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Nr. 11/2002
Titel: Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache
Schicht, Sprache, Geschlecht

Die Verlierer unseres Bildungssystems: arm, migriert, männlich

Seit Monaten dreht sich die pädagogische Debatte in Deutschland um die Ergebnisse der PISA-Studie. Nicht alle wissen genau, was da drin steht, aber es reicht um zu verstehen, dass es schlecht steht um die Schulen in Deutschland. Bei der Suche nach den Gründen des Versagens im internationalen Vergleich wird oft vermutet, die "vielen Ausländer" seien wohl nicht ganz unschuldig daran. Doch das ist falsch.

Die getesteten Schüler der PISA-Studie wurden in drei Gruppen unterteilt, je nach dem, ob kein, ein oder beide Elternteile im Inland geboren wurden. Die Testergebnisse dieser drei Gruppen können somit getrennt voneinander international verglichen werden. Bei allen drei Gruppen schneidet Deutschland unterdurchschnittlich ab. Am schlechtesten jedoch bei der Gruppe der Kinder mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen.

Somit beeinflussen die schwachen Leistungen der Kinder nichtdeutscher Erstsprache das blamable Ergebnis (leider) keineswegs. Die Studie bescheinigt allerdings eindeutig, dass das deutsche Bildungssystem insbesondere bei diesen Kindern vollkommen versagt: rund ein Drittel der Kinder mit Migrationshintergrund verlässt die Schule ohne Abschluss. Ein weiteres Drittel erreicht nur den einfachen Hauptschulabschluss. Vor allem die Jungen sind die Verlierer.

Welche Konsequenzen sind zu ziehen?

Die meisten Vorschläge beziehen sich auf die Behebung der mangelnden Sprachkompetenz in der Zweitsprache Deutsch. Zum wiederholten Male wird darum gestritten, ob und wie die nichtdeutsche Erstsprache in den Lernprozess einbezogen werden muss, oder ob nicht gerade dies das Erlernen der Mehrheitssprache Deutsch erschwert. Zum wiederholten Male wird ein Diagnoseverfahren, nämlich die Durchführung von Testverfahren zur Feststellung des Sprachstandes, als Therapie verkauft. In Berlin lautet die Gretchenfrage: Bist du für oder gegen den Test "Bärenstark"?

Die mageren Ergebnisse dieser zum Ritual erstarrten Diskussionen stehen im ungekehrten Verhältnis zu der fast südländischen Emotionalität, mit der sie ausgetragen werden. Sinnvoller wäre die Frage: Welche Ressourcen, Konzepte und Kompetenzen sind notwendig, um den Kindern mit und ohne Migrationshintergrund zu guten Abschlüssen zu verhelfen? Und wie viel ist wer bereit zu investieren?

Erschütternd ein weiteres Ergebnis von PISA: Das Bildungssystem in Deutschland verstärkt die soziale Segregation und benachteiligt somit deutlich die unteren Schichten wie kein anderes! Die Herkunft aus einem armen Elternhaus reduziert die Bildungschancen eines Kindes, egal ob deutscher oder nichtdeutscher Herkunft, mehr als jeder andere Faktor. Also auch mehr als die nichtdeutsche Erstsprache.

Familien mit Migrationshintergrund gehören auf Grund der besonderen Migrationsgeschichte Deutschlands heute immer noch überdurchschnittlich häufig den untersten sozialen Schichten an. Somit tragen ihre Kinder und Enkel das größte Risiko zum Scheitern. Es erhöht sich, wenn sie ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden, die Schule diese aber hartnäckig voraussetzt. Jungs kommen mit diesen Umständen nachweislich noch schwerer zurecht als Mädchen. Alle Schülerinnen zeigen bessere Leistungen als alle Schüler. Das ist auch bei denen mit Migrationshintergund nicht anders. Die Jungen verlassen zu fast 70 Prozent die Schule höchstens mit einem einfachen Hauptschulabschluss.

Gegenmaßnahmen für den Abbau der Risikofaktoren

Sprache: Es ist notwendig, sich von der Vorstellung "eine Schule - eine Erstsprache" zu verabschieden. Sie hat immer weniger mit der Realität unserer Gesellschaft zu tun, in der in wenigen Jahren 30 Prozent aller Erstklässler eine nichtdeutsche Erstsprache mitbringen werden. Ein Patentrezept für die Vermittlung der Erst-, Zweit- und Fremdsprachen gibt es allerdings nicht. Der Schwerpunkt muss auf einem einsprachigen Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) liegen.

Diese unerlässliche Qualifikation besitzen unsere Schulen aber nicht. Niemand wurde dafür jemals ausgebildet. LehrerInnen müssen mit viel Eigeninitiative eigene Materialien entwickeln und zusehen, wie sie die Situation meistern. Bis heute wurde DaZ nicht in die Ausbildung der Pädagogen aufgenommen. Ein seit wenigen Jahren obligatorisches DaZ-Seminar im Umfang von sechs Zeitstunden im Referendariat kann nur wohlwollend als ein erster Schritt in die richtige Richtung gewertet werden. Die Ausbildung nicht nur der Lehrerinnen, sondern auch der Erzieherinnen muss endlich entsprechend geändert werden.

Geschlecht: Es müssen mehr Männer einbezogen werden. In den heutigen Kindergärten und Grundschulen mit nahezu ausschließlich weiblichem Personal fehlen sie. Deshalb müssen Männer mit und ohne Migrationshintergrund dort bevorzugt eingestellt werden.

Schicht: Damit Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten einen ihren individuellen Fähigkeiten entsprechenden Schulabschluss erreichen können, muss die öffentliche Schule Defizite ihrer frühkindlichen Erziehung gezielt ausgleichen. Sie benötigen mehr persönliche Zuwendung und Förderung als Mittel- und Oberschichtkinder. Der Tipp, die Eltern sollten sich gefälligst selbst darum kümmern, hilft nur bedingt weiter. Viel sinnvoller ist es, in der Schülerin Monika und dem Schüler Ahmet von heute die Eltern von morgen zu sehen und sie entsprechend zu fördern.

Sanem Kleff
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