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Nr. 10 / 2006: Mut zur Wende!

Mut zur Wende! 5 Stunden weniger!

Berichte von den Diskussions- und Protestveranstaltungen.

von Holger Dehring, Leiter des Referats Beamten -, Angestellten– und Tarifpolitik

Wer am 6. September 2006 mit der Befürchtung zur Diskussionsveranstaltung ins DGB-Haus kam, die PolitikerInnen würden uns unsere Forderungen lediglich um die Ohren hauen, war überrascht. Das Gegenteil war der Fall.

Nachdem KollegInnen aus fast allen Schultypen dargelegt hatten, wo die steigenden Arbeitsbelastungen der LehrerInnen und ErzieherInnen liegen, hatten die ParteienvertreterInnen die Möglichkeit, Elemente ihrer Parteiprogramme zu benennen, die eine Arbeitsentlastung der Beschäftigten an den Schulen zur Folge haben könnten. Das taten dann Renate Herranen (WASG), Eva-Maria Kabisch (CDU), Renate Harant (SPD), Stefan Zillich (Die Linke. PDS) und Anja Schillhaneck (Bündnis 90/Grüne).

Die Ausführungen waren vielschichtig. Während die WASG mit konkreten Vorschlägen wie Verringerung der Pflichtstundenzahl um zwei Stunden, kleinere Klassenfrequenz (20 Grundschule bzw. 25 Oberschule) sowie Regelungen für die Vor- und Nachbereitungszeit für ErzieherInnen aufwarteten, erfolgte von der SPD im Wesentlichen der Hinweis auf die uns allen bekannten, durchaus strittigen Ausstattungszahlen im Vergleich zu den anderen Bundesländern. Was aus Sicht der SPD eine wesentliche Erleichterung der Tätigkeit in den Schulen nach sich ziehen könnte, wäre eine bessere Ausstattung der Schulsekretariate bzw. die Einführung von Präsenszeiten für Lehrkräfte. Damit hatte Harant keinen leichten Stand und bekam während ihrer Ausführungen stark den Widerspruch der Anwesenden zu spüren.

Einen kompetenten Eindruck hinterließ die Vertreterin der CDU. Als ehemalige Beschäftigte der Senatsschulverwaltung legte Eva-Maria Kabisch die ihrer Meinung nach vorhandenen Möglichkeiten dar, die für sie sogleich Bedingung an ihre Partei waren, um sich überhaupt zur Wahl zu stellen: 200 Neueinstellungen sofort, 200 weitere im laufenden Schuljahr. Weiterhin sagte sie den Erhalt aller Stellen für Lehrkräfte trotz rückgängiger Schülerzahlen zu. Sie verwies auch auf eine anzustrebende saubere Führung von LehrerInnenstellen im künftigen Haushalt. Für genauso wichtig hält sie Präventionsmaßnahmen zum Erhalt der Gesundheit der Beschäftigten und die Einführung eines Stellenpools für jede Schule zum Ersatz von Langzeiterkrankten.

Neue Arbeitszeitbetrachtungen stehen sowohl im Blickfeld von Bündnis 90/ Grüne als auch von Die Linke/PDS. Stefan Zillich könnte sich vorstellen, dass von einer Basisstundenzahl, die unterhalb der aktuellen Pflichtstundenzahl liegt, ausgegangen wird. Dazu müssten dann alle Tätigkeiten betrachtet werden, die ebenfalls von den Lehrkräften zu erledigen sind. Arbeitszeitgerechtigkeit wird auch bei den Grünen diskutiert. Allerdings ist strittig, welche Pflichtstundenzahl hier die Grundlage bildet.

Einigkeit herrschte in folgenden Punkten: Lehrkräfte haben einen Anspruch auf eine tarifliche Regelung ihrer Beschäftigung, Einstellungen mit 2/3-Verträgen können kein Dauerzustand sein, die Anzahl der Referendariatsplätze ist zu gering.

Die Veranstaltung zeigte, die Parteien nehmen allmählich das Thema Arbeitsentlastung für die Beschäftigten im Schulbereich auf. Ihnen wird klar, dass sie die Beschäftigten für das Durchsetzen der Reformen brauchen, dass unser Motto „Mut zur Wende! 5 Stunden weniger!“ den gesamten Komplex der Tätigkeit der LehrerInnen und ErzieherInnen in den Blick rückt. Bisher fehlte es an Kommunikation, auch daran soll gearbeitet werden.

Ein jüngerer Kollege aus der Berufsbildung berichtete, dass ihm, als er seine Tätigkeit in Berlin 1999 auf nahm, die Arbeit Freude gemacht hätte.Inzwischen sei sie ihm aber wegen der stark gestiegenen außerunterrichtlichen Arbeitsbelastungen abhanden gekommen. Dass Freude aber eine Voraussetzung für gute Arbeit von PädagogInnen ist, erkennen selbst Politiker.

Der Sack ist übervoll

Bei der Aktion „Der Sack ist übervoll“ am 14. September 2006 erlebten die Demonstranten anschaulich mit, wie durch die mehrfache Erhöhung der Pflichtstundenzahl, die Vergrößerung der Klassenfrequenz, die Übertragung zahlreicher zusätzlicher Aufgaben und der Eingliederung der „Horte“ in die Schulen der Berg der Arbeitsbelastungen für LehrerInnen und ErzieherInnen seit 1990 ständig anwuchs. Symbolisch stapelten die KollegInnen bis zu einer Höhe von mehr als vier Metern Kartons, in denen die Belastungen gesammelt wurden. Die PädagogInnen kennen den Kraftakt, der zur Beseitigung notwendig ist: Reduzierung der Pflichtstundenzahl, kleinere Klassen sowie verlässliche Vorbereitungszeiten für die ErzieherInnen. Sie zeigen den politisch Verantwortlichen gern, was zu tun ist, um den Sack von allen Seiten betrachten zu können und nicht nur zu füllen, bis er platzt. Es wäre schön, wenn es so einfach ginge. Derzeit sind entsprechende Regelungen nicht in Sicht. Wir benötigen weitere Aktionen, um den politisch Verantwortlichen klar zu machen, die Arbeitsbelastungen müssen reduziert werden: „Mut zur Wende! 5 Stunden weniger!“

 

 

 

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