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Nr. 12 / 2006: Schmalspurbahn ohne Anschluss

Schmalspurbahn ohne Anschluss

Das Berliner Referendariat nach der Reform.

von Michael Martin, Leiter des Referates für LehrerInnenbildung

Berlin im Februar 2009. Bahnhof Berlin- Bildungsverwaltung. Es ist schon kurz nach Zwölf, doch der Zug bewegt sich nicht. Nun, es sitzen ja auch kaum ausbildungswillige Menschen in der Bimmelbahn. Denn die Zeiten, an denen ReferendariatsanwärterInnen um eine Platzreservierung in viel zu kurzen Zügen kämpfen mussten, sind endgültig vorbei. Viele der KandidatInnen für ein Referendariat in der Berliner Schule sind längst in Richtung anderer Bundesländer umgestiegen.

Ein anderer Zug ist jedoch schon längst abgefahren. Dieser hatte den klangvollen Namen „Referendariatsreform“ und sollte eigentlich als Express seine Berliner Fahrgäste zu den höheren Weihen des LehrerInnendaseins befördern. „Express“ ist dabei jedoch keinesfalls mit „gut ausgestattet“, „komfortabel“, „zuverlässig“ oder „hoher Qualität“ zu assoziieren, sondern nur und ausschließlich mit „schnell“ im engen Zusammenhang mit „billig“. Übrig geblieben ist damit jene Bimmelbahn, welche die verbliebenen LehreranwärterInnen nun mehr schlecht als recht durch die zweite Phase ihrer Ausbildung zur LehrerIn bringen soll.

Unterschiedlich lange Ausbildung

Zugegeben, ganz stimmt das nicht: Schließlich werden künftige StudienrätInnen eine lange Strecke 1. Klasse transportiert. Sie genießen neben dem sechssemestrigen Bachelor-Studium eine viersemestrige Masterphase an der Universität, bevor sie zu einem zweijährigen Referendariat zugelassen werden. Drittklassig ist hingegen die Ausbildung aller anderen LehrerInnen. Sie konnten sich schon in der Masterphase, an das Schmalspurformat im Referendariat gewöhnen. Jedenfalls galt und gilt im Kreise der Berliner Regierenden die Annahme, dass für kleine Kinder und andere offensichtlich nicht ernst zu nehmende SchülerInnengruppen wie Haupt- und SonderschülerInnen auch nur „kleine“ LehrerInnen benötigt würden, die insgesamt zwei Jahre kürzer ausgebildet werden als StudienrätInnen.

Eines wurde jedoch nicht bedacht: Mit dem Beschluss, zum Beispiel auch für SonderschullehrerInnen einen nur einjährigen Masterstudiengang mit gleichzeitig verkürztem Vorbereitungsdienst anzubieten, stellt man diese Personengruppe aufs berufliche Abstellgleis. Nein, es ist ein Totgleis, denn die Absolventen haben damit keine Anschlussmöglichkeit mehr in andere Bundesländer. Freundlich aber bestimmt weisen die dortigen Bildungsverwaltungen auf Anfrage darauf hin, dass mit der Berliner Ausbildung leider kein Absolvent in den Vorbereitungsdienst aufgenommen werden kann.

Verordnung statt Diskussion

Doch wie kam es überhaupt zu einem solchen Rückbau des „Schienennetzes“? Im Jahr 2006 bastelte eine kleine Arbeitsgruppe der Senatsbildungsverwaltung am grünen Tisch an der neuen Referendariatsstruktur. Zwar wurde mehrfach angekündigt, den Reformprozess transparent zu gestalten, doch die Entwürfe von Ausbildungs- und Prüfungsordnungen sind nie wirklich der öffentlichen Diskussion zugänglich gemacht worden. Hierdurch konnte die Bildungsverwaltung ihre Pläne realisieren, die ReferendarInnen bedarfsdeckend mit 16 Stunden „eigenständigem Unterricht“ in der Schule einzusetzen. Nicht unterschätzen darf man in diesem Zusammenhang den Sparbeitrag, den die auszubildenden Lehrer- Innen damit für das Land Berlin leisten.

Und das sollte man von dieser Berufsgruppe ja wohl auch erwarten können, denn schließlich hat sie in ihrem künftigen Berufsleben vormittags Recht und nachmittags frei.

Aber wie sollen im Referendariat neben der vielen Praxis die notwendigen „Wissenskompetenzen“ vermittelt werden? Ganz einfach, innerhalb des nun „modularisierten Vorbereitungsdienstes“ sollen die ReferendarInnen in 200 Personen starken (Haupt-)Seminaren die gesetzten Standards erreichen. Die Zuhörkompetenz wird in der Hauptausbildungsstätte Schule durch „ausbildende Lehrkräfte“ ergänzt, welche ihre Schützlinge in der Regel aufgrund ihrer eigenen Qualifikation jedoch nur in einem Unterrichtsfach betreuen können. Aber nachdem „Betreuung“ als achtwöchige Überprüfung der Auszubildenden nach einem standardisierten Benotungsverfahren definiert wird, ist den ausbildenden Lehrkräften auch ohne adäquaten Zeitausgleich für ihre Ausbildungstätigkeit und natürlich auch ohne belastende Fortbildungen diese Art der Fürsorge möglich. Und noch eine Fliege wird mit der Klappe der „ausbildenden Lehrer“ geschlagen – diese sind nämlich nicht mehr Mitglieder der Prüfungskommission zum Zweiten Staatsexamen und damit ist die von je her geforderte Trennung zwischen „Beratungs-“ und „Prüfungsfunktion“ nun endlich perfekt.

Wer korrigiert die Hausarbeit?

Aber eines bleibt beim guten Alten – die schriftliche Hausarbeit zum Zweiten Staatsexamen. Außer, dass diese nun in nur noch zehn Wochen geschrieben werden soll – selbstverständlich mit   unverändert hohem wissenschaftlichem und pädagogischem Niveau. Unklar ist allerdings, wer diese Arbeiten korrigieren wird. Denn die theoretisch versierten und nun „überschüssigen“ (ehemaligen) SeminarleiterInnen sind aufgrund der personellen Unterausstattung der Fachdidaktiken an den lehrerInnenbildenden Universitäten dorthin delegiert worden. Ähnlich wie die Hausarbeit bleibt also auch die auf das Referendariat vorbereitende Ausbildung in der Masterphase ein „pädagogisches Experiment“. Mittelfristig kommt man an den Unis dadurch sogar gänzlich ohne fachdidaktische Forschung aus, schließlich steht ja der Praxisbezug im Vordergrund der Ausbildung... Halt, noch eine Tradition wird im neugestalteten Referendariat gepflegt: Die Kontrolleure in diesem neuen Zug sind nach wie vor die AusbilderInnen selbst. Sie können sich und die Qualität ihrer Arbeit also selbst beurteilen und sind damit gegen jedwede ungerechtfertigte Einmischung von außen gefeit.

Hoffentlich bleibt uns und den künftigen ReferendarInnen dieses Szenario erspart – hierfür engagiert sich die GEW BERLIN intensiv und tritt mit konkreten Forderungen zur Neugestaltung des Referendariats an die politisch Verantwortlichen im Berliner Abgeordnetenhaus heran. Noch ist der Zug nicht abgefahren – wir müssen die entsprechenden Weichen stellen!

Die GEW-Eckpunkte zur Neugestaltung des Referendariats und weitere Informationen zum Thema sind unter http://www.gew-berlin.de/1783.htm und www.lebi-wiki.de zu finden.

 

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