| Überlegungen zu 30 Jahren Berliner Bildungspolitik.
In sämtlichen Medien sind die verheerenden deutschen PISA-Ergebnisse kommentiert und bewertet worden. Unabhängig von der politischen Zugehörigkeit der jeweiligen AutorIn, besteht Einigkeit in der Forderung, dass das deutsche Bildungssystem grundlegend reformiert werden muss. Bei der Frage, wer Schuld an dieser offenkundigen Misere hat, gehen die Meinungen auseinander. Viele AutorInnen sind der Meinung, dass gerade die berühmte 68-er Generation in ihrer Funktion als Eltern und als LehrerInnen versagt hat und folglich die Verantwortung für das schlechte Abschneiden der Kinder trägt. Erziehung war zu antiautoritär, zu wenig Leistung wurde gefordert, auf die Bedürfnisse der Kinder wurde zu viel Rücksicht genommen. Ist dem wirklich so, oder soll eine schnelle Schuldzuweisung die gesellschaftliche Verantwortung für die Bildung und Erziehung beiseite schieben?
Ich bin - mittlerweile als Alt-68-erin - immer noch engagiert als Schulleiterin an einer Hauptschule tätig. Ich habe dreißig Jahre lang die Berliner Bildungspolitik nicht nur beobachtet, sondern versucht, sie zu beeinflussen und mitzugestalten.
PISA hat unstrittig festgestellt, dass ein erfolgreicher Schulabschluss und Herkunft der Eltern in Deutschland korrelieren. Eine neue Erkenntnis?
Was war falsch an der damaligen Forderung, Bildung für alle gesellschaftlichen Schichten zu ermöglichen? Waren die theoretischen Überlegungen von Bernstein, Negt, v. Werder u.a. falsch? Der zentrale Punkt der damaligen Bildungsdebatte war die kompensatorische Erziehung. Das Defizit der Herkunft sollte durch Bildung und Erziehung in und durch Schule kompensiert werden. Die Chancen für unterprivilegierte Kinder sollten drastisch erhöht werden. Der Begriff der Kompensation taucht jetzt wieder in den Medien als Forderung an unsere Schule auf. Offensichtlich waren die damaligen Überlegungen richtig.
Heute pilgern Bildungspolitiker nach Finnland und staunen, dass es dort eine Schule ohne Aussonderung gibt. Schon vergessen, dass die 68-er nach Dänemark gepilgert sind, Tvind-Schulen besichtigt haben und diese Art der Pädagogik für unser Bildungssystem eingefordert haben. Alles vergessen, oder sich nie ernsthaft mit dem Schulsystem der Nachbarländer auseinandergesetzt? Schließlich fand das vor mehr als 30 Jahren statt. Erschreckend ist nur, dass unsere Bildungspolitiker keine 30-jährigen sind, sondern durchaus das Alter der 68-er haben. Ich frage mich, was haben die 1970 gemacht?
Was war falsch an der Forderung der 68-er die Bildung zu demokratisieren? War die verklemmte, spießige Erziehung der 50-Jahre nicht längst überholt? Gingen durch die sogenannte antiautoritäre Erziehung Werte verloren? Wenn ja, dann fragt man sich ernsthaft, welche denn? Wer bedauert, dass SchülerInnen kritisch nachfragen? Meint man wirklich, dass Noten für Betragen und Fleiß und verordneter Religionsunterricht der Werteerziehung dienen? Eigentlich müsste jeder wissen, dass es 1933 sowohl Kopfnoten und auch Religionsunterricht als Pflichtunterricht gab. Sogar die Kirchen waren voller als heutzutage. Diese platte, dumme Art der Diskussion um Bildungsdefizite und mangelnde Erziehung verhindert leider eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Ideen der repressionsfreien Erziehung
Warum wollte Willy Brandt mehr Demokratie wagen? War diese Parole nur Wahlkampf, oder dokumentierte sie eine Haltung, die gesellschaftlich ohnehin da war? In dieser Zeit sind unendlich viele Kinderläden gegründet worden als Gegenbewegung zur staatlichen repressiven Erziehung in den damaligen Kindergärten. Im übrigen haben die Ideen der repressionsfreien Erziehung die staatlichen Kindergärten reformiert. "Summerhill" und "Die Nikitin-Kinder" waren Bestseller und keine Bücher, die nur von spinnerten Studenten gelesen wurden. Alles falsch, oder nur vergessen?
Erlebte Undemokratie
Nicht vergessen habe ich die damalige gesellschaftliche Situation, die für LehrerInnen durch Berufsverbote gekennzeichnet war. Es waren nicht die "faulen Säcke", die aus dem Dienst entfernt wurden, sondern engagierte KollegInnen, deren einziger Fehler es war, Mitglieder der SEW, DKP, KPD, KBW zu sein. Trotz ihrer manchmal verschrobenen Ideen waren sie kritische LehrerInnen, für viele zu kritisch. Viele KollegInnen haben mit mir unendlich viel Zeit aufgewandt, um das Thema Berufsverbote zu thematisieren und dagegen zu kämpfen. Der Kampf war letztendlich erfolgreich, hat aber seine Spuren hinterlassen. Vielen von uns hat er das Gefühl gegeben, nur mit Konfrontation und nicht mit vernünftigen Argumenten weiterzukommen.
Diese Grundhaltung dem Staat gegenüber ist bis heute geblieben, zumal die erlebte Realität in der Berliner Schulverwaltung diese Antihaltung bestärkte und noch weiterhin bestärkt. Wer erlebt hat, dass wichtige Funktionen in der Schulverwaltung - und nicht nur in dieser - nur nach Parteizugehörigkeit besetzt werden, kann von mir nicht verlangen, dass ich noch etwas ernst nehme. Ein Beispiel sei angeführt: Mitte der 80-er Jahre konnte ein SPD-Mitglied in einem CDU-Bezirk nicht Schulrat werden, wohl aber in einer großen Koalition Oberschulrat in der Senatsverwaltung. Zeigt sich hier das Qualitätsmanagement der Berliner Verwaltung? Alle wissen, dass Stellenbesetzungen auch noch heute so funktionieren, auch wenn man ein mehrtägiges Assessment durchführt. Der/die Geeignetste steht sowieso schon aufgrund der Parteizugehörigkeit fest. Es ist doch vernünftig von vornherein bekannt zugeben, dass die CDU die Stelle für die Leitung des LISUM und die SPD dafür die Stelle für die Leitung des LSA besetzt. Die Chance, dass man ein kompetentes CDU- oder SPD-Mitglied findet, ist doch gegeben.
Migranten leben schon länger bei uns
PISA hat weiterhin festgestellt, dass Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache in unserem Schulsystem im Vergleich zu anderen Ländern mit einer ähnlichen Migrationsgeschichte außerordentlich benachteiligt sind. Auch dieses Problem ist nicht neu, sondern seit 20 Jahren bekannt. Schon vergessen, dass LehrerInnen am Anfang der 80-er Jahre darauf hingewiesen haben, dass Migrantenkinder Gefahr laufen Analphabeten in 2 Sprachen zu werden? Gerade die GEW hat sich in diesem Bereich stark engagiert, um auf diese Situation aufmerksam zu machen und hat Wege aufgezeigt, dieses zu verändern. Und wieder ist nichts Grundlegendes passiert. Die zweisprachige Alphabetisierung war ständig begleitet vom Kampf (s.o.) die Stellen zu sichern und nicht von einer gründlichen Evaluation der Arbeit mit Migrantenkindern. Es ging ständig nur darum, zu verhindern, dass die ohnehin schon kläglichen Ansätze nicht auch noch aufgrund der Berliner Finanzlage gestrichen wurden. An einer inhaltlichen Diskussion und an einer ernsthaften Veränderung der schulischen Situation der Migrantenkinder hatte offensichtlich niemand Interesse bis auf die betroffenen KollegInnen. Deren Engagement wurde bestenfalls belächelt, meistens ignoriert.
Kindergarten als Bildungseinrichtung
Es war schon immer klar, dass der Besuch des Kindergartens und die vorschulische Erziehung bei der Förderung von Kindern und insbesondere der Migrantenkinder eine wichtige Rolle spielen. Schon vergessen, dass Berlin in den 70er Jahren eine Jugendsenatorin hatte, die den Kindergarten als Bildungseinrichtung betrachtete? Vergessen, dass die monatlichen Beiträge lediglich ein Essenszuschuss waren, schließlich sollte in der Kita das Fundament für den späteren Schulerfolg gelegt werden? Die Antwort heute ist eine Vergrößerung der Gruppengröße und so hohe Beiträge, dass viele ihre Kinder nicht in die Kindertagesstätte schicken.
Rotstiftpolitik ist ein alter Hut
Die Streichungen im Bildungsbereich sind keine Erfindung der 90er Jahre. Schon vergessen, dass der damalige Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers 1970 zurückgetreten ist, weil er der festen Überzeugung war, dass mit den damaligen Mitteln eine vernünftige Schulpolitik nicht zu machen sei? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich vor über 30 Jahren den Unterricht vorzeitig beendet habe und mit Schulleitung und KollegInnen in die Hasenheide gepilgert bin, um meine Solidarität mit dem Schulsenator zu demonstrieren und gegen die Streichungen im Bildungsbereich zu protestieren. War die Demonstration während der Dienstzeit falsch? Sicherlich nicht. Im übrigen wurde der damalige Lehrerstreik nicht geahndet, im Gegensatz zu der Arbeitsniederlegung im Jahre 2000, die eine völlig überzogene bürokratische Reaktion zur Folge hatte.
Diskussion beleben
Die Ergebnisse der PISA-Studie haben bewiesen, dass Proteste und auch Streiks zwingend notwendig und gerechtfertigt sind. Nur, wer soll sich aufregen, demonstrieren, streiken - die Alt-68-er? Nicht nur die GEW, die KollegInnen, sondern auch SchülerInnen haben sich über die zunehmende Vergreisung der Kollegien beschwert. Es ist eine Binsenweisheit, dass junge KollegInnen in der deutschen Schule gebraucht werden, um mehr Schwung in die verkrusteten Strukturen zu bringen. Unterricht und Erziehung wird auch lebendig durch unterschiedliche Auffassungen und heftige Diskussionen. Dieses kann aber nicht stattfinden, wenn nur vereinzelt junge Menschen eingestellt werden.
Eine dreißigjährige Wut
Diese 30 Jahre alten Erfahrungen, dieses Déjà-Vu-Erlebnis, macht viele KollegInnen unendlich wütend. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Viele resignieren, viele versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Die Arbeit findet dennoch keine Anerkennung. Die Pflichtstundenzahl soll heraufgesetzt werden, Ermäßigungstatbestände werden abgebaut, die Arbeitszeit wird verlängert. Ein müdes Schulterzucken der KollegInnen war die häufigste Reaktion nach Veröffentlichung der PISA-Studie. Dieses ist verständlich, wenn man feststellt, dass man 30 lange Jahre die jetzt von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommenen Probleme thematisiert hat und feststellt, dass offensichtlich niemand an einer wirklichen Veränderung des deutschen Bildungssystems interessiert ist.
Die eigenen Fehler
Man kann nicht nur die Fehler der anderen Revue passieren lassen, sondern muss auch die eigenen Versäumnisse aufzeigen. Wir haben uns viel zu wenig in die Bildungspolitik eingemischt. Wir hätten die positiven Ansätze stärker unterstützen müssen. Als in Berlin Gesamtschulen eingerichtet wurden, haben wir diese nicht genügend unterstützt, sondern kritisiert und genölt. Zu diesem Zeitpunkt hätten wir die Dreigliedrigkeit unseres Schulwesens sehr viel stärker thematisieren müssen. Statt dessen haben wir uns in unseren Gymnasien eingeigelt und gejammert, dass das Leistungsniveau sinkt, anstatt zu versuchen das eigene Gymnasium als Gesamtschule auszubauen. Dass die Politik diesem Gedanken nicht gefolgt wäre, kann als Entschuldigung nicht gelten, da es nie versucht wurde. Die Entwicklung der damaligen Mittelstufenzentren und die Situation der heutigen Gesamtschulen in den neuen Bundesländern geben uns Recht. Mittlerweile ist die Diskussion über unser dreigliedriges Schulsystem nicht mehr erwünscht, trotz PISA-Studie und den Erfahrungen unserer Nachbarn.
Schüler- contra Lehrerinteressen
Wir haben uns zu stark von den Lehrerverbänden die Bildungspolitik diktieren lassen. Damit ist nichts gegen eine starke Lehrergewerkschaft gesagt, dennoch sind die Interessen der LehrerInnen nicht unbedingt diejenigen der SchülerInnen. In vielen Fällen waren wir blind, wenn es um die Fehler und auch Unfähigkeit von KollegInnen ging. Es kam und kommt eine klammheimliche Freude auf, wenn ein Kollege, der offensichtlich unfähig ist, lediglich an eine andere Schule umgesetzt wurde, die dann das Problem hatte. Es war falsch, sich gegen Umsetzungen zu wehren. Man hätte diese als Erfahrungsgewinn betrachten müssen und nicht von vornherein als Bestrafung.
Wir sollten uns Vorwürfe machen, dass wir uns nicht hinreichend um die Belange der Migrantenkinder gekümmert haben. Wir hätten viel stärker deren Recht auf Bildung einfordern und die ausländischen KollegInnen stärker in die Pflicht nehmen müssen. Statt dessen haben wir uns um deren gerechte Bezahlung gekümmert und dies nicht an Deutschkenntnisse gekoppelt. Warum haben wir nicht gesagt, dass eine gleiche Bezahlung nur mit einer staatlichen Zusatzprüfung zu erhalten ist?
Elternpflicht
Wir hätten auch die Eltern - deutsche wie ausländische - stärker in die Pflicht nehmen müssen. Statt dessen haben wir zugesehen, wie sich immer mehr SchülerInnen aus der Schule verabschieden. Die gesellschaftliche Entwicklung unserer Kinder ist an der Schule glatt vorbeigegangen. Wir haben dieses leider auch zugelassen.
Wird sich etwas ändern?
Es steht den LeserInnen frei, die Fehler der einen gegen die Fehler der anderen aufzurechnen. Fest steht für mich, dass die PISA-Studie die bildungspolitischen Gemüter zwar bewegt, es aber anzunehmen ist, dass sich nichts Grundlegendes verändern wird.
Die berühmten Alt-68-er gehen langsam auf die 60 zu und sind begreiflicherweise müde.
Auch ich bin es leid, feststellen zu müssen, dass ich seit 30 Jahren dasselbe sage, weil sich immer noch nichts verändert hat.
Karla Werkentin
ist Schulleiterin in Weißensee |