleiches gilt für die Möglichkeit der Revision der als falsch erkannten Wahlentscheidung - wird der Anspruch "keine Abstriche bei der Qualität des Abiturs" in sein Gegenteil verkehrt. Die bisherige Gestalt der gymnasialen Oberstufe, die auf die prinzipielle Gleichgewichtigkeit der einzelnen Fächer setzte, auf Übernahme von Eigenverantwortung der Schüler für ihre Schullaufbahn, die in der Einheit von Unterrichtendem und Prüfendem eine wesentliche Bedingung für das Ziel der Studierfähigkeit anstrebte, diese Gestalt wird in ihrem Kern getroffen. Im Übrigen: Für jene rund 10 Prozent Schüler, die das Abitur nicht im ersten Anlauf bestehen, ist nicht erkennbar, wie sie sinnvoll in das Wiederholungsjahr eingegliedert werden können, wenn das Abitur am 31. März endet.

Und wie sieht es für die Lehrkräfte aus? Es muss von einer vielmonatigen Überlast von z.B. 26 Stunden pro Woche bis etwa zum 31. März ausgegangen werden, der sich nachfolgend eine "Entlastung" auf 20 Stunden anschließt, um im Jahresschnitt auf 24 Stunden pro Woche zu kommen. Der Zeitraum für die Korrekturen wird drastisch auf sechs Wochen verkürzt, in denen der Unterricht der Abiturienten nicht entfallen darf, weil diese sonst nicht auf die geforderte Mindeststundenanzahl für ihre gymnasiale Schullaufbahn kämen. Gymnasiallehrkräfte im Westen der Stadt sind im Schnitt 53 Jahre alt. Ihnen wurde gerade ebenso wie allen anderen Lehrkräften die Altersermäßigung gestrichen. Die Unterrichtsbelastung erhöht sich damit monatelang um drei bis vier Stunden pro Woche. Diese Rahmenbedingungen konterkarieren jeglichen Ansatz für einen sinnvollen Umbau des Unterrichts in der Konsequenz von PISA und TIMSS.

Unter dem Deckmantel von z.T. durchaus begrüßenswerten politischen Vorgaben drohen von interessierter Seite in der Senatsschulverwaltung Maßnahmen verwirklicht zu werden, die das Gegenteil der Vorgaben bewirken werden, die die Kernstücke der gegenwärtigen gymnasialen Oberstufe aushebeln und mit unzeitgemäßer zentraler Steuerung bisherige Vielfalt drastisch einschränken und somit ihres Sinns berauben werden. Das muss verhindert werden. Die GEW BERLIN ist gut beraten, den Protest gegen diese Deformierung der gymnasialen Oberstufe zu organisieren und sich zu diesem Zwecke mit Schülern, Eltern oder auch anderen Verbänden wie z.B. der MNU zusammen zu tun.

Hans-Gerd Prause
ist Schulleiter in Steglitz

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