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Nr. 11/2002
Start ins Referendariat: Enttäuschung und Wut
Trotz LehrerInnenmangels sind über 400 BewerberInnen nicht zugelassen worden.

Heike Schuster versteht die Welt nicht mehr. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder hat im Herbst 2001 ihr erstes Staatsexamen für das Lehramt in Sonderschulen mit den Fachrichtungen Geistig- und Körperbehindertenpädagogik mit der Note zwei abgeschlossen. Bereits zum Mai 2002 hatte sie sich erfolglos um eine Einstellung ins Referendariat beworben. Nun flatterte ihr die zweite Ablehnung ins Haus. Für Geistig- und Körperbehindertenpädagogik gibt es null Plätze, teilte ihr das Landesschulamt mit. Der Studienabschluss liegt nun schon ein Jahr zurück. Heike Schuster bezieht für sich und ihre Kinder Sozialhilfe. Sie ist 32 Jahre alt. Sie kann nicht verstehen, warum sie ihre Ausbildung nicht zu Ende führen kann, obwohl doch in den Schulen SonderschullehrerInnen gebraucht werden.

Zugegeben, nicht allen der über 400 abgelehnten BewerberInnen für November 2002 geht es wie Heike. Das Gefühl, um wertvolle Lebenszeit betrogen zu werden, teilen sie aber gleichermaßen.

BewerberInnen für Mangelfächer wurden abgelehnt

Allein im Lehramt Sonderschule haben in der ersten Auswahlrunde lediglich 17 von 139 BewerberInnen eine Einstellungszusage erhalten, bei den LehrerInnen mit einem Fach (insbesondere für die Grundschulen) sind es 79 von 271. Insgesamt stehen den 431 Einstellungszusagen 450 Ablehnungen gegenüber. Eine so hohe Ablehnungsquote gab es selten zuvor. Sie ist aber für die GEW keine Überraschung. Man muss kein Mathematiker sein, um bereits zwei Jahre vorher in etwa abschätzen zu können, wie viele Referendarseinstellungen erfolgen können. Die vom Land Berlin finanzierte Zahl der Referendariatsplätze beträgt zur Zeit 1.900, die zu jedem Einstellungstermin wieder vollständig besetzt werden müssen. Das Referendariat dauert i.d.R. zwei Jahre. Neueinstellungen können immer nur in dem Umfang vorgenommen werden, in dem zuvor Plätze durch Beendigung des Referendariats frei werden. Für November 2002 war daher schon lange klar: Wenn Berlin keine zusätzlichen Plätze bereit stellt, können lediglich ca. 400 Neueinstellungen erfolgen. Diese Zahl entspricht fast genau der Einstellungsquote vor zwei Jahren - kleine Schwankungen können dabei vernachlässigt werden.

Es müssen mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden!

Die GEW BERLIN hat deshalb bereits im vergangenen Jahr gefordert, gerade im Jahr 2002 zusätzliche Referendariatsplätze in den Haushalt einzustellen. Wurde dies in der Vergangenheit vom zuständigen Schulsenator wenigstens noch als notwendig angesehen, so hat Bildungssenator Klaus Böger dieses Mal erklärt, dass für mehr Plätze kein Bedarf da sei und dieser außerdem nicht verlässlich ermittelt werden könne. Zitat Böger vom 27.3.02: "...lassen die auch Ihnen bekannten grundsätzlichen Unwägbarkeiten bei der Planung über einen einzelnen Einstellungszeitpunkt hinaus und die Erfahrungen im Zusammenhang mit den konkreten Bewerberzahlen ...eine verantwortliche und verantwortbare Entscheidung über die von Ihnen gewünschte Erhöhung um weitere 200 Ausbildungsplätze nicht zu." Und "Selbstverständlich wird hier die Entwicklung der Bewerberzahlen weiterhin sorgfältig beobachtet und, sollte sich im Laufe der nächsten Zeit eine andere - überraschende - Entwicklungsveränderung zeigen, versucht werden, darauf angemessen zu reagieren."

Übersetzt heißt das: Wir sitzen das Problem aus und hoffen, dass möglichst viele StudienabsolventInnen in andere Bundesländer gehen. Spätestens im Frühjahr hätte Böger reagieren müssen, als klar war, dass schon bei der Mai-Einstellung knapp 100 BewerberInnen endgültig abgelehnt wurden.

Doch Böger hat Höheres im Sinn und hält sich nicht mit derlei Kleinkram auf. Im Juli präsentierte er mit den zuständigen Vizepräsidenten der Berliner Universitäten ein Reformkonzept für die LehrerInnenbildung. Bachelor und Master sind die Zauberworte. "Kürzer, praxisnäher und besser soll die Lehrerausbildung werden", erklärte Böger bei der Vorstellung des Konzepts am 8. Juli vor der Presse. Und "Kernstück des Modells ist die Verzahnung von Studium und Vorbereitungsdienst..."

Kürzer? Heike Schuster und die vielen anderen abgelehnten ReferendariatsbewerberInnen wären froh, wenn ihnen ein zeitnaher Übergang vom Studium ins Referendariat ermöglicht worden wäre. Neue Konzepte braucht es dafür nicht. Es wäre schon viel erreicht, wenn die Luft, die im jetzigen Ausbildungssystem durch politische Fehlentscheidungen und mangelnde Abstimmung vorhanden ist, abgelassen wird.

Unsinnige Wartezeit

Im Moment sieht es aber eher so aus, als ob kräftig Luft nachgepumpt wird. Nur ein Beispiel: Humboldt-Universität und Freie Universität haben in diesem Jahr ein neues Blockprüfungsverfahren für das Erste Staatsexamen eingeführt. Das ist im Prinzip sinnvoll, da es für die PrüfungskandidatInnen mehr Verlässlichkeit und Zeitgewinn bedeuten kann. Die Auswirkungen dieser neuen Blockprüfungstermine auf die Referendariats-Einstellungen wurden allerdings nicht oder viel zu spät bedacht. Zu Recht kritisieren die Lehramts-AbsolventInnen, dass der Zeitraum zwischen Ende der Blockprüfungen im Oktober und nächsten Einstellungstermin ins Referendariat im Mai viel zu lang ist. Die im Prüfungsverfahren gewonnene Zeit geht bis zum Referendariat wieder verloren. Und was machen der Senator und sein Staatssekretär? Sie handeln und versprechen kurzer Hand den Prüflingen, sie könnten sich Mitte Oktober noch schnell für das Referendariat im November bewerben. Abgesehen davon, dass das rechtlich nicht möglich ist, würde das schon aufgrund der viel zu geringen Kapazitäten aussichtslos sein. Ein Anruf bei der zuständigen Abteilung im Landesschulamt hätte gereicht, um das herauszufinden. Das Ergebnis: enttäuschte Lehramts-AbsolventInnen, gestresste SachbearbeiterInnen im Landesschulamt und viel zerschlagenes Vertrauen in die Kompetenz der Politik.

Um nicht missverstanden zu werden: Eine Reform der LehrerInnenbildung ist notwendig. Zur Deckung des Einstellungsbedarfs in den Berliner Schulen in den nächsten sechs bis sieben Jahren wird sie allerdings nicht beitragen. Deshalb muss Berlin mehr tun, um diejenigen, die ihr Erstes Staatsexamen jetzt erfolgreich abgeschlossen haben, auch ohne Verzögerungen zu Ende auszubilden und dafür ausreichend Kapazitäten bereit halten.

Matthias Jähne

Mehr Infos zum Referendariat in Berlin unter
www.gew-berlin.de/referendariat

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