Der Weg zum indigenen Staat
Boliviens Erziehungswesen befindet sich im Umbruch.
von Silvia Lange, ehemals Fachkraft des Deutschen Entwicklungsdienstes in Bolivien
Aus den bolivianischen Parlamentswahlen ist die Movimiento al Socialismo im Dezember 2005 entgegen allen Prognosen als große Wahlsiegerin hervorgegangen. Ihr Spitzenkandidat, Evo Morales, wurde im Januar 2006 zum ersten indigenen Präsidenten Boliviens – ja ganz Lateinamerikas – gekürt. Vizepräsident ist Alvaro García Linera, ein linker Intellektueller und ehemaliger Vordenker der Guerilla-Armee Tupak Katarí.
Was bedeutet es auf politisch-programmatischer Ebene, dass mit Evo Morales ein Indigener Präsident Boliviens ist? Wird es ihm und seiner Regierung gelingen, auf unterschiedlichen Politikfeldern einen kulturellen und politischen Konsens zu finden, mit dem sich sowohl die eher an westlichen Werten orientierte Mittel- und Oberklasse als auch die indigenen Völker Boliviens identifizieren? Ein besonders sensibles und umkämpftes Gebiet ist in diesem Zusammenhang das Bildungs- und Erziehungswesen.
Die Erziehungsreform von 1994
Die Erziehungsreform von 1994 war Teil des neoliberalen Reformpaketes der 80er und 90er Jahre. Bei den Reformen der „ersten Generation“ ging es um die Deregulierung der Wirtschaft mit dem Ziel der Weltmarktintegration. Diese rein ökonomischen Reformen wurden in den 90er Jahren durch Reformen zur politischen und administrativen Dezentralisierung und Demokratisierung der Gesellschaft, die Reformen der „zweiten Generation“ ergänzt. Zu diesen zählt u.a. eine Verfassungsreform, die Bolivien als einen „multiethnischen plurikulturellen Staat“ definiert sowie eine Erziehungsreform. Kennzeichnend für das damalige Erziehungswesen war – neben einer hohen Analphabetismusrate – eine miserable Unterrichtsqualität, eine schlecht ausgebildete, unterbezahlte aber hoch politisierte Lehrerschaft. Die Erziehungsreform von 1994 beinhaltete vor allem die:
• Beteiligung der Gemeinde an der Erziehung vor Ort
• Schaffung von Kernschulen in ländlichen Gebieten als Schulversuch
• Abschaffung traditioneller Prüfungen
• Gründung einer neuen Lehrergewerkschaft, sowie den
• Ausschluss eines großen Teils der Schulbücher.
• Benutzung neuer Schulbücher
Die wichtigste Neuerung war die Einführung der interkulturellen zweisprachigen Erziehung. Zielgruppe war allerdings ausschließlich die indigene Bevölkerung, deren Kinder nun das Recht auf Unterricht in ihrer Muttersprache hatten. Nicht intendiert war, die überwiegend weiße Mittel- und Oberschicht in einer der vielen indigenen Sprachen zu unterweisen. Zudem wurde der zweisprachige Unterricht nur teilweise umgesetzt, da entsprechend ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer fehlten. Die Reform traf zunächst auf großen Widerstand der trotzkistisch orientierten hochpolitisierten Lehrerschaft, dem letztendlich durch die Verhängung des Ausnahmezustands begegnet wurde.
Entwurf einer erneuten Erziehungsreform
Im August dieses Jahres haben VertreterInnen der indigenen Völker Boliviens ihrem Präsidenten einen Entwurf für die anstehende Erziehungsreform überreicht. Erarbeitet wurde er vom Nationalen Erziehungsrat – ohne Teilnahme der städtischen LehrerInnen, die den Entwurf ebenso wie die VertreterInnen der Universitäten und Privatschulen ablehnen. Hier einige Eckpunkte:
• Es soll eine dreisprachige Erziehung für alle eingeführt werden. Das bedeutet, auch die Angehörigen der „weißen Mittel- und Oberschicht“ müssten neben einer westlichen eine indigene Sprache lernen, die prüfungsrelevant ist.
• Die Mitspracherechte lokaler Instanzen sollen durch die Einrichtung von Erziehungsräten auf Ebene der Kommunen gestärkt werden. Sie sollen bei der Ausgestaltung des Erziehungsprozesses auf allen Ebenen (lokal bis national) und des Ausbildungsniveaus mitentscheiden.
• Im Kontext einer Entkolonialisierung des Erziehungswesens soll die katholische Religion als Unterrichts- und Prüfungsfach zugunsten einer laizistischen, pluralistischen spirituellen Erziehung entfallen.
• Generell wird die Vermittlung traditionellen Wissens und traditioneller Werte und Technologie der Vermittlung von westlichem naturwissenschaftlichen und technischen Wissen sowie westlicher Werte gleichgestellt.
Das Reformprojekt wurde vor allem von den städtischen trotzkistisch orientierten Lehrergewerkschaften, deren Mitglieder zum Teil auch zu den indigenen Völkern gehören, mit dem Vorwurf des Indigenismus bedacht. Sie argumentieren, dass es unrealistisch sei, Wertvorstellungen wie Solidarität und Reziprozität sowie soziale und kulturelle Praktiken indigener Kulturen, die in den Dörfern ihre Berechtigung haben, auf viel weiter entwickelte kapitalistische städtische Gebiete zu übertragen. In der Mitbestimmung kommunaler Erziehungsräte sehen sie einen Angriff auf die Autonomie der Universitäten.
Es wird schwierig werden, einen Kompromiss zu finden, der die Anerkennung traditioneller Kulturen mit dem universellen Geltungsanspruch westlicher Werte und Technologie verbindet und allen BolivianerInnen gerecht wird. Der Dualismus von traditionellen indigenen Wertvorstellungen und westlichen, vermeintlich universalistischen Werten spiegelt sich nicht nur in der Diskussion um die Erziehungsreform sondern zieht sich durch alle Politikbereiche.
Die Endfassung der bolivianischen Erziehungsreform ist noch nicht geschrieben. Es bleibt spannend!
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