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Nr. 12 / 2006: Bleib wo du bist

Bleib wo du bist

Über die (bildungs-)politische Verlogenheit der Armutsdebatte.

von Brigitte Schumann, freie Journalistin und Bildungsexpertin (Bündnis 90/Grüne in NRW)

Die neue Entdeckung der Armutsbevölkerung in Deutschland seitens der Politik und die Debatte, die zum Thema geführt wird, nehmen unerträglich bizarre Züge an. Gestritten wird darüber, ob man die Armutsbevölkerung als Unterschicht bezeichnen darf oder nicht und debattieren tun häufig diejenigen, die selbst politisch dazu beigetragen haben, dass es in Deutschland aktuell immer mehr Armut gibt. Und wieder und wieder werden gebetsmühlenartig die Parolen vorgetragen, die wir schon aus der PISA- Diskussion kennen: Bildung sei der Schlüssel zur Lösung des Armutsproblems und tragende Säule für die gesellschaftliche Integration. Keinesfalls dürfe es hingenommen werden, dass Bildung und Ausbildung vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Jeder und jede äußern sich dazu. Leider gibt genau das Anlass zur Vermutung, dass das der Abgesang des Themas ist und es bald ad acta gelegt wird. Schlimm nur, dass die Menschen, um die es geht, wiederholt allein gelassen werden mit ihren Problemen.

Nichts Neues – bei genauer Betrachtung

In welcher Realität leben unsere Politiker eigentlich? Soziologen warnen schon seit Jahren vor der schleichenden Unterschichtung der Gesellschaft und meinen damit, dass zu viele Menschen als Langzeitarbeitslose nicht mehr gesellschaftlich gebraucht werden und sich selbst als überflüssig erfahren. Parallel dazu erleben sich immer mehr Jugendliche, und nicht nur die mit geringer Bildung, als ausgemustert. Der reguläre Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist ihnen verwehrt und sie werden stattdessen auf Warteschleifen vertröstet. Statt zu handeln, haben unsere Politiker obendrein dafür gesorgt, dass den vom gesellschaftlichen Leben und von Teilhabe Abgekoppelten durch die „aktivierende“ Sozial- und Arbeitsmarktpolitik beigebracht wird, sie trügen selber Schuld an ihrer Misere. Die Verschärfungen der Hartz IV-Regelungen orientieren sich immer deutlicher erkennbar an dem Motto: Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen.

Ebenfalls nicht neu sind die Erkenntnisse über den strukturell vermittelten Zusammenhang von Sozialschicht und Schulerfolg. Die erfolglosen und gescheiterten HauptschülerInnen kommen aus Familien, die zumeist auch große soziale Probleme haben. Sie wachsen immer häufiger in sozialer, kultureller und materieller Armut auf. In der Schule bleiben sie zu ihrem Nachteil unter sich, denn die herkunftsbedingte Benachteiligung der gesamten Schülerschaft wirkt sich nachweislich negativ auf ihren Kompetenzerwerb aus. Wann nimmt die Bildungspolitik endlich zur Kenntnis, dass sie an einem Schulsystem festhält, dass aus Armut Bildungsarmut macht und damit die Armutslage verfestigt, während umgekehrt in diesem System sozial privilegierte Kinder den privilegierten Bildungsstatus ihrer Eltern erben dürfen.

Über den Euphemismus: Förderschule

Noch krasser zeigt sich der über unser Schulsystem vermittelte Zusammenhang von Armut und Bildungsarmut in den Sonderschulen, heute in fast allen Bundesländern euphemistisch in Förderschulen umbenannt. 90 Prozent der Kinder, die als sogenannte Lernbehinderte dort unterrichtet werden, kommen aus sozial randständigen Verhältnissen, in denen Armut und Hoffnungslosigkeit zum Alltag gehören. Ihre Abschlüsse sind katastrophal schlecht, die Mehrzahl schafft nicht einmal den einfachen Hauptschulabschluss. Eine Studie aus jüngster Zeit von Prof. Wocken über FörderschülerInnen in Brandenburg hat einen negativen Zusammenhang zwischen der Verweildauer in der Sonderschule und der Intelligenz- und Lernentwicklung der betroffenen SchülerInnen nachgewiesen. Mit anderen Worten: Je früher ein Kind zur Sonderschule überwiesen wird, desto schädlicher für das Kind und seine Zukunftsperspektiven, seine gesellschaftlichen Integrationsmöglichkeiten. Diese Schulen als Förderschulen zu bezeichnen ist angesichts des Teufelskreises von Armut und Bildungsarmut, in den die SchülerInnen dort geraten, geradezu eine Verhöhnung dieser VerliererInnen.

In anderen Ländern hat man längst aus diesen Erkenntnissen die richtigen Konsequenzen gezogen. Kinder lernen gemeinsam 8, 9 oder 10 Jahre und werden individuell gefördert. Unsere ständisch wirkenden Grenzziehungen im Schulsystem haben sie längst überwunden. Hierzulande wird jedoch noch geduldet, dass es einen „Bildungskeller“ für besonders benachteiligte Kinder gibt, der sich zudem zu einem Getto für MigrantInnen entwickelt hat. Über die Existenz dieses Kellers und dieser Kellerkinder will weder Politik noch Gesellschaft Genaues wissen. Von allen Qualitätsüberprüfungen des Schulsystems der letzten Jahre waren die Sonderschulen ausgenommen und es ist noch nicht einmal öffentlich aufgefallen. Die Tatsache, dass die o.g. Studie bis heute nicht offiziell vom Bildungsministerium in Brandenburg veröffentlicht worden ist, rundet das Bild ab.

Reformkosmetik

Nun scheint es einigen Politikern inzwischen zu dämmern, dass es einen strukturell erzeugten Bildungsnotstand gibt und sie setzen als Lösung auf die Zusammenfassung von Haupt und Realschulen. Diese Bearbeitung  des Problems ist rein kosmetischer Natur und damit verlogen. Die Kellerkinder bleiben nämlich, wo sie sind, während die Kinder der obersten Etage, des Gymnasiums, ihren Platz auf dem privilegierten Sonnendeck behaupten. Armen Kindern bleibt der Zutritt zum Gymnasium quasi verwehrt, dafür sind ihre Chancen auf einen Platz in der Sonderschule umso besser. Wann wird der Artikel 7 aus dem Grundgesetz endlich auf die staatlichen Schulen angewendet? Er stellt ausdrücklich fest, dass das Recht zur Errichtung von Privatschulen an das Verbot gebunden ist, eine Sondierung der SchülerInnen nach den Besitzverhältnissen der Eltern zu fördern.

 

 

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