GEW Berlin
GEW BERLIN
Home  
Aktuelles  
Adressen  
Downloads  
GEW-Zeugnis  
Informationen  
Inhalt  
Lehrproben  
Mitgliederportal  
Mitglied werden  
Seminare  
Service  
Themen  
Veranstaltungen  
Zeitschrift (blz)  
Impr./Kontakt  
Nr. 12/2002
Schule: Schuldistanzierte in Berlin
Bislang gab es keine gesicherten Zahlen über Fehlzeiten in der Berliner Schule. Dauerhaftes Fehlen hat viele Gesichter: Krankheit, Geschwister beaufsichtigen, Arbeiten im Gemüseladen der Familie, Schulangst sowie das "klassische Schwänzen". Die Landeskommission gegen Gewalt bei Senatsbildungsverwaltung erhielt vor einem Jahr den Auftrag, in einer interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitsgruppe das Problem zu analysieren, Umfang und Ursachen zu ergründen sowie Vorschläge zu entwickeln für erfolgreiche Strategien. Dabei stützte sich die AG wesentlich auf die Untersuchungen von Dr. Thimm/Brandenburg. Thimm unterscheidet außerschulische und schulische Ursachen für schuldistanziertes Verhalten. Da wir in den Schulen auf die außerschulische Seite wenig Einfluss haben interessiert mich besonders die schulische Seite. "Schule ist langweilig", "Ich verstehe sowieso nichts", "Die Lehrer interessieren sich ja nicht wirklich für mich" - das sind Schüleräußerungen, die das System Schule angreifen. Bestätigt wird das durch die aktuellste OECD-Studie, in der Deutschland bei dem Kriterium, wie Schüler sich in deutschen Schulen individuell unterstützt fühlen, wiederum auf einem der hintersten Plätze landet. Das alles ist nichts grundsätzlich Neues - trotzdem leistet sich Deutschland hartnäckig eine Schulkultur, die auf Selektion statt Förderung aufbaut, die statt eines individuellen Feedbacks auf Zensuren besteht, die das Sitzenbleiben nach wie vor für sinnvoll hält, die kognitives Lernen im klassischen Frontalunterricht handlungsorientiertem Projektunterricht vorzieht, die nicht zuletzt an der Schimäre von der homogenen Lerngruppe, abgesichert durch das dreigliedrige Schulsystem, festhält - und das alles trotz umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchungen, die seit Jahrzehnten das Gegenteil beweisen. Was soll ein Hauptschüler, der zum dritten Mal eine 7. Klasse besuchen soll, anderes tun, als zum Schuldistanzierten zu werden, wenn er noch halbwegs gesund ist?

In der AG wurde eine Umfrage entwickelt, die vor den Sommerferien mit einem Rücklauf von 97 Prozent in allen Schulen durchgeführt wurde und zu den jetzigen Ergebnissen führte. In der blz wurde mehrfach Kritik an dieser Umfrage geäußert. Zu zwei Kritiken meine Antwort:

  1. Warum wurde nicht differenziert nach entschuldigt und unentschuldigt? Bekannter Maßen werden viele Fehlzeiten entschuldigt, ohne dass dafür ein akzeptabler Grund vorliegt. Und das immer wiederkehrende entschuldigte Fehlen eines Schüler mit Bauchschmerzen oder Angst weist im Zweifelsfall genauso auf Defizite in der Schule hin wie unentschuldigte Fehlzeiten.
  2. Die besondere Erfassung der Fehlzeiten von SchülerInnen nichtdeutscher Herkunftssprache sei diskriminierend. Diese Kritik ist vordergründig und oberflächlich. Spätestens seit PISA weiß man, dass ausländische Jugendliche in unserem Bildungssystem besonders benachteiligt sind und besonders häufig keinen Schulabschluss erreichen. Was liegt näher als die Vermutung, dass sich dies auch in besonders hoher Schuldistanz niederschlägt, also etwa nach dem Motto "Schulschwänzen ist vor allem ein Problem der Ausländer". Die besondere Erfassung dieser SchülerInnen sollte Klarheit bringen. Die hat die Befragung gebracht: das Problem ist bei ausländischen SchülerInnen unwesentlich größer als bei deutschen!

Ergebnisse der Schulumfrage

Rund 15.000 SchülerInnen fehlten in Berlin mehr als 20 Tage im zweiten Halbjahr des vergangenen Schuljahres, das sind knapp 5 Prozent aller SchülerInnen in den Klassen 1-10. Dass es allein in den Hauptschulen 2700, also fast 19 Prozent sind, überrascht nicht wirklich. Die Bündelung schwieriger SchülerInnen in den Hauptschulen führt nicht selten dazu, dass viele KollegInnen froh sind über die, die fehlen.

Worin liegt die Chance der veröffentlichten Befragung?

In der AG sind wir uns einig, dass sich ohne weitgehende Reformen nichts an der dramatischen Situation ändern wird. Deshalb werden Vorschläge erarbeitet, die die pädagogische Arbeit in den Schulen, eine verbesserte und verbindliche Kooperation zwischen Schule und Jugendämtern und die Veränderung rechtlicher Rahmenbedingungen (u.a. die Versetzungsordnung) umfassen. Einigkeit besteht auch darin, dass Reformen nicht nur kostenneutral zu haben sind. So wird gefordert, dass im Bereich der Hauptschulen gekoppelt an erfolgreiche Konzepte eine durchgehende Doppeltsteckung realisiert wird.

Angesichts des Bedarfs an Beratung und Hilfe mutet es an wie eine Geschichte aus dem Tollhaus, dass die Ausdünnung der Schulpsychologie um mehr als 30 Prozent immer noch fortgesetzt wird: eine PsychologIn ist in Berlin für mehr als 5000 SchülerInnen zuständig. Die Situation wird sich dramatisch verschlechtern, wenn diese Kürzung ab Januar 2003 Realität wird. Ich hoffe, dass in letzter Minute doch noch Sachverstand die Oberhand gewinnt und die langjährig arbeitenden KollegInnen ihre Kompetenz weiter einbringen können. Nutzen wir also die Chance und suchen Bündnispartner, die ernsthaft daran arbeiten, Bedingungen in Schule und Gesellschaft, die zu schuldistanziertem Verhalten beitragen, zu verändern.

Siegfried Arnz
ist Schulleiter der Werner-Stephan-Hauptschule in Tempelhof
Informationen: www.senbjs.berlin.de

zurück nach oben
Login
Registrieren
Hilfe
Beitragsquittung für 2011 ausdrucken
Mitmachen: Projekte
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN
Mediadaten
Terminplan
Jahrgang 2012
Jahrgang 2011
Jahrgang 2010
Jahrgang 2009
Jahrgang 2008
Jahrgang 2007
Jahrgang 2006
Jahrgang 2005
Jahrgang 2004
Jahrgang 2003
Jahrgang 2002
Jahrgang 2001
Jahrgang 2000
Jahrgang 1999
Wir über uns
Kalender 2011/2012 bestellen
Service und Beratung
Ich möchte Mitglied werden
Mitglieder werben Mitglieder
Markt / Kleinanzeigen
Zeugnisprogramm