Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Während das Education-Programm der Philharmoniker unter Rattle in der Arena Treptow, kulturpolitisch wichtig, als tanzpädagogisches Experiment nicht überzeugen konnte, zeigt Livia Patrici mit ihrer Truppe zusammen mit Jugendlichen ein witzig-aufregendes Mosaik von immer neuen Ansätzen, eine kritische Untersuchung des eigenen Körpers und wichtiger Themen (Vertrauen), zeigt eine lebendige Gruppe mit ihren Spannungen, ihren gemeinsamen Abenteuern und kommunikativen Erfahrungen. SchülerInnen und Ex-SchülerInnen werden in die Aufführung hinein geholt – gleich berechtigt, inhaltlich und formal überzeugend (in den Sophiensälen, ab 14).-
Ursprünglich drei Solokantaten von Händel, drei leidende Frauen - im „Waiting Room“, einer großen Spielebene mit modernen Versatzstücken (Tür, Schrankwand, Kühlschrank) treffen sie aufeinander, die drei Kantaten werden ineinander geschnitten. Musikalisch gelingt das, es wird exquisit musiziert von der Akademie für Alte Musik im Radial System. Ein inhaltlicher Zusammenhang aber bildet sich nicht; er gelingt auch nicht durch eine zusätzliche Tänzerin; und die zwischengeschaltete „moderne“ Musik („Turntable Remixes“) fand ich eher störend. Auf jeden Fall aber unbedingt empfehlenswert für Musikliebhaber.-
Das „Hildebrandslied“ von Lothar Trolle bringt vielfache Überlagerungen, ausgehend von dem alten germanischen Heldengedicht (dessen Urtext freilich nur lieblos als Sprechübung abgeschnurrt wird) über den deutschen Russlandfeldzug bis zur Gegenwart machtloser Väter. Die Regie im Theater an der Parkaue hat, so sieht es aus, kein Vertrauen in den Text, verrätselt ihn noch weiter und fragmentarisiert ihn mit Bewegungschor, unvermittelten Einfällen, zusätzlichen Brüchen, Pistolen, Gewehren und Gewaltszenen; empfohlen (aber ungeeignet, denke ich) ab 15 Jahren. -
„Sicherheitsabstand“ im Hans Otto Theater Potsdam ist eine spannende Studie in (immer wieder scheiternder) Kommunikation, die ohne Bösewicht auskommt und ohne happy end und nur zwischendurch auch komisch ist. Die weit auseinander gespannte Wohnlandschaft wird intensiv gefüllt mit den Auseinandersetzungen eines Ex-Ehepaares – ein sehr zu empfehlendes „Lehr“-Stück (evtl. ab 14).-
„Die Brüder Grimm“ im Glashaus (Arena Treptow) sind unbedingt sehenswert: eine simple Geschichte, die nahe an der Historie bleibt und auch einige Märchen integriert. Die arbeitswütigen Brüder sind zwei liebenswert-komische Käuze, unfreiwillig verstrickt in politische Querelen der Zeit, mutig sich behauptend (oder einfach nur menschlich, anständig, klar). Und dann noch die schwierige Aufgabe, nach dem Tod der Schwester EINE Ehefrau zu finden. Exzellent gespielt (von Prießenthal und Shakespeare-Company). Anrührendes Theater, ganz nebenbei viel wichtige Kulturgeschichte, ein informatives Programmheft.
Meg Stuart und Benoit Lachambre gestalten in der Volksbühne mit „Forgeries (Fälschungen), Love and other Matters“ eine nahezu „globale“ Mann-Frau-Begegnung, die in der Gegenwart beginnt, sich zurückspielt bis zum Affen oder Urmenschen, aber auch in die ferne Zukunft einer durch-mechanisierten Welt springt, tragisch und komisch, spannend und ansehnlich in den immer wieder anderen Emotionen und neuen Ansätzen auf einer großen braunen Berg-und-Tal-Teddyfell-Landschaft (ab Sek II).
„Alices Traum“ im Theater Thikwa, eine bunt-groteske Tanzcollage nach Lewis Carroll: äußerst homogen das ganz unterschiedliche Ensemble, getragen von Lust, spielerischer Freude und ernsthafter Hingabe; eine Aufführung zum Staunen und Träumen, ein anrührender Blick in Menschsein. Auch schon für Kinder, denke ich; die Sek I braucht eher eine Einführung; ansonsten für alle. |