MACHT MIT LIEBE
Bernhard Bueb: Lob der Disziplin, List-Verlag 4. Auflage, 2006
von Manfred Triebe
Bernhard Bueb, Jahrgang 1938, Anfang der 70er Assistent von Hartmut von Hentig und von 1974 bis 2005 Leiter der Internatsschule Schloß Salem, zieht in seiner Streitschrift Lob der Disziplin eine Bilanz.
Zu Beginn erklärt er den Bildungsnotstand als konsequente Folge des von ihm verkündeten Erziehungsnotstandes und bietet eine ebenso schlichte wie einfache Lösung für das beklagte Problem. Die Ursache des Erziehungsnotstandes ist die fehlende Disziplin der heranwachsenden Generation, ja vielleicht sogar schon von deren Eltern.
Wie hat es soweit kommen können? Bernhard Bueb liefert auch dafür eine simple Erklärung: Die Erfahrungen einer autoritären Erziehungstradition, die in einer Diktatur endete, hat uns (leider) den Gebrauch von Macht und Autorität, die Forderung nach Disziplin und Unterordnung suspekt gemacht. Es wurde darauf vertraut, dass die Jugendlichen sich selbst disziplinieren und wenig Zwang und Autorität brauchen. Verschärft wurde das alles durch die 68er, die auch noch den Rest von Autorität zerstörten.
Mut zur Erziehung ist angesagt und für Bernhard Bueb heißt dies vor allem Mut zur Disziplin, die das Fundament aller Erziehung sei (S. 17). Zwar erkennt er, dass Disziplin alles verkörpert, was Menschen verabscheuen: „Zwang, Unterordnung, verordneter Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens“. Dennoch ist sie erforderlich. Die Legitimation für diese rigide Haltung gewinnt Bueb durch die Kombination von Disziplin mit Liebe. Demnach legitimiere Disziplin in der Erziehung sich nur durch Liebe zu Kindern und Jugendlichen (S. 18).
Offenbar war der entscheidende Mangel der Nationalsozialisten, dass sie ihre Macht um der Macht willen ausübten und sie nicht durch Liebe legitimierten. Sie haben „den Gehorsam selbst zum Ziel der Erziehung erklärt und die Tugend des Gehorsams des Adels beraubt” (S. 57 f.). Bueb will dem Gehorsam sein Ansehen wieder zurückgeben: „Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der den Weg der Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist, sich unterzuordnen“ (S. 40).
Er begründet seine Sichtweise aus der „elterlichen Gewalt” heraus die notwendig ist, weil Neugeborene buchstäblich ohnmächtig und unmündig sind und deshalb der Fürsorge aber auch der Macht der Eltern bedürfen. Damit jetzt auch der letzte Zweifler verstummt, bietet Bueb die perfekte Lösung: „Die Macht der Eltern wandelt sich zu Autorität durch die Liebe zu ihren Kindern. Durch Liebe üben sie ihre Macht rechtmäßig aus“ (S. 48). Natürlich wird die Liebe nicht näher definiert. Sie ist a priori Rechtfertigung für Machtausübung an Unmündigen.
Die von Jugendlichen geforderte und durch Liebe legitimierte und durchgesetzte Disziplin führt letztlich zur Selbstdisziplin des künftigen Erwachsenen und zu seinem Glück. Er bedarf dann der Führung nicht mehr, weil die geforderte Disziplin zur Selbstdisziplin geworden ist. Der aus Fürsorge geborene Zwang hat Einsicht erzeugt. Der Erziehungsnotstand ist beendet.
Die Realitätsnähe von Buebs erfolgreichen Beispielen der heilsamen Wirkung von Disziplin speist sich aus seiner über 30-jährigen Tätigkeit im Eliteinternat Salem und aus beliebigen Beispielen der Geschichte. In Salem wird mit täglichen Urinproben und dem drohenden Rausschmiss bei nachgewiesener Delinquenz ein Drogenproblem gelöst, ein begabter Junge mit Alkoholproblemen durch Überweisung in ein absolut strenges englisches Internat und der Garantie einer Rückkehr nach Salem auf den rechten Weg zurückgebracht. Auch minderbegabte junge Menschen gelangen durch Disziplin und Strenge in die Führungsebenen international tätiger Unternehmen. Die Liebe zu den Jugendlichen rechtfertigt alles. Dass sich Bueb dabei auf Kant beruft, macht die Sache nicht besser.
Das Fatale an Buebs Buch ist das Aufgreifen des aktuellen Mainstreams in unserer Gesellschaft. Mit dem Spruch „Grenzen setzen“ werden Stammtische bedient und vor allem monokausale Zusammenhänge konstruiert. Natürlich ist an allem etwas Wahres dran, aber mit der Konstruktion von monokausalen Zusammenhängen ist uns wirklich nicht gedient.
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