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Nr. 10 /2006: Aufführungen kritisch gesehen

Aufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Die Zwiefachen meistern bravourös eine schwierige dramaturgische Form: Schon gleich zu Beginn wird das Publikum „angeheizt“, in kleinen Gruppen mit je einer der Spielerinnen verbunden, zu „Fans“ gemacht, die Spannung also stimuliert. Dann geht es in den Preistanz, einen Kampf aller gegen alle: „Einer kommt durch“ . Die Gruppe aber kann mit Können und Enthusiasmus die Spannung halten, sogar noch steigern; geschickte Variationen des szenischen Grundmusters geben Raum für Soloszenen, in denen Persönliches formuliert wird; dazwischen immer wieder körperintensive, mitreißende Gruppen- und Tanzszenen.

Dazu gut passend die Gastspielgruppe der Brasil-Kids mit ihrer Eigenproduktion „Herz aus Capoeira“ – Aufarbeitung eines nationalen Mythos und der eigenen Vergangenheit, aber auch Selbstbesinnung und Formulierung eines Anspruchs – vorgetragen in locker-beschwingten, eindrucksvollen Tanzszenen, bestechend durch den geschmeidig-eleganten Körperausdruck.
Die Ergebnisse einer gemeinsamen Werkstatt von Zwiefachen und Brasilkids zeigten zudem, wie sehr die Jugendlichen von einer solchen internationalen Zusammenarbeit profitieren, die durch die intensive Praxis von Kunst und Körper weit über übliche Begegnungstreffen hinausgeht. -

Ganz anders in Stil und Anlage die Tusch-Gruppe des Maxim-Gorki-Theaters mit der biografisch akzentuierten Kleist-Montage „Komm. Wir machen die Nacht zu einem Fest der Liebe“ : komplizierte literarische Texte, eine anspruchsvolle
Balance zwischen Werk und Autor, keine durchgehende Handlung, sondern immer wieder erneute Kleist- und Selbst-Befragung von hoher Intellektualität, die gleichwohl szenisch und dramatisch bleibt. Also: Begeisternd die Jugendlichen in der Vielfalt ihrer theatralen Arbeiten.

Breit-behäbig dagegen die „Dreigroschenoper“ im alt-neuen Admiralspalast, initiiert und produziert von Lukas Leuenberger, bekannt für seine künstlerisch fragwürdigen, aufwendigen internationalen Pseudo-Events. Ab und an zünden Songs und Musik, die Inszenierung aber entwickelt kaum dramatische Kraft - ganz zu schweigen von politisch-gesellschaftlicher Provokation - und nicht einmal ein kulinarisches Vergnügen.     

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