| Ein Bericht aus der Robert-Jungk-Gesamtschule über das Projekt Medienerziehung.
Unsere Überlegungen gingen davon aus, dass schon in der Schule die Grundlage für Medienkompetenz geschaffen werden muss. In den (neuen) Medien und den IT-Berufen wird auf Jahre hinaus die Nachfrage wachsen. Darüber hinaus sind auch in den "klassischen" Lehrberufen, z.B. beim Kraftfahrzeugmechaniker, gründliche IT- und Medienkenntnisse erwünscht. Auch in anderen Ausbildungsgängen, in der Oberstufe und für ein Studium sind diese Kenntnisse ein erheblicher Vorteil, manchmal sogar Einstiegsvoraussetzung.
In Berlin gibt es inzwischen mindestens drei Schulen, die sich der neuen Medien mit unterschiedlicher Akzentsetzung besonders angenommen haben: die Jules-Verne-Gesamtschule in Hellersdorf (gefördert von der Bertelsmann-Stiftung), die Carl-Zeiss-Gesamtschule in Lichtenrade und "meine" Schule, die Robert-Jungk-Gesamtschule in Wilmersdorf-Charlottenburg.
Wie bei uns alles anfing
Vorarbeiten sind in der Robert- Jungk-Oberschule (RJO) seit 1993 geleistet worden. Am Anfang haben die meisten KollegInnen die Multimedia-Werkstatt nur für das Hobby von zwei begeisterten "Filmfreaks" gehalten - ich schließe mich selbst ausdrücklich ein. Die zwei Kollegen - in ihrem "früheren" Leben aus der Film- und Bühnenbranche kommend, ein Lehrer und ein Erzieher - stürzten sich begeistert in dieses Projekt. Über Nacht musste ein Antrag für das Anti-Gewalt-Programm "Jugend mit Zukunft" eingereicht werden. Wir hatten Glück und bekamen Geld für Scheinwerfer, für eine Kamera, für die Ton- und Lichtausstattung und für einen damals sehr modernen Video-Schnittplatz mit der "Video- machine" (nur die LaBi hatte noch so ein Exemplar), das technische Herzstück der Filmwerkstatt. Umgebaut und ausgestattet wurde die Filmwerkstatt mit viel handwerklichem Geschick von den Kollegen und dem Werkmeister: schallschluckende Türen aus alten Tischtennisplatten, das schicke silberne Rednerpult aus alten Holzplatten. Rote Teppiche, Kulissenteile, Sitzbänke wurden uns nach hartnäckigen Bitten von Ausstellern der Funkausstellung kostenlos zur Verfügung gestellt oder durch persönliche Verbindungen ergattert. Über die Ausstattung hinaus gab es keinen Pfennig zur Unterhaltung, Pflege, Ergänzung oder gar Neuausstattung des Studios. Fast 10 Jahre lang ist es uns trotzdem gelungen, die Anfangsausstattung ansprechend und funktionsfähig zu erhalten.
Großer Andrang bei der Filmwerkstatt
Von Anfang an war die Multimediawerkstatt ein Renner bei den Jugendlichen. Eltern und SchülerInnen finden den Schwerpunkt "neue Medien- und Informationstechnik" an unserer Schule sehr attraktiv. Vor allem das Wahlfach "Mediengestaltung" (Darstellendes Spiel/Mediengestaltung) in der Filmwerkstatt, das die technisch-handwerklichen Aspekte mit Elementen von Selbstdarstellung, Sprechen, Bewegung verbindet, ist ein Magnet. Dieses Fach erfreut sich so großer Nachfrage, dass nicht alle SchülerInnen aufgenommen werden können - trotz der zwei eingerichteten Kurse.
Im Jahr 2001/2002 wurde das Fach "Mediengestaltung" als Schulversuch beantragt - und abgelehnt. Es könne nach der Gesamtschulordnung auch ohne gesonderte Genehmigung angeboten werden, für einen Schulversuch seien auch die finanziellen Mittel nicht vorhanden, lautete die Begründung.
Filmwerkstatt als Schmelztiegel
Die SchülerInnen sind an unserer Schule bunt gemischt: über 20 Herkunftsländer, verschiedene Religionen, behinderte Kinder. Diese Heterogenität der Schülerschaft findet sich auch in der Filmwerkstatt wieder: JedeR kann seine Fähigkeiten einbringen und entwickeln. Insbesondere "learning by doing", das Lernen im Team und der "Ernst-Charakter" der Arbeit in der Filmwerkstatt motivieren auch SchülerInnen, die sonst nicht mit Leistungsbereitschaft, Konzentration und Ausdauer glänzen, aber auch Schüler, die kreativ oder technisch begabt sind. Es gibt hier also hervorragende Möglichkeiten der inneren Differenzierung, die für jeden individuelle (Lern-) Erfolge möglich machen. Ein erfreulicher Nebenaspekt ist dabei die Förderung der Mädchen (etwa 50 Prozent der Teilnehmenden) und der Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft.
Prozess- und ergebnisorientiert
Der Unterricht in der Filmwerkstatt hat nicht nur im übertragenen Sinne Werkstattcharakter. Praktisches und theoretisches Lernen gehen notwendigerweise Hand in Hand - selbstverständlich muss man erst lernen, eine Leiter durch das Studio zu tragen, ohne die Scheinwerfer von der Decke zu rasieren.
Das Flair des Ausprobierens, des Erprobens, das Hinarbeiten auf ein gemeinsames Ergebnis motiviert SchülerInnen zu mehr Konzentration, Anstrengung und Selbstdisziplin. Sie wirken mit am Prozess und gestalten das Ergebnis und werden auch in ihren Bedürfnissen ernst genommen. Anders als die alltägliche Unterrichtserfahrung vermuten lässt, entwickeln SchülerInnen hier einen hohen Qualitätsanspruch an das "Produkt" und sind auch bereit, dafür viel Zeit einzusetzen. Mehr noch als in anderem Unterricht (z. B. beim Lerntraining) wird in der Filmwerkstatt deutlich, dass Selbstständigkeit, Verantwortung und Teamarbeit sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bedingen.
Verantwortung im Team
Dringend erforderlich ist bei der Arbeit in der Filmwerkstatt die Verlässlichkeit des Einzelnen. Klare, oft auch strikte Anweisungen müssen befolgt werden, egal ob sie vom Lehrer oder von autorisierten Mitschülern kommen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann zur Gefährdung anderer führen. Aus diesem Grund sind Rücksicht, Kooperationsfähigkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung Grundvoraussetzungen für das Gelingen der gemeinsamen Arbeit: alle sind aufeinander angewiesen. Das heißt allerdings auch, dass hier Unterricht nicht von einem Lehrer allein durchgeführt werden kann. Wegen der vielfältigen Gefahrenquellen (Elektrizität, empfindliche Geräte, Scheinwerfer, Kabel) ist immer ein zweiter fachlich kompetenter Pädagoge erforderlich (in diesem Fall ein Erzieher).
Studiogespräche
Schon in den Anfängen der Filmwerkstatt sind eine ganze Reihe von Projekten fächerübergreifend oder in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen entstanden: Zum Beispiel ein Film über ein Solarprojekt der Schule für die Expo, eine Darstellung des Bezirks Wilmersdorf für das Bezirksamt.
Im Schuljahr 2001/ 2002 wurden sogenannte "Studiogespräche" mit Prominenten aus Politik und Medien durchgeführt, u.a. mit dem neuen polnischen Botschafter, Herrn Dr. Kranz, mit der Moderatorin der Tagesthemen, Anne Will, mit der Berliner Chefin des Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, mit dem Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker, mit Walter Momper und Klaus Wowereit. Diese Gespräche wurden von ganz unterschiedlichen Schülergruppen vorbereitet und durchgeführt - ernsthaft und gut durchdacht, wie die Gesprächspartner bestätigten.
Kooperationen über die Schule hinaus
Die Arbeit in der Filmwerkstatt ist nicht nur intern auf Kooperation angelegt, sondern auch nach außen. Die fächerübergreifende Arbeit ist grundsätzlich angestrebt und auch in einzelnen Projekten realisiert. Selbstverständlich ist die Filmwerkstatt auch für die Zusammenarbeit mit anderen Schulen, Institutionen offen - so weit es die Zeit und Organisation zulässt. Kontakte bestehen zu anderen Schulen mit ähnlicher Schwerpunktsetzung (gemeinsame Fortbildungen und gegenseitige Unterstützung geplant) in Berlin und Brandenburg. Darüber hinaus stehen Kooperationsverträge mit dem Museum für Kommunikation und VFT, einer Filmproduktionsfirma, kurz vor dem Abschluss.
Schulneubau mit neuer Ausstattung
Die Robert-Jungk-Oberschule ist eine der wenigen Schulen Berlins, die gerade noch einen Schulneubau erhalten haben. In guter Zusammenarbeit mit dem Schulträger und den ausführenden Betrieben ist es außerdem gelungen, das Gebäude weitgehend nach unseren Vorstellungen mit modernster Informationstechnik (Vernetzung von jedem Unterrichtsraum möglich, vier Computerräume) und mit einem Filmstudio mit modernster Technik (Avid-Schnittplatz) auszustatten. Kaum jemand wird ermessen können, was es für die beiden Kollegen hieß, das Studio in Eigenarbeit zu planen, umzuziehen und das neue Studio selbst aufzubauen - alles während des laufenden Schulbetriebs.
Die Räumlichkeiten im Schulneubau geben erstmals die Möglichkeit, die Arbeit der Filmwerkstatt systematisch und organisatorisch mit dem Fach Darstellendes Spiel zu verknüpfen (Studio, Aufnahmeraum und Theaterraum mit interner Verbindung), aber auch mit Fächern wie Deutsch, Kunst. Mit Hilfe der Vernetzung ist es jetzt möglich, die Produktionen der Filmwerkstatt für den Unterricht in den anderen Fächern verfügbar zu machen.
Unser nächstes Ziel ist es, unser Profil auch in eine Oberstufe einzubringen. Damit das gelingt, benötigen wir aber noch eine Menge Unterstützung und Fürsprache. Auch die Gewerkschaft ist da gefragt.
Ruth Garstka
Schulleiterin |