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Nr. 11/2002
Titel: Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache
MigrantInnen an Oberstufenzentren

Im Wahlkampf zur US-Präsidentschaft versprach der Kandidat der Demokratischen Partei seinen potenziellen WählerInnen, für eine bessere Berufsausbildung zu sorgen. Modell für sein Vorhaben sollte das deutsche Ausbildungswesen sein. Das waren noch gute Zeiten, elf Jahre ist es her. Bill Clinton bezwang unter anderem mit diesem Vorschlag George H.W. Bush, obwohl der gerade den sogenannten "Zweiten Golfkrieg" gewonnen hatte.

Ob Clinton dieses Wahlversprechen in seiner achtjährigen Präsidentschaft vergaß, weil er sich um anderes kümmern musste oder weil er zur späten Erkenntnis kam, das duale System in good old Germany sei doch nicht das Richtige für die USA, das wissen wir nicht. Festzuhalten bleibt allerdings, dass in den USA niemand mehr vom deutschen Schulwesen als Modell spricht. Der Lack ist ab.

Klassengesellschaft ist "symbolische Gewalt"

Während der "American Dream" die von der Idee her klassenlose Gesamtschule hervorgebracht hat, sehen deutsche Pädagogikprofessoren wie Micha Brumlik, Olaf Radtke oder Klaus-Jürgen Tillmann in Kommentaren und Interviews in der Septemberausgabe der GEW-Bundeszeitschrift E&W im deutschen Schulwesen Gefahr im Verzuge. Brumlik beschreibt die "Verfestigung von Klassenschranken" und die "Herausbildung einer neuen Unterklasse", kurz eine "politische Anthropologie der Ungleichheit".

Brumlik und Radtke machen das dreigliedrige Schulsystem, das Versagen der Grundschule, bildungsbürgerliches Verhalten der Eltern (Brumlik: "Wegbeißen unliebsamer Konkurrenz" aus unteren Schichten) sowie Lehrkräfte und Schulleiter, die "die Folgen ihres selektiven Handelns nicht reflektieren, sondern eher vor sich selbst verdunkeln" (Radtke), für die Misere verantwortlich. In diesem Zusammenhang sprechen sie von "institutioneller Diskriminierung" (Radtke) und Brumlik zitiert Pierre Bourdieu, der das als "symbolische Gewalt" definierte.

Es bedurfte der PISA-Studie, um diese Erkenntnisse in der GEW (vgl. E&W 9/02) nach langer Zeit erneut zu diskutieren. Neben der Klassendistinktion gibt die E&W-Redaktion unter Berufung auf Tillmann noch einen weiteren Faktor an: die Unfähigkeit bzw. Unwilligkeit, SchülerInnen mit migrantischem Hintergrund zu integrieren. Für sie ist die "soziale und ethnische Auslese ein Organisationsprinzip des Schulsystems selbst". "Die soziale Herkunft und Nationalität bestimmen (in Deutschland) wie in keinem anderen OECD-Land die Bildungsverläufe und damit die Lebenschancen". "Es kann ja nicht sein", bemerkt die E&W-Redaktion, "dass ganze Populationen von Migrantenkindern, immerhin mittlerweile acht oder neun Millionen Menschen, kollektiv auf Hauptschulniveau sind". In den Worten Tillmanns: "Ein erheblicher Teil der Schüler..., deren Lesekompetenz und Leistungsniveau zu gering ist, hat Migrationshintergrund".

Ablenkungsmanöver

Konservative Politiker versuchen, den Schwarzen Peter an die Schwächsten weiterzureichen. So forderte der Berliner CDU-Mann Volker Liepelt kürzlich, MigrantInnen zu zwingen, Deutschkurse zu belegen und sich integrieren zu lassen. SPD-Chef Peter Strieder verlangt die Ausweitung der Integrationsangebote und macht beispielsweise die türkische Kultur des Laisser faire gegenüber ihren Kindern (bspw. zu spätes Schlafengehen) für deren Misserfolge in der Schule verantwortlich. FDP-Westerwelle gefällt sich in Ausfällen gegen die "Kuschelpädagogik der 68er" und beweist damit nur, dass er noch weniger als seine Wahlkampf-Kontrahenten von dem Problem verstanden hat.

PISA für berufliche Bildung?

PISA deckte die Schwächen des allgemein bildenden Bereichs auf. Experten behaupten inzwischen, an den Universitäten sähe es nicht besser aus. Für die berufliche Bildung liegen leider keine der PISA-Studie vergleichbaren Daten vor. Deshalb sind hier nur beschränkte Aussagen möglich, die aber dennoch Hinweise geben könnten, wo näher hingeschaut werden müsste. In Berlin ist die berufliche Bildung hauptsächlich in Oberstufenzentren (OSZ) konzentriert, relativ große Institutionen mit jeweils mehreren Tausend SchülerInnen und mehreren Hundert LehrerInnen. OSZ vereinen die traditionelle Berufsschule mit verschiedenen Vollzeitschulgängen wie Berufsfachschule, Fachoberschule, Gymnasium und spezielle Bildungsgänge wie VZ11 (für Schulpflichtige ohne Ausbildungsplatz) und MDQM (Modulare duale Qualifizierungsmaßnahme).

Oberstufenzentrum konkret

Das größte OSZ in Berlin und damit die größte Schule in Deutschland ist das OSZ Handel I in Kreuzberg (6000 SchülerInnen und 250 KollegInnen). In den beiden Hauptausbildungsberufen dieses OSZ, Kaufleute im Groß- und Einzelhandel, fällt auf, wie wenig SchülerInnen mit migrantischem Hintergrund die Schulbank drücken (9 Prozent). Gemessen am Bevölkerungsanteil in dieser Altersgruppe (19,8 Prozent) sind sie dort unterrepräsentiert. Aufgrund ihrer Leistungen in der Sekundarstufe haben sie offensichtlich wenig Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

In Klassen dagegen, die als Ersatz für berufliche Ausbildung im dualen System dienen, in Berufsfachschul- und Fachoberschulklassen (insbesondere in der zweijährigen Variante) sind sie stark überrepräsentiert (zwischen 29 Prozent und 37 Prozent). Dies zeigt, dass SchülerInnen mit migrantischem Hintergrund durchaus bildungsbeflissen sind und jede Gelegenheit nutzen, aus ihrer strukturellen Benachteiligung heraus zu kommen.

Diese statistischen Daten sind den politischen Entscheidungsträgern bekannt. In einem Flugblatt zur letzten Berlinwahl versprach Klaus Wowereit unter dem Motto "Zukunft braucht Bildung": "Schülerinnen und Schüler mit unzureichenden Kenntnissen der deutschen Sprache werden besonders gefördert".

Wie sieht die Förderung vor Ort tatsächlich aus?

In der Berufsschule werden planmäßig 64 Stunden zur Sprachförderung zur Verfügung gestellt. Wie oben ausgeführt gibt es dort aber nur sehr wenige SchülerInnen migrantischer Herkunft und die wenigen, die es dort gibt, benötigen diese Hilfe nicht so sehr wie SchülerInnen z.B. in der Fachoberschule. Da diese Stunden nicht umgewidmet werden dürfen, gehen sie verloren. Der Teilungsunterricht in Englisch für Kaufleute im Groß- und Außenhandel wird dagegen anerkannt und auch erteilt.

Im fakultativen Bereich können gemäß der Vorgaben des Landesschulamtes Fachoberschulklassen nur beschränkt eingerichtet werden, so dass jedes Jahr Hunderte BewerberInnen abgewiesen werden müssen. Der Englischunterricht darf in diesen Klassen wie auch in der Berufsfachschule offiziell geteilt werden, nicht aber der Deutschunterricht. Die zuständige Abteilung finanziert trotzdem aus sachfremden Mitteln Teilungsunterricht in Deutsch für die zweijährigen Fachoberschulklassen.

Berufsfachschulklassen setzen einen Hauptschulabschluss voraus und ermöglichen den Erwerb des erweiterten Hauptschul- bzw. des Realschulabschlusses. Die zweijährige Fachoberschule setzt nur den Realschulabschluss voraus und wird deshalb von SchülerInnen mit migrantischem Hintergrund stark nachgefragt, etwas weniger die einjährige Fachoberschule, die eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt.

In all diesen Klassen stellen die LehrerInnen sprachliche Mängel fest, haben aber nur unzureichende Mittel, adäquate Maßnahmen einzusetzen, um die SchülerInnen auf das erforderlich sprachliche Niveau zu führen. Die Konsequenz ist, dass teilweise zu gute Noten verteilt werden oder überdurchschnittlich viele SchülerInnen zumindest die Fachoberschulprüfungen nicht bestehen. Die KollegInnen werden allein mit dieser Situation nicht fertig. Ihr Stundendeputat und die Klassenfrequenzen werden vergrößert, die Arbeitsbedingungen verschlechtert.

Paradigmenwechsel

Die Reaktion darauf ist leider häufig ein Paradigmenwechsel. Auch von ehemals eher reformpädagogisch orientierten KollegInnen wird mehr und mehr mit dem Leistungsprinzip argumentiert: Wer so große Defizite habe, könne doch keine Studierbefähigung bescheinigt bekommen. Im Endergebnis wird vielen jungen Menschen mit migrantischem Hintergrund eine der letzten Möglichkeiten eine höhere Bildung zu erlangen genommen. Nur noch wenige kommen überhaupt durch. Das Argument, man dürfe sie nicht für Versäumnisse der Organisation Schule oder der Gesellschaft insgesamt bestrafen, überzeugt immer weniger.

Nicht gesehen wird im allgemeinen auch die Tatsache, dass die einzelnen PädagogInnen ihren Anteil an dem diskriminierenden Geflecht haben. Ein schlechtes Gewissen stellt sich aber bei ihnen nicht mehr ein. Stattdessen werden Ideologeme entwickelt, die in Manier der Liepelts, Strieders oder Westerwelles die Verantwortung auf die Benachteiligten selbst abschieben und, so heißt es, "wir können doch nicht der Reparaturbetrieb für vorhergehende Bildungsgänge sein". Mehr und mehr schleicht sich dabei ein Unbehagen über "fremde Kulturen" ein. Aus der Schulleitung hört man schon die Sorge, zur "Kiezschule" zu degenerieren, sie fürchtet sich vor zu vielen SchülerInnen aus der unmittelbaren Kreuzberger Nachbarschaft. Anstatt Multikulti als ethnischen Schrebergarten zu begreifen, der durch eine Pädagogik zu ersetzen wäre, die das sich emanzipierende freiheitliche Individuum in den Vordergrund stellt, greift man lieber zu "law and order". So wurden in diesem Frühjahr drei türkischstämmige Schüler für angebliche Täuschungsversuche in einer Prüfung der Schule verwiesen. Abgesegnet wurde dieser Verweis von der Klassenkonferenz, von der Schulleitung und vom Landesschulamt. In den 80er Jahren wäre dieser Vorgang undenkbar gewesen.

Andauernde Ungleichheit

Insgesamt lässt sich auch an dieser einen (großen) Schule beobachten, dass sie sich nicht vom Trend unterscheidet, den Brumlik, Radtke und Tillmann für das deutsche Schulwesen insgesamt beschrieben haben. Auch die OSZ im Lande Berlin sind integraler Bestandteil der Herstellung von "andauernder Ungleichheit". Die Entwürfe zum neuen Schulgesetz, die Staatssekretär Stryck erarbeitet hat und die demnächst verabschiedet werden sollen, bieten dafür keine Abhilfe, die Sparvorhaben Sarrazins erst recht nicht. Rot-Rot bringt weder im Bankenskandal noch im Bildungswesen die längst überfällige Wende.

Günter Langer
ist Lehrer am OSZ Handel

Migranten in der Berliner Schule, Schuljahr 2000/2001

Ausländische Schüler:

  • Berlin insgesamt: 56.129 (15,1 %)
  • östliche Bezirke: 6.844 (4,4 %)
  • westliche Bezirke 49.285 (23 %)

Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache:

  • Berlin insgesamt: 74.750 (19,8 %)
  • östliche Bezirke: 9.826 (6,3 %)
  • westliche Bezirke: 64.924 (29,2 %)

Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache - Verteilung auf Schularten:

  • Grundschule: 44.229 (25,4 %)
  • westliche Bezirke: 38.420 (34,6 %)
  • östliche Bezirke: 5.809 (9,2 %)
  • Gymnasium: 8.285 (9,6 %)
  • westliche Bezirke: 7.116 (14,7 %)
  • östliche Bezirke: 1.169 (3,1 %)
  • Gesamtschule: 9.419 (16,9 %)
  • westliche Bezirke: 7.624 (25,5 %)
  • östliche Bezirke: 1.795 (7,0 %)
  • Realschule: 5.233 (16,6 %)
  • westliche Bezirke: 4.826 (30,6 %)
  • östliche Bezirke: 407 (2,6 %)
  • Hauptschule: 5.313 (33,4 %)
  • westliche Bezirke: 4.925 (45,1 %)
  • östliche Bezirke: 388 (7,8 %)
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