| Wolfgang Harnischfeger bezieht sich in seinen Ausführungen zur geplanten neuen gymnasialen Oberstufe auf den Artikel von Hans-Gerd Prause (blz 10/02), der die Reform ablehnt. Harnischfeger dagegen betont die positiven Aspekte der neuen Regelung.
Ab dem kommenden Schuljahr soll eine Reform der gymnasialen Oberstufe (GO) einsetzen, die 2006 zusammen mit einem Zentralabitur in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen erstmals vollständig umgesetzt sein wird. Betroffen sind also die jetzigen 10. Klassen . Der Unterricht soll ab der 11. Klasse vollständig in einem System von Grund- und Leistungskursen durchgeführt werden, und das Abitur wird am 31. März abgeschlossen sein.
Beklagt wird in der Presse zu Recht die mangelhafte Informationspolitik der Senatsverwaltung. So liegt erst seit Mitte Oktober ein vollständiger Entwurf der entsprechenden Rechtsvorschrift VO-GO vor, und in den Schulen häufen sich Fragen der Betroffenen, wie ihr Weg zum Abitur aussehen wird. Auch die Verknüpfung von Schulzeitverkürzung und Zentralabitur ist keineswegs zwingend und schafft zusätzlichen Zeitdruck, weil zentrale Aufgabenstellungen enger gefasste Rahmenpläne voraussetzen. Doch ist das Zeitargument für die Sache selbst nicht wesentlich. Der gegenwärtige Senat ist seit einem Jahr im Amt, und schneller sind umfassende Reformen nicht umzusetzen. Außerdem hätte mehr Zeit nicht zu mehr Sachverstand geführt, die Fronten wären auch bei längeren Diskussionen dieselben gewesen wie heute.
Anders als Prause, der für pauschale Ablehnung plädiert und damit kritiklos die bestehenden Verhältnisse akzeptiert, will ich Überlegungen anstellen, welchen Punkten man zustimmen kann, wo es Probleme und Kritik gibt und bei welchen Punkten die GEW eine nachhaltige Einflussnahme versuchen sollte.
Unsere erste und allerwichtigste Reaktion auf die in Berlin geplante Schulzeitverkürzung nach dem Modell der Mainzer Studienstufe (MSS) sollte Erleichterung sein, Erleichterung darüber, dass diese Maßnahme nicht mit einer Verdichtung in der Mittelstufe bezahlt wird. Die Sek I bleibt unangetastet und damit wird die Durchlässigkeit und Vergleichbarkeit auf dieser Schulstufe erhalten. Bei einer anderen Regierungskoalition (vermutlich bei jeder anderen) wäre es in großem Umfang zu Schnellläuferklassen ab Klasse 5 oder zur Vorverlegung der Einführungsphase in die 10. Klasse gekommen (siehe Saarland und Sachsen). So bleibt es bei der Einheitlichkeit im Pflichtschulbereich und die Zahl der Expressklassen ist festgeschrieben.
Zeitgewinn
Alle Schulzeitverkürzungsmodelle greifen die sympathische Idee auf, den 18-jährigen jungen Erwachsenen mehr Verantwortung zu übertragen, geht es doch um ihre Lebenszeit, die sie im Regelfall außerhalb von Schule besser nutzen können für neue Erfahrungen und Entwicklungen als innerhalb des Systems, das sie seit dem 6. Lebensjahr geprägt hat und das ihnen letztlich doch immer eine passive, konsumierende Rolle zuweist. Mit der Einführung der MSS beträgt die reale Verkürzung zwar nur drei Monate, de facto gewinnen die Abiturienten jedoch ein halbes Jahr Zeit, die sie entweder zum sofortigen Studienbeginn bzw. Militär- oder Ersatzdienst oder wie auch immer, jedenfalls selbstbestimmt, nutzen können. Universitäre Anpassungen an den früheren Abiturtermin sind auf dem Verhandlungswege erreichbar und auch bereits zugesagt.
Die Organisation der GO im Kurssystem von Anfang an mit ihrer Anrechnung des 2. Halbjahres der 11. Klasse als 1. Semester der Qualifikationsphase beseitigt ein Problem, dass viele als gravierend ansehen: Die unklare Identität der 11. Klasse und die damit verbundenen Motivationsprobleme der Schüler. Da die bisherigen zweistündigen Profilkurse künftig fünfstündig (als Leistungskurs) unterrichtet werden, ist im 1. Halbjahr eine wesentlich gezieltere Vorbereitung auf die Arbeit in der Oberstufe möglich als bisher. Außerdem erlaubt es die Neustrukturierung, das 4. Semester in die schriftlichen Prüfungen einzubeziehen, weil sie erst danach stattfinden. (In Deutsch z.B. findet damit endlich eine Befreiung aus den unsäglichen Effi Briest- und Expressionismus-Fesseln statt.) Auch der in der neuen VO-GO vorgesehenen einmaligen Wechselmöglichkeit in 11/1 kann man zustimmen.
In Rheinland-Pfalz muss jeder Schüler einen 3. Leistungskurs (LK) belegen, den er im 13. Jahrgang zum Grundkurs herabstuft. Es ist zu begrüßen, dass Berlin dieser Regelung nicht gefolgt ist. In vielen Kombinationen wäre z.B. Mathematik zwingend drei Semester lang als LK zu wählen gewesen, was für große Schülergruppen zu deutlichen Erschwernissen geführt hätte. Außerdem wären ab dem 4. Semester und im Abitur Aufgaben auf zwei Niveaustufen erforderlich gewesen (weil die Kurszusammensetzung unverändert bleibt).
Große Probleme wird es geben bei einem Auslandsaufenthalt. Findet dieser wie bisher im 11. Schuljahr statt, sieht die neue VO-GO vor, den betreffenden Schüler nach einem Votum der Klassenkonferenz am Ende der 10. Klasse für den 12. Jahrgang zuzulassen - mit dem schon fast unseriös erscheinenden Trick einer doppelten Gewichtung der Noten des 2. Semesters, um Ersatz für das fehlende 1. Semester zu bekommen. Abgesehen von derartigen Delikatessen (die in RPf goutiert werden), werden die aus dem Ausland zurückkehrenden Schülerinnen und Schüler große Probleme haben am Unterricht erfolgreich teilzunehmen, weil, anders als bisher, methodisch und inhaltlich schon abiturrelevanter Stoff behandelt wurde. Deshalb wird ein einjähriger Auslandsaufenthalt künftig im Regelfall zu einer Wiederholung des Jahrgangs und damit zu einer verlängerten Schulzeit führen oder zu deutlich schlechteren Abschlussnoten. Auch die alternativ vorgesehenen Möglichkeiten, den Auslandsaufenthalt auf sechs Monate zu verkürzen bzw. in die Halbjahre 10/2 und 11/1 zu verlegen, können nicht überzeugen, weil auch hier anschlussfähiger Stoff fehlt.
In der bisherigen 11. Klasse wurde Mathematik vierstündig unterrichtet, nach der neuen Fassung ist ein dreistündiger Grundkurs (GK) zu belegen. In den Naturwissenschaften bleibt die Stundenzahl 6 in der Summe erhalten, wird jedoch durch die dreistündige Organisation auf zwei Fächer konzentriert, was zum Verlust einer Naturwissenschaft führt und damit zu Lasten der Breite geht. Hier sollte die GEW mit Ausgleichsforderungen in der 10. Klasse ansetzen. Unabhängig von der Reform der GO ist jedoch in Mathematik und in Deutsch in der Mittelstufe eine Erhöhung der Stundenzahl von drei auf vier erforderlich.
Neue Prüfungskomponente
Viele Fragen wirft die neue 5. Prüfungskomponente auf. Zwar sind längeres wissenschaftspropädeutisches Arbeiten an einem Gegenstand und medial unterstützte Präsentationstechniken unbestreitbar wichtige Ziele des gymnasialen Oberstufenunterrichts, doch müsste es dafür keinen eigenen Prüfungsteil gegeben. Auf Grund seiner sprachlichen Dominanz werden in diesem Bereich Kinder aus (deutschen) Mittelschichtfamilien klar im Vorteil sein, und es bedarf wenig Phantasie, wie in Akademikerfamilien unter Einsatz aller Ressourcen PowerPoint-Präsentationen für das Abitur des Sprösslings vorbereitet werden. Hier wird der Gedanke der Chancengleichheit verletzt, und zu mehr und besser qualifizierten Abiturienten wird diese Maßnahme auch nicht führen. Wenn diese 5. Prüfungskomponente nicht zu kippen ist, muss intensiv versucht werden, Einfluss auf Inhalt und Stundenausstattung der Seminarkurse (zwei Lehrkräfte wegen des fachübergreifenden Ansatzes) zu nehmen. Außerdem muss für den erhöhten Betreuungsbedarf ein Ausgleich für die Lehrkräfte gefunden werden. Nicht zuletzt wird durch die zusätzliche Prüfung pro Schüler die Organisation des Abiturs sehr schwerfällig werden und zu erheblichen Unterrichtsausfällen für den Rest der Schule führen. Wir werden dann an vielen Schulen vier Prüfungstage haben. Mit der 5. Prüfungskomponente haben sich baden- württembergische Schavan-Konzepte, kombiniert mit Zehlendorfer bildungsbürgerlichen Interessen, durchgesetzt und der rot-rote Berliner Senat hat ihnen leider nachgegeben.
Mehrbelastung?
In das originäre Betätigungsfeld einer Lehrergewerkschaft fällt die Frage, wie die Korrekturbelastung und die Verrechnung der durch das vorgezogene Abitur frei werdenden Stunden von April bis zum Schuljahresende geregelt werden sollen. Berliner Überlegungen - Entscheidungen gibt es noch nicht - gehen dahin, im Jahr des Abiturs bei einem LK eine Stunde Mehrarbeit als Ausgleich zu verlangen und bei einem GK 0,5 Stunden, was unverhältnismäßig viel erscheint, zumal sich ab 2004 wegen der früheren Sommerferien der frei werdende Zeitraum auf zwei Monate verringert. Bei den Korrekturen sind Abstriche an den bisherigen Standards unerlässlich, weil sich die zu Verfügung stehenden Korrekturzeiten drastisch verringern. Dies muss dann auch in offiziellen Anweisungen umgesetzt werden. Weniger Probleme sehe ich bei der Ausfüllung der Zeit zwischen dem schriftlichen und dem mündlichen Abitur für die Schüler. Wenn man nicht von einem Frontalunterricht ausgeht, der den ständigen Lehrerzugriff erfodert, kann diese Zeit sinnvoll genutzt werden für Schülerprojekte, die sich an deren Interessen orientieren und ihre Situation nach der Schule zum Thema haben (Wirkung der Sozialsysteme, Reiseprojekte, Vorbereitung der Abschlussfeier usw.).
Mein Fazit lautet: Unter den gegebenen Umständen ist die Umsetzung der MSS für Berlin eher zu begrüßen und keineswegs pauschal abzulehnen. Es ergibt auch keinen Sinn, die GEW in eine Richtung zu drängen, in der alles Neue Teufelswerk und alles Alte gut ist, wenn es nur lange genug Bestand hatte. Die bisherige Organisation der GO enthielt Mängel und Leerstellen, die jetzt zum Teil beseitigt werden; die Straffung wird Schülern und Lehrern gut tun. Ich plädiere für eine grundsätzlich positive Annahme dieser Regelung und für aktive Einflussnahme in den genannten Feldern.
Wolfgang Harnischfeger |