Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Atze hat ein älteres Stück in erweiterter Fassung wieder aufgenommen: „Hier kommt Lupe“ (ab 6 Jahre). Lupe ist unglücklich, Langeweile quält ihn; er versperrt sich gegen alle und alles. Bis ein seltsames Wesen ihn fasziniert: die Kunst? ein Engel? seine eigene Vitalität? Das bleibt sehr schön unentschieden, poetisch vieldeutig - die Begegnung aber „resozialisiert“ Lupe, führt ihn zur Musik und zurück in freundschaftliche Gemeinsamkeiten. Atze ist wiederum eine berührende Inszenierung gelungen, eine unaufdringliche Verführung zur Musik und zu menschlicher Kommunikation. -
Ein Hans Otto Festakt im (attraktiven!) neuen Theater in Potsdam; große Reden („Reden“) über Widerstand und Tapferkeit (mehrfach das Otto-Zitat: „Es reicht nicht aus, Künstler zu sein“). Glücklicher Weise dann auch die bemerkenswerte Aufführung des Theaterjugendclubs „Ad Acta“, in der Jugendliche den 1933 von Nazis ermordeten Schauspieler und seinen Kampf gegen die kommende Diktatur nachzeichnen – aus der Distanz einer jugendlichen Swing-Gruppe, die unterschiedliche Reaktionen auf die politischen Auseinandersetzungen erlaubt. Das führt im Zusammenklang und Zusammenstoß mit einmontierten Dokumenten der Zeit zu einer intensiven Problematisierung; Hans Otto eben nicht „ad acta“ – und auch nicht einfach zu „feiern“. -
Der „Sommernachtstraum“ in zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven, die jeweils nur einen Aspekt herausgreifen. Beim tschechischen Gastspiel (Zitadelle Spandau im Rahmen des Prag-Berlin-Festivals) ist es das Kind, um das Oberon und Titania streiten; es gibt kein happy end, das Kind bleibt, ein berührendes Schlussbild, allein zurück. Leider sind Inszenierung und Musik eher flatterig-unentschieden; so gewinnt der bemerkenswerte dramaturgische Ansatz nicht die notwendige Schärfe; die Aufführung bleibt tänzerisch-unterhaltsam.
In der Schaubühne geht es (leider nur) um Party und Partnertausch. Die Party hat schon begonnen, wenn die Zuschauer über die Bühne in den Saal eingelassen werden; alle sind überaus lustig, fürs Publikum gibt’s Bowle. Dann wird, beliebig, hin und her gewechselt mit den Partnern, den Kostümen, dem Geschlecht - in rasantem, tänzerisch beflügelten Tempo und mit bewundernswertem Körpereinsatz. Kein Sommernachtstraum , sondern ein endloses Verwirrspiel – freilich auch kaum Shakespeare (weil nur ab und an Texte von ihm, aber weder seine Handlung noch seine Figuren erhalten bleiben). Das ist bedeutungsvoll vielleicht als Momentaufnahme von „Gegenwart“, von gegenwärtigem Lebensgefühl, eigentlich aber beziehungslos, ein sinnloser Augen- und (oft zu lauter) Ohrenschmaus. Nota bene: die SpielerInnen haben offensichtlich Spaß an der Tollerei – und ein Teil des Publikums auch. -
Das Prime Theater hat auch seinen zweiten Umzug gut überstanden und spielt weiterhin (Kompliment, Kompliment!) witzig und munter, Scherz, Satire und (durchaus!) tiefere Bedeutung. „Gutes Wedding-schlechtes Wedding“ hat trotz seiner vielen Folgen immer noch direkten Kontakt mit dem Publikum, mischt locker und unterhaltsam Lokales und Allgemein-Menschliches, Privates und Politisches (ab 14). Auch hier haben die SpielerInnen Spaß am Spiel – aber sie nehmen das Publikum mit hinein. -
Radialsystem ist ein neuer, faszinierender Veranstaltungsort am Spreeufer mit vielen Möglichkeiten. „Dialoge 06“ heißt die Einweihungs-Performance von Sasha Waltz und der Akademie für Alte Musik, die dem Publikum immer wieder andere Einblicke in das Haus und seine Räume, in Tanz und Musik erlauben und mit einem furiosen Finale aller Mitwirkenden im großen Saal enden. Man arbeitet (bisher?) ohne öffentliche Zuschüsse - eine bemerkenswerte Initiative mit großen Möglichkeiten. |