Holpern und Reformspagat
oder vom Fall der vielen Reformen.
von Bettina Liedtke, Lehrerin an einer Grundschule und Mitglied der Redaktion
Wenn man die Presse liest und Klaus Böger hört, ist eines klar: Schule muss besser werden. Es müssen Reformen her. Was dann aber als qualitätsverbessernde Reform daher kommt, sind keine zukunftsweisenden neuen Gedanken, sondern solche, die längst schon gängige Praxis an den Schulen waren, von den vielen Vergleichsarbeiten mal abgesehen. Der Großteil der Schulen in Berlin, gerade auch der Grundschulen, reformiert sich schon seit Jahren ohne Anweisung von oben, auch nicht auf eine Belohnung hoffend. Manche zwingt die schiere Not dazu, denn Brennpunkte gibt es genug in der Stadt.
Ein Beispiel ist das Fach Naturwissenschaften. Vor etwa 15 Jahren wurde das Fach „Technik“ aus Gründen der Rotstiftpolitik abgeschafft. Jetzt werden das entdeckende Lernen, das Experimentieren, der Erwerb von Kompetenzen, die bei den Fortbildungen und in den neuen Rahmenplan so hervorgehoben werden, neu erfunden. Wir LehrerInnen versuchen schon seit Jahren weiterhin spannenden Unterricht zu geben und sehen diese nicht als neue Ziele an.
Deswegen: Nicht alles, was so neu und frisch klingt an den Böger’schen Reformen, ist es auch. Vieles ist eher schwabulös und hinterlässt rätselnde Gesichter bei allen Beteiligten, was damit jetzt wohl wieder gemeint sei. Ich gehe der Sache auf den Grund.
VHG – Verlässliche Halbtagsgrundschule
Die Kinder werden verlässlich von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr betreut, wenn Eltern dies wünschen und die Kinder nicht in den Hort gehen. Ein guter Gedanke, der Eltern die Gewissheit geben soll, dass ihr Kind nicht plötzlich bei Stundenausfall vor der Haustür steht. Ohne große Anmeldung können sie ihr Kind in den VHG-Bereich schicken, wenn sie einen Termin haben.
Dies greift vor allem bei den Klassen 1 bis 3, da von Klassenstufe 4 an die Kinder täglich sechs Unterrichtsstunden haben und in den Klassen 5 und 6 sogar sieben Stunden. Aber auch Erstklässler haben mehrmals in der Woche fünf oder sechs Stunden. Wandertage, Projekttage, Religionsunterricht, Förderunterricht, Teilungsstunden, Regelunterricht, LehrerInnen sollen auch an den Zeugnistagen die Kinder bis zur sechsten Stunde betreuen und natürlich vor und nach Wandertagen.
Damit der Betreuungsbedarf für die Kinder nicht massenhaft in der 5. und 6. Stunde eintritt, den die zu geringe Anzahl an ErzieherInnen nicht mehr gewährleisten könnte, kam man auf den vielfältig interpretierbaren Begriff Rhythmisierung.
Rhythmisierung
Tja, was soll das wohl sein? Es gibt viele Rhythmen. Den berühmten 45-Minuten-Rhythmus kennt jeder. Er hat seine Vorteile, ist er doch an die Aufnahmefähigkeit von Kindergehirnen geknüpft. Andererseits wollte man weg von diesem starren Schema. Kürzere Phasen, wenn es notwendig ist, längere Phasen, wenn Kinder gerade mitten in der Arbeit stecken. Keine Klingel, die ständig den Unterricht sprengt. In Ruhe weiterarbeiten können, Pausen einlegen, wann sie sinnvoll in der Arbeit sind. Spiel und Unterricht wechseln einander harmonisch ab.
Tagesplan-, Wochenplanarbeit und Projekte sind grundlegende Arbeitsmethoden, die auf ein strenges Zeit-Korsett verzichten können. Aber wie sieht die rhythmisierte Wirklichkeit aus? Schlimmer denn je wird der Schultag zerrissen. Ob eine Klingel ertönt oder nicht: Alle 45 Minuten ist Lehrerwechsel. Ständiges Ein- und Auspacken, Wegräumen und Sichern der angefangenen Arbeiten, Einstellen auf ein neues Fach. Vier LehrerInnen für eine 1. Klasse, dazu verschiedene ErzieherInnen. Viele Gesichter, viel Neues für die gerade eingeschulten Kinder.
„Kommst du auch bestimmt nachher wieder?“, lautet die ängstliche Frage. Nach Trost und Versicherung renne ich los, zwei Stockwerke hoch, in eine meiner Fachklassen. Währenddessen die Mathe- Lehrerin zwei Stockwerke herunter rennt, um rechtzeitig in meiner Klasse anzukommen. Der Schul-Rhythmus wird stärker denn je vom 45-Minuten- Takt bestimmt. An keinem Tag der Woche habe ich meine ganze Klasse zwei Stunden hintereinander. Tagesplanarbeit wird so unendlich erschwert. Und woran liegt’s?
JÜL – Jahrgangsübergreifendes Lernen
Ein Teil der Hektik kommt daher, dass die Fächer Mathematik und Musik von einer Fachlehrerin erteilt werden müssen, damit eine zweite Lehrkraft einen großen Teil der Stunden abdecken kann. Denn am Ende des ersten Schuljahres wird meine Klasse aufgeteilt, um dann im zweiten Schuljahr je eine halbe Klasse mit frisch eingeschulten Kindern aufzunehmen.
Nach welchen Kriterien geteilt wird, das weiß niemand. Welche Kinder bleiben bei der Klassenlehrerin, welche bleiben bei der Fachlehrerin? Die Klassenlehrerin ist gerade in der ersten Klasse eine wichtige Person. Werden Kinder begreifen, warum gerade sie nicht in der Klasse bleiben dürfen?
Die Nachrichten, dass es Bundesländer gibt, die die jahrgangsübergreifenden Klasse gerade wieder abschaffen, lassen mich nicht sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Zweitklässler sind keine Hilfslehrer für Erstklässler und dürfen nicht als solche von vornherein angesehen werden. Jahrgangsübergreifendes Lernen braucht viel selbsterklärendes Unterrichtsmaterial, das es leider noch nicht überall gibt.
Unter den Bedingungen der Modellschulen mit dem Zwei-Pädagogen-System mag dieses Unterrichtsprinzip gut funktionieren. Unter den Bedingungen der Einsparung, der mangelnden Räume und der mangelnden Stundenausstattung ist der Erfolg des Prinzips fraglich. Aber wir haben ja noch
Das Förderband
Einer der irreführendsten Begriffe unter all den absonderlichen Neuheiten ist der der „individuellen Förderung“. Das klingt so, als würde ich für 28 SchülerInnen individuelle Stoffverteilungspläne erstellen und damit den Rahmenplan außer Kraft setzen. Jeder lernt in seinem Tempo, nur nach Lust. Aber so sieht es im Klassenzimmer nicht aus. Der Rahmenplan gilt für alle und dank der Orientierungs- und Vergleichsarbeiten ist auch dem Letzten klar, dass alle Kinder dessen Ziele erreichen sollen. Berlin soll ja nicht wieder einmal einen der hintersten Bildungsplätze in der Republik belegen. Bei 28 oder 25 Kindern stehen jedem Kind pro Schulstunde noch nicht einmal zwei Minuten individuelle Ansprache durch die LehrerIn zu. Das Förderband soll dem abhelfen. Alle Klassen einer Stufe haben zur gleichen Zeit Förderunterricht (oder Lern-Club-Zeiten, damit es nicht so altmodisch klingt). Es sollen nicht nur schwache Kinder, sondern auch intelligente „hochbegabte“ Kinder gefördert werden; zu groß ist die Angst, dass künftige Eliten auf der Strecke bleiben.
So bieten also die drei Lehrerinnen der 1. Klassen drei verschiedene Förderschwerpunkte an. Die restlichen Kinder, die also so „mittel“ sind, bekommen keine Förderung und gehen in die Betreuung. Das können über sechzig Kinder sein, zu viele für den Betreuungsbereich. Deswegen wird das Förderband weniger unter dem Aspekt diskutiert, was braucht jedes Kind, sondern was bieten wir an, um möglichst viele Kinder in einer dieser Gruppen betreuen zu können. Offen bleibt: Wird ein Kind, dem das Lesen schwer fällt, nun aber wirklich in einer Vorlesegruppe einmal in der Woche besser gefördert als in der Fördergruppe alter Prägung mit verschiedenen Übungsformen?
LauBe – Lernausgangslage Berlin
Wo jedes Kind steht, welches Wissen es mitbringt, erforscht in diesem Jahr mal wieder ein neues Verfahren: LauBe genannt. Eigentlich wollten wir ja loslegen mit dem Lesen und Schreiben. Arbeitstechniken und Lernspiele, uns kennen lernen, miteinander umgehen – all das Neue bringt eine solche Fülle mit sich, dass kaum Zeit für anderes bleibt. Trotzdem soll man diese Zeit aufwenden, um die Lernstandanalyse durchzuführen, die letztlich nicht mehr Erkenntnisse bringt, als jene, die man auch sonst im Unterricht gewinnt.
Es heißt also, den Lerndrang der Kinder zu zügeln, denn wir müssen erst analysieren. Einzelanalyse und Klassenunterricht lassen sich nur schwer von einer Person durchführen, denn die Kinder sind das selbständige Arbeiten ja noch nicht gewohnt. Und so hängt die Durchführung der Tests auch davon ab, ob die Vertretungs- und Betreuungssituation eine Teilung der Gruppe zulässt. Trotzdem sollen wir möglichst in drei Wochen fertig sein. Dieser Test gehört nun wirklich ans Ende des ersten Schuljahres!
Mein Wunsch an den jetzigen Berliner Senat
Lasst uns doch einfach mal unsere originäre Arbeit machen: das Unterrichten. Bietet vernünftige Fortbildungen mit ausreichenden Plätzen an. Keine, bei denen die Referenten nur schwafeln, und keine, die zeigen, dass die Senatsschulverwaltung aus dem Mustopf kommt, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass es so viel Nachfrage für Fortbildungen z.B. in einem neuen Unterrichtsfach gibt.
Senkt die Pflichtstundenzahl, damit wir endlich die Zeit finden, uns über Methoden und Curricula auszutauschen. Senkt die Klassenfrequenzen, damit wir dem einzelnen Kind mehr Zeit widmen können. Und sorgt für Schulbibliotheken, die allen das Schulleben und Lernen erleichtern.
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