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Nr. 11 / 2006: Jahrgangsmischung konkret

Die Flexphase allein ist keine gelungene Schulreform

Meinungen und Berichte aus der Peter-Petersen-Schule (PPS).

von N. Meisenberg, R. Weber, A.M. Wallocha (PPS) und R.Seggelke – zusammengestellt von S. Baumgardt

Jahrgangsmischung hat ohne Schulkonzept keinen Sinn – es bleibt dann eine Hülle...man braucht eine Vision...ein Ziel, was man als Schule will. Nur überleben zu wollen reicht da nicht aus. Das schreibt Wallocha in ihrem Artikel und ist sich einig mit der Schulleiterin Ruth Weber, die sagt, dass Jahrgangsmischung allein nicht der Problemlöser für schulische Unzulänglichkeiten sein kann.

Was aber ist das besondere an der Peter-Petersen- Schule (PPS) und warum sind die drei KollegInnen von deren Schulkonzept so überzeugt?

Die Peter-Petersen-Schule ist an der SchülerInnenzahl gemessen eine zweizügige Grundschule. Anstatt in zwölf Jahrgangsklassen sind die Kinder in zwölf Stammgruppen zusammengefasst, sechs Stammgruppen für die jüngeren (Jahrgangsstufe 1 bis 3) und sechs Stammgruppen für die älteren (4 bis 6). Die Frequenz ist hoch, sie liegt bei 25 bis 32 Kindern pro Stammgruppe. Die Räume sind klein – das Schulgebäude ist über 100 Jahre alt.

Die PPS ist eine Lebensgemeinschaftsschule, d.h. sie rückt den Menschen in den Mittelpunkt. Für sie ist Schule kein Ort, an dem Kinder belehrt werden, sondern in erster Linie sollen alle am Schulleben Beteiligten das Zusammenleben einüben. Sie folgt dem von dem Pädagogen Peter Petersen entwickelten Jenaplan.

Zu den wesentlichen Grundformen des Lernens und Zusammenlebens gehören, wie im Internet zu lesen ist, das Gespräch, das Spiel, die Arbeit und die Feier in altersgemischten Gruppen. Meisenberg spricht von veränderten Verkehrsformen: Grenzen des jahrgangsweisen Unterrichts müssen partiell und temporär gelockert oder gänzlich aufgegeben werden, restriktive Zeitstrukturen verändert, Raumsituationen neu kreiert. Daraus folgt eine veränderte Lehrerrolle, „die nicht mehr ausschließlich als ein linearer Vermittlungsprozess von Lehrern zu Schülern verstanden werden kann“, sondern „dass der Lehrer immer stärker mit Aufgaben der Strukturierung psychisch-sozialer Prozesse befasst ist.“ (Hartmut Häußermann in E&W 9/2006, S.10) Materialien müssen neu zusammengestellt und entwickelt werden, Lehrkräfte dicht zusammenarbeiten. Fazit: Diese Schule braucht mehr Zeit, d.h. Mehrarbeit, aber auch größere Arbeitszufriedenheit.

Weber führt zudem noch aus, dass vor Jahren, damals nach 1981, als sie die Schulleitung übernahm, ein großer Teil ihrer Schulleitertätigkeit darin bestand, Schlägereien der Kinder zu diskutieren, Schläger auseinanderzuhalten, zu ahnden, Unfälle zu dokumentieren und gegen das Toben, die Unruhe, die Streitereien anzukämpfen. Das hat sich gründlich gewandelt, was auch die Statistik der Eigenunfallversicherung beweist.

Jahrgangsmischung konkret

Im Mai 2006 besuchte Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der GEW BERLIN, die PPS. Sie schreibt in ihrem Bericht: „In der zweiten Stunde wird Frau Albrecht durch Herrn Meisenberg abgelöst. Erdkunde steht auf dem Programm. Die Jahrgangsstufen bearbeiten unterschiedliche Aufgaben.

Zum Thema Nordsee als Nachbereitung einer Stammgruppenreise nach Sankt Peter Ording: Kartenlesen, Querschnittszeichnung eines Deiches und Vorbereitung von Referaten zur Küstenlandschaft. Kleinere Gruppen verlassen den Raum und arbeiten im Flur und in einem Fachraum. Ich beobachte wieder, dass die Kinder sich gegenseitig unterstützen, sich für die Arbeit der anderen interessieren. Der Lehrer ist nur ein Helfer unter vielen. Zum Abschluss halten die Jüngsten der Stammgruppe ihre vorbereiteten Kurzreferate und bekommen den Beifall ihrer MitschülerInnen. Danach geht es zur zweiten großen Pause auf den Schulhof, selbstverständlich stehen Bälle und Bewegungsspielzeug zu Verfügung.“

Was bringt die Jahrgangsmischung?

Laut Weber fördert Altersmischung die Persönlichkeitsentwicklung: Nach einem Jahr Schulbesuch hat jedes Kind irgendetwas gelernt, was der/ die neu hinzukommende Schulanfänger/in nicht kann. Das wird allen SchülerInnen, die sich auf den Empfang der neuen Erstklässler vorbereiten, bewusst und vermittelt ihnen, und zwar besonders den eher schwachen SchülerInnen, die Gewissheit, dass sie lernen können. Bei manchen Schülerinnen und Schülern macht sich das sogar deutlich in der Körperhaltung bemerkbar: Sie gehen viel aufrechter und selbstbewusster durch die Schule.

Ein weiterer Punkt dieser Mischung wird sichtbar: Wenn ich etwas Gelerntes einem anderen präsentiere, sei es nur die Nutzung eines Lernspiels, muss ich den Vorgang gedanklich strukturieren und verständlich sprechen. Und vor allem: Diese Informationsweitergabe ist echt, sie ist nicht das Spiel vom Lernen, dass der Lehrer und die MitschülerInnen die „richtige“ Antwort wissen und das Ganze nur eine Wiederholung ist.

Darüber hinaus verändert Altersmischung das Sozialverhalten: Es gibt zwei Grundbedürfnisse des Menschen, die in unserer schulischen Welt nach Weber zu kurz kommen, nämlich einmal das Bedürfnis nach Körperkontakt und menschlicher Nähe, zum anderen das Bedürfnis eines jeden Menschen zu belehren, zu betreuen, zu helfen. Was das mit der Altersmischung zu tun hat?

In altersgemischter Gruppierung ist es sozial ganz anders akzeptiert, wenn Ältere Jüngere anfassen, auf den Schoß nehmen, streicheln. Jüngere fordern solche Kontakte von Älteren sogar ein: „Trag mich doch mal huckepack.“ Es ist rührend zu sehen, wie gern sich ältere Schüler um weinende jüngere kümmern, auch Jungen.

Machen wir uns nichts vor, das entlastet auch den Lehrer, der – besonders in den ersten Wochen – sonst zuständig ist für diese Bedürfnisse von Kindern. Wenn solche Umgangsweisen untereinander im Unterricht, in Ruhepausen, im Sport sichtbar stattfinden, übernehmen die nachfolgenden Kleinen dies ohne den Umweg über Schamhaftigkeit oder Herumalbern.

Konsequenz aller AutorInnen daraus ist, Altersmischung sollte durchgängiges Prinzip werden, auch in den Oberschulen. An der PPS beobachten die Lehrkräfte, dass Altersmischung der Jahrgangsklassen 4 bis 6 verhindern kann, dass zunehmend die leistungsstarken SchülerInnen auf grundständige Gymnasien wechseln. Sie trägt damit zum Fortbestand der sechsjährigen Grundschule bei und verhindert so die noch frühzeitigere Segregation und soziale und kulturelle Auslese.

Zum Prinzip Hautnähe

Meisenberg beschreibt auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen, was dieses Prinzip bewirkt: Als ich noch erste Klassen unterrichtete, gab es immer wieder Kinder, die im Kreis direkt neben mir sitzen wollten und sich, kaum hatte ich mit dem Erzählen oder Vorlesen einer Geschichte begonnen, an mich kuschelten oder auf meinen Schoß drängelten. Ich ließ sie gewähren, waren es doch häufig die Kinder, denen es in der Schule an emotionaler Nähe fehlte. Sie vermissten ihre Mutter oder ihre Geschwister und fanden keinen Zugang zu den anderen Kindern in der Klasse. In den Augen manch anderer Kinder erschien dieses Moment der Nähe als eindeutige Bevorzugung, sie reagierten neidisch und eifersüchtig, verlangten bei der nächsten Gelegenheit die gleiche Zuwendung. Eine ähnliche „Beschlagnahmung“ erfuhren regelmäßig die in der Klasse tätigen PraktikantInnen, StudentInnen oder sonstige BesucherInnen. In meinen Augen ein Indiz für einen eindeutigen Mangel an „Nestwärme“ in der Schule. Die Gewährung von Hautnähe ist Grundbedingung dafür, dass sie sich aus der Nestwärme lösen können und die Angst verlieren, sich von ihren Nestern zu entfernen und sich auf die Sachlichkeit einzulassen.

Für die Sozialisation des Kleinkindes ist die Bedeutung der Haut anerkannt, nicht aber im gleichen Maße für schulisches Lernen.

Wenn eine Schule jedoch Hautnähe erlaubt, nämlich in Nischen, Kuschel- und Leseecken, in Rückzugsräumen, bei Spielen, beim Sport, beim Tanz, beim Theaterspiel, bei Entspannung und Meditation, stellt sich ein Betätigungsraum für alle Sinne her. Nicht mehr nur Hören und Sehen sind gewünscht und gefragte Sinne in der Schule.

Kein Zwang zur Reform

Die KollegInnen der PPS sind fest davon überzeugt, dass Schule eine „große Familie“ sein kann und das dies in unserer Zeit notwendiger ist denn je. Noch nie war die Heterogenität der Kinder so groß wie heute: sozialökonomische Unterschiede, Religion, politische Interessen, Muttersprache, kulturelle Geschichte.

Funktionieren kann es aber nur auf der Basis von Freiwilligkeit und mit guter Führung. Eine Zwangsverpflichtung zur Einführung von JüL erweist sich als Bärendienst. Seggelke bringt das auf den Punkt: Wenn viele unserer KollegInnen, die dem jahrgangsübergreifenden Lernen kritisch gegenüberstehen, die Peter-Petersen-Schule nicht als positives Beispiel für ihre eigene Situation spätestens ab dem kommenden Schuljahr gelten lassen wollen, sind sie im Recht. In der Jonasstraße wurde das Konzept freiwillig und gemeinsam entwickelt und Schritt für Schritt umgesetzt. Das macht den entscheidenden Unterschied. Wer meint, Reformen flächendeckend verordnen zu können, begeht einen schweren Fehler. Nur wer sich gut vorbereiten darf, lässt sich infizieren.

 

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