Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Zunächst Gratulation für Atze zum „Ikarus-Preis“ für die Bach-Inszenierung. Inzwischen hat Atze ein neues klassisches Großprojekt gewagt – Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, verbunden mit einer zeitlich weit gespannten Beziehungsgeschichte: Zwei, die sich als Kinder kennen lernten, als Jugendliche und Erwachsene begegneten und als Ältere zum Happy End zusammenfinden, und inzwischen Vivaldis Frühling, Sommer, Herbst und Winter und noch einmal Frühling erlebt haben. Die berührende Liebesgeschichte korrespondiert mit der Musik und erlaubt zudem scharf geschnittene zeitgeschichtliche Miniaturen. Zugleich erschließt die Aufführung dem Kinder- und Jugendtheater eine neue Form und erlaubt eine neue Sicht auf Vivaldi, der gleichsam als Filmmusik „missbraucht“ wird und o Wunder, unbeschädigt bleibt, aber auch als eigenes klassisches Konzert in seiner klassischen Konzertform in Kommunikation zu Theater erklingt und zusätzlich durch Ausdruckstanz bereichert wird als einem dritten Element, das nicht nur Show-Elemente einbringt, sondern eine weitere, innere Ebene von Emotionalität und Schönheit realisiert. Das klingt vielleicht schwierig, ist aber eine eingängige, schwungvolle Aufführung, deren Besuch bei einiger Vorbereitung schon ab 4. Klasse möglich ist. Hilfreich dabei das inhaltsreiche, auch als Unterrichtsmaterial brauchbare Programmheft.
Grips’ „Schöne neue Welt“ beginnt kompliziert und es dauert eine Zeit, bis man sich in Kostümen, sozial-anthropologischen Klassen, Psychotrainings und Machtstrukturen zurechtfindet. Je weiter aber die Handlung fortschreitet, je deutlicher auch Einzelfiguren hervortreten, umso klarer öffnet sich eine herausfordernde Opposition zwischen Huxleys Idealstaat von 1927, in dem alle glücklich sind, weil die Personen und deren geistig-körperliche Eigenschaften genau zu den vorgesehenen Rollen passen - dank präziser Regulierung und medikamentöser Nachhilfe - und der Welt des „Wilden“ mit dem Durcheinander von Gut und Böse, mit Eigensinn und Eigenverantwortung. Gestaltet wird also auch ein anderer Kampf der Kulturen: Shakespeare, Romantik, Goethe, Bach, Individualität, Mütterlichkeit auf der einen, das Versprechen von Fun und Vergnügen, von problemlosem Single-Sein ohne Schmerz auf der anderen Seite, samt freiem Sex und garantierter Jugendlichkeit bis zur Entsorgung. Grips kündigt die Aufführung für Erwachsene an, sie ist aber sicherlich (nach kurzer Einführung in Utopie und Huxley) möglich ab 16 und kann dann zu ernsten Fragen führen: Wollen wir bestehen auf Individualität, auf eigenem Denken und Fühlen, mit unserer Menschlichkeit auch negative Gefühle akzeptieren, Unglück und Trauer? Oder wollen wir tiefer hinein in die „Schöne neue Welt“?
Im Gorki fesselt der elegant-flüssige Dialog der „Menschen in falschen Zusammenhängen“ zunächst; mehr und mehr aber erscheint das Stück als substanzlos, vage, unbedeutend. Da helfen auch nicht einige politische oder sexuelle Reizwörter. Die Dramatisierung von Goethes „Werther“ dagegen, ohne Aufwand beginnend, auf den Text konzentriert, direkt am Publikum ist bewegend, zwingt zur lustvollen Aufmerksamkeit auf die suggestive, ferne Sprache, die uns trotzdem so nahe kommt und uns trifft. Auch wenn im zweiten Teil noch unnötiger Theateraufwand nachgeliefert wird: die Aufführung gewährt eine beglückende Erfahrung - und wie ein Blick in den Zuschauerraum zeigt, erreicht dieser Text auch junge Leute (bei Vorbereitung sicherlich ab 10. Klasse – also nicht nur für Gymnasien). –
Treffend, genau, aufklärend ist „Westflug“von der lunatics-production, die Rekonstruktion der Entführung eines polnischen Flugzeugs im Jahre 1978 nach Berlin-Tempelhof. Die Aufführung wird geschickt in unterschiedliche Räume eben dieses Flughafens eingepasst; sie kombiniert Spielszenen mit Dokumenten und arbeitet sehr intensiv die Schwierigkeiten einer Entscheidung heraus: in Westberlin bleiben? zurück in die DDR? Das ist berührend, aufklärend, durchweg von Qualität – szenisch wie spielerisch. Und es macht jüngstvergangene Geschehnisse überraschend deutlich und gegenwärtig – auch durch die atmosphärisch-räumliche Einbeziehung des Publikums – also eine vorzügliche Möglichkeit für die politische Bildung (ab 14).
Den „Drei Schwestern“ in der Schaubühne fehlt die Konsequenz, sich wirklich in die Gegenwart zu begeben: Auf das 21. Jahrhundert deuten zwar Kostüme und Mobiliar, Hartz 4 klingt an und heutige Schulprobleme – aber es bleibt, wenn auch abstrahiert (die Sehnsuchtsmetapher „nach Moskau“ ist meist ersetzt durch „Nur weg, weg!“), bei russischem Militär, beim Duell unter Männern – eine wirkliche Konkretion auf eine treffende, schon gar nicht auf eine uns betreffende, verstörende Gegenwart gelingt nicht. Trotzdem bleibt Tschechows dichtes Beziehungsgeflecht erhalten; es wird in der Aufführung realisiert und kann noch immer interessieren – auch in der abstrahierten und dadurch blasser gewordenen Gegenwarts-Form (ab Sek II). |