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Nr. 12 / 2006: Eine Schule für alle

Eine Schule für alle

Längeres gemeinsames Lernen als Weg zu mehr Chancengerechtigkeit.

von den TeilnehmerInnen der Initiative „Berlins Zukunft -- Gemeinschaftsschule“

Die jüngsten Ergebnisse der PISAStudie haben erneut bestätigt: Das traditionelle deutsche Schulwesen in allen seinen 16 länderspezifischen Ausprägungen

• beeinträchtigt das Menschenrecht auf Bildung, in dem es herkunftsbedingte Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen verschärft statt sie abzubauen,

• verknappt künstlich den Zugang zu akademischer Bildung und bringt zu wenige Studienberechtigte hervor,

• erzeugt eine erschreckende „Risikogruppe” im unteren Leistungssegment,

• produziert zu viele gebrochene Bildungsbiografien,

• bereitet Eltern, Schülern und Lehrern permanent einen auslesebedingten Stress.

Diese Probleme sind strukturell und lernkulturell bedingt und durch noch so große Anstrengungen aller Beteiligten innerhalb des traditionellen Schulsystems nicht zu lösen. Ein System- und Perspektivwechsel hin zu einem integrativen/inklusiven Schulsystem ist deshalb unabdingbar.

Auch in Berlin werden Kinder durch eine zu frühe Auslese im Schulsystem benachteiligt, bleiben zu viele Jugendliche ohne Schulabschluss, bleiben zu viele Bildungspotenziale unerschlossen.

Die Initiative „Berlins Zukunft – Eine Schule für alle” setzt sich deshalb für inhaltliche und strukturelle Veränderungen des Schulsystems ein, die das längere gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen fördern. Sie sehen in der EINEN SCHULE FÜR ALLE die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft und auf die Probleme des traditionellen Schulwesens.

Eine Schule für alle ist für uns eine Schule der Vielfalt und Kooperation, keine nivellierende Einheitsschule.

Alle Jungen und Mädchen werden in ihrer Individualität wertgeschätzt, individuell gefördert und herausgefordert, all ihre Potenziale zu entwickeln.

In der Schule für alle sind alle Kinder willkommen. Niemand wird ausgesondert oder beschämt.

Eine Schule für alle ist weitgehend barrierefrei. Auswahlentscheidungen sollten erst gegen Ende der pubertären Entwicklungsphase fallen – in der Regel am Ende der Sekundarstufe I.

Unterricht im Gleichschritt und „Gleichmacherei auf mittlerem Niveau” wie im traditionellen Schulwesen werden durch neue Lehr- und Lernkulturen überwunden.

LehrerInnen können sich im Wesentlichen auf ihre Beratungs- und Unterstützungsfunktion und auf die Lern- und Entwicklungsprozesse ihrer Schüler konzentrieren.

Die Unterstützer der Initiative streben keinen abrupten Systemwechsel an, da eine neue Schul- und Lernkultur nicht verordnet werden kann, sondern wachsen muss. Wir sind der Auffassung, dass das Schulwesen der Zukunft auch aus den bestehenden Schulen entwickelt werden kann. Das erfordert jedoch einen breiten gesellschaftlichen Konsens für eine solche Weiterentwicklung des Schulwesens in Berlin. Orientierend sind dabei für uns die Schulentwicklung in den skandinavischen Ländern und die in Deutschland bereits vorhandenen guten Beispiele integrativer Schulentwicklung.

Wir wollen deshalb den gesellschaftlichen Diskurs führen, um notwendige Mehrheiten für einen solchen Struktur- und Lernkulturwandel im Schulbereich zu erreichen.

Wir rufen alle, die unsere Ziele teilen, dazu auf, mit uns gemeinsam die Weiterentwicklung des Schulsystems zu einem integrativen System zu befördern. Machen wir uns gemeinsam stark für ein langes gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen, für eine integrative Lehr- und Lernkultur.

Wir sind uns bewusst, dass dieses Ziel nicht von heute auf morgen zu erreichen ist und großer gemeinsamer Kraftanstrengung bedarf.

Wir freuen uns deshalb über jeden, der unsere Idee unterstützt und sich unserer Initiative anschließt. Dazu rufen wir gemeinsam auf.

Infokasten 

DIE GEMEINSCHAFTSSCHULE KOMMT – BERLIN MACHT SICH AUF DEN WEG

Schon vor den Neuwahlen in Berlin hat die GEW BERLIN einen runden Tisch zum Thema „Eine Schule für alle“ ins Leben gerufen, an dem sich VertreterInnen von Verbänden und Parteien, Eltern, SchülerInnen und PädagogInnen beteiligen. Aktuell wird geplant, im Frühjahr 2007 eine Tagung zum Thema „Gemeinschaftsschule“.

Denn was jetzt gebraucht wird, sind vor allem Kenntnisse darüber, was eine Gemeinschaftsschule ist, was sie von der herkömmlichen Schule unterscheidet und wie sie am besten auf den Weg gebracht werden kann. Es gibt in anderen Bundesländern einige Schulen, die die Stolpersteine auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule kennen, und von denen wir lernen können und wollen. Parallel dazu werden Schulen in der Region gesucht, die sich am Pilotprojekt auf freiwilliger Basis beteiligen wollen. Grundsätzlich können das alle Sekundarstufe I-Schulen sein, also auch Gymnasien. Der Senat stellt in dieser Legislaturperiode 22 Millionen Euro für die Modellschulen zur Verfügung und will eine Steuerungsgruppe einrichten, die sich mit der konkreten Umsetzung befasst. Hier würde die GEW BERLIN selbstverständlich gern ihre Kompetenz einfließen lassen. Die blz will den Prozess begleiten, weil sie ihn für den richtigen Weg hält. Die Gemeinschaftsschule ist für alle da, auch für diejenigen SchülerInnen, die derzeit noch nach unten an die Hauptschule aussortiert werden. Im Januarheft widmen wir uns dem Thema mit einem Grundsatzartikel. Im Februar hoffen wir schon von den aktuellen Entwicklungen berichten zu können. Sigrid Baumgardt


 

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