Neue Wege für die Ausbildung
Die Jugendlichen müssen eine Perspektive bekommen!
von Rosemarie Pomian, Leiterin des Referats Berufliche Bildung und Weiterbildung
Am 1. September 2006 hat das neue Ausbildungsjahr begonnen. Für die Jugendlichen im Land Berlin hat sich die Situation weiter verschlechtert; nach Angaben des DGB sind im laufenden ersten Ausbildungsjahr 16.516 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz geblieben. Auch ein Blick in den Berufsbildungsbericht 2006 bestätigt ihre schlechten Startchancen in das Arbeitsleben.
Wirtschaft und Politik: Einfach weiter so!
Vom Bund und den Wirtschaftsverbänden wird zum einen die Ausbildungsstellensituation weiterhin gesundgebetet, zum anderen wird teilweise den Jugendlichen die Schuld in die Schuhe geschoben, weil diese nicht ausbildungsreif seien. Das mag zum Teil zutreffen, aber wir haben einen großen Teil marktbenachteiligter Jugendlicher, weil in Berlin Ausbildungsplätze fehlen.
Unser ehemaliger Bildungssenator stellte dazu am 1. September 2006 fest, dass nur noch 64,1 Prozent der Jugendlichen im Jahr 2005 eine duale Ausbildung beginnen konnten. Seine Schlussfolgerung: „Klar ist eines: Die Unternehmen stehen in der Pflicht, jedem willigen und fähigen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Wir können nicht länger zusehen, wie sich die Unternehmen aus ihrer Ausbildungspflicht peu a peu davonstehlen und der öffentlichen Hand die Kosten für die Ausbildung aufdrücken.“ Konsequenzen für seinen Bereich wollte er nicht ziehen.
Die teure Reise durch die Bildungsgänge
Klar ist, dass Vollzeitschüler an der berufsbildenden Schule bis zum Vierfachen an Lehrkräften und Räumlichkeiten kosten. Wir wissen aber auch, dass die mit Kammerprüfung oder schulischer Abschlussprüfung endenden Berufsfachschulen die Jugendlichen für den Arbeitsmarkt gut qualifizieren. Und ein solches Angebot ist allemal besser, als die Jugendlichen auf eine lange Reise zu schicken: zunächst in einen BQL-Lehrgang, dann in die einjährige OBF, anschließend in eine berufsvorbereitende Maßnahme der BA und schließlich vielleicht noch einen Teil von ihnen in die zweijährige OF. Das passiert aber bislang, denn der Anteil der sogenannten AltbewerberInnen bei den gemeldeten Ausbildungsplatzsuchenden in Berlin beträgt inzwischen 63,5 Prozent. Anders ausgedrückt: Nur jeder dritte junge Mensch bekommt unmittelbar im Anschluss an die allgemeinbildende Schule in Berlin noch einen Ausbildungsplatz.
Mit dem ineffektiven und intransparenten Übergangssystem (Warteschleifen), das sich infolge der fehlenden dualen Ausbildungsplätze entwickelt hat, wird wertvolle Lebens- und Arbeitszeit von Jugendlichen verschwendet. Zudem kostet es jährlich bundesweit schätzungsweise 4 Milliarden Euro. Dieses Geld kann besser angelegt werden, wenn man das duale System mit qualitativ gleichwertigen Ausbildungsmöglichkeiten ergänzt.
Perspektiven jetzt!
In Berlin gibt es diese Ergänzungen schon seit Jahren: zum einen mit dem Ausbildungsgang MDQM II (Kooperation zwischen Berufsschule und wirtschaftsnahem Träger) und zum anderen mit vollzeitschulischer Ausbildung mit Kammerabschlussprüfung. Solange für die ausbildungsreifen Jugendlichen nicht genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, muss das Ergänzungssystem ausgebaut werden. Den Jugendlichen hilft der Ruf nach einer Ausbildungsplatzabgabe nicht weiter. Sie brauchen jetzt eine Alternative und nicht erst in vielen Jahren.
Dieser noch niemals evaluierte Notbehelf verschwendet nicht nur Lebens- und Arbeitszeit der jungen Menschen, sondern krankt auch an Folgendem: Er würdigt weder die bereits erworbenen Kompetenzen und Kenntnisse, noch ist er dazu in der Lage, die Defizite der einzelnen SchülerInnen ausreichend zu beseitigen, unter anderem weil die Jugendlichen in irgendeiner beliebigen berufsbildenden Schule und irgendeinem Berufsfeld landen, nur weil gerade dort noch Plätze frei sind. Und dann werden auch noch über 30 junge Menschen in der einjährigen OBF in eine Klasse gestopft und die Senatsbildungsverwaltung wundert sich über hohe Fehlzeiten und fehlende Motivation.
Änderungen sind möglich – wenn die Politik will!
Es ist dringend geboten, dass beim Verlassen der allgemeinbildenden Schulen ein wirkliches Profiling der Jugendlichen stattfindet. Dann kann darüber entschieden werden, ob Defizite bei den Jugendlichen vorhanden sind und welche Kenntnisse und Kompetenzen sie erworben haben, ob sie in einem 11. Schuljahr an einer berufsbildenden Schule noch zu einem höherwertigen Schulabschluss geführt werden können/ müssen oder ob sie nicht gleich eine vollzeitschulische Berufsausbildung beginnen können. Erfolgreiche absolvierte Teile aus der beruflichen Vorbereitung (aus BQL, MDQM I, der einjährigen OBF oder einem berufsvorbereitenden Lehrgang) müssen auf jeden Fall auf eine folgende Berufsausbildung angerechnet werden können. Das Berufsbildungsgesetz bietet dazu in § 7 die entsprechende Möglichkeit.
Tabelle: Berufsbildungsbericht 2006, Auszüge
| Ausbildungsstellenangebot 2005 |
19.897
|
| AusbildungsstellennachfragerInnen |
23.050 |
|
Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge
./. 895 gegenüber Vorjahr |
19.639 |
| Unbesetzte Ausbildungsstellen 1) |
258 |
| Nicht vermittelte BewerberInnen |
3.411 |
|
Gesamtausbildungsstellen
pro 100 BewerberInnen =sehr ungünstiger Ausbildungsstellenmarkt |
86,3 |
|
Betriebliche Ausbildungsplätze
pro 100 BewerberInnen = = sehr ungünstiger Ausbildungsstellenmarkt |
63,3 |
|
SchülerInnen in BQL und MDQM I
(11. Schuljahr an berufsbildenden Schulen) 2) |
3.167 |
| SchülerInnen in der 1jährigen OBF 2) |
4.747 |
| SchülerInnen im 1. Jahr der zweij. OF 2) |
2.751 |
|
SchülerInnen in berufsvorbereitenden
Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA) |
2.503 |
| 1) Diejenigen, die in Maßnahmen der BA oder in vollzeitschulischen Bildungsgängen aufgenommen worden sind, gelten als vermittelt; auch so kann man das wahre Ausmaß der Misere kleinreden.
2) BQL = Berufsqualifizierende Lehrgänge / MDQM = Modulare Duale Qualifizierungsmaßnahme / OBF = Berufsfachschule (ein- bzw. dreijährig) / OF = Fachoberschule)
(Zahlen für Berlin) |
|
|