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Nr. 01-02/2003
Schwerpunkt: Bildungspolitik im Notstand
Keine Angst vor Warnstreik

Lehrkräfte an Kollegs sollen künftig vier Stunden mehr unterrichten. Das Charlotte-Wolff-Kolleg wehrt sich mit einer Arbeitsniederlegung.

Streik macht Spaß. Und er befreit. Zum Beispiel von Angst, von Zaudern, von Ducken und von Alles-Schlucken. Er vermittelt dieses unglaublich schöne Gefühl von gegebener und erfahrener Solidarität. Die Kommunikation nimmt enorm zu. Man sieht wieder mit festem Blick und erhobenen Hauptes in den Spiegel. So oder so ähnlich empfanden die 61,5 Prozent der KollegInnen des Charlotte-Wolff-Kollegs, die sich am 21. November um 10 Uhr aktiv oder unterstützend an der zweistündigen Arbeitsniederlegung am Kolleg beteiligten. Eine wundervolle Aktion. Die Gewerkschaftsspitze war vertreten, Ulrich Thöne hielt eine zündende Rede, die GEW-Bezirksleitung Charlottenburg-Wilmersdorf unterstützte uns ideell und materiell, das Fernsehen war da, es gab mehrere Zeitungsinterviews. Wir waren gut drauf. Um 12 Uhr nahmen wir die Arbeit wieder auf.

Überhaupt ein starkes, aktives, engagiertes Kollegium: Schulinterne Fortbildungen noch und nöcher, jede Menge Projekte und Projekttage, jahrelang Blindenintegration, die üblichen Studienfahrten und Schülerinnen-Austauschprogramme. In Notsituationen eine handlungsfähige GEW-Schulgruppe. Altersdurchschnitt: um die 54 Jahre. Aber es fängt an zu zehren. Und es wird immer anstrengender.

Nicht zufällig liegt die Pflichtstundenzahl an den sieben Berliner Kollegs (fünf Tagesbetriebs- -und zwei Abendschulen), die in einem halbjährigen Vorkurs und drei Jahren Oberstufe erwachsene Menschen zum Abitur führen, und auch in den Kollegs der deutschen Bundesländer vergleichsweise so niedrig: Bei vollem Deputat ist jede KollegIn jährlich im Abitur, mit einem Fach/ Kurs, oft auch mit zwei Fächern/ Kursen. Jährlich. Der Korrekturaufwand bei Oberstufenklausuren ist erheblich.

Jeweils ab 15. Januar werden die künftigen KollegiatInnen in einem Vorkurs beschult, bevor sie in den dreijährigen Tagesbetrieb integriert werden. Das bedeutet für die KollegInnen, die die falschen Fächer haben (Deutsch, Mathematik Englisch und/oder eine zweite Fremdsprache) zweierlei: Sie müssen einerseits tagsüber (ggf. bis 15.15 Uhr) und abends (ggf. von 18.15 - 21.30 Uhr) unterrichten, andererseits schwankt ihre wöchentliche Pflichtstundenzahl erheblich zwischen dem ersten und zweiten Schulhalbjahr, und zwar um bis zu sechs Unterrichtsstunden in der Woche: Bei einem Deputat von z.Z. 21 wöchentlichen Unterrichtsstunden erteilen sie im ersten Halbjahr nur 15 Stunden, im zweiten Halbjahr dagegen 26.

Wird das Deputat an den Kollegs auf 25 Stunden heraufgesetzt, erhöht sich die Spitzenzahl im zweiten Schulhalbjahr auf 31 wöchentliche Pflichtstunden. Um auf die Maßeinheit "Verwaltungsstunde" (= Zeitstunde) zu kommen, wird offiziell eine Unterrichtsstunde mit dem Faktor 1,7 multipliziert. Das ergibt bei 31 Unterrichtsstunden eine Spitzenbelastung von 52, 7 (Zeit)Stunden! Aufgepasst: Das sind keine manipulierten Ergebnisse von irgendwelchen dubiosen Gewerkschaftsuntersuchungen, sondern offizielle LSA- und SenBil-Werte, die z.B. in § 5 der "Verordnung über die Gewährung von Mehrarbeitsvergütung für Beamte" in der Fassung vorn 19.04. 01 kodifiziert sind. Sehr witzig: Jedenfalls aberwitzig.

Jetzt also vier Unterrichtsstunden (also sieben Zeitstunden) mehr. War es Senator Klaus Böger, der empfohlen hat, doch den Vorbereitungs- und Nachbereitungsanteil an unserer täglichen Arbeitszeit zu kürzen? Vielleicht war es jemand anderes. Ist das ernst gemeint angesichts von PISA und der neuesten Unicef-Studie? Kein professioneller Vorschlag.

Damit es nicht so werde, damit wir ein starkes, aktives, engagiertes Kollegium bleiben, damit der Altersdurchschnitt nicht noch weiter steigt und nicht durch Vorruhestand, Schwerbehinderung und Dienstunfähigkeit von hinten gesenkt werde, damit wir weiterhin ordentlichen Unterricht anbieten können, haben 32 KollegInnen des Charlotte-Wolff-Kollegs ein Zeichen gesetzt: Sie nehmen ihre unterrichtlichen und erzieherischen Aufgaben ernster als den Untertaneneid von BeamtInnen zur bedingungslosen Loyalität gegenüber einer miserablen, einer grundfalschen Politik Mein Gott, Klaus Böger, mit Gehaltsabzug und mit irgendwelchen anderen Maßnahmen zu drohen: Wie langweilig! Fällt dir nichts Besseres ein? Wirst du dafür so hoch bezahlt?

Konrad Komm-Mac Devitt
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