Weiter lärmen und nicht aufgeben
Die Initiative www.meineschule-online.de prangert Bildungsmissstände an.
Die Fragen stellte Sigrid Baumgardt
1. Was war der Anlass für Sie, initiativ zu werden? Wer gehört Ihrer Initiative an?
Wir haben uns im Mai 2006 gegen den Lehrermangel an der eigenen Schule aufgebäumt. Wir haben erfolgreich gegen die drohenden Klassenzusammenlegungen und damit gegen eine Erhöhung der Klassenfrequenzen auf über 30 SchülerInnen gekämpft. Die Idee der Initiative resultierte aus dem hohen Engagement der Eltern, das Thema Lehrermangel und andere Missstände zu untersuchen, Informationen zu sammeln und uns gemeinsam für bessere Lehrund Lernbedingungen unserer Kinder stark zu machen. Unsere zwölfköpfige Elterninitiative, die sich aus Vertretern diverser Grund- und Oberschulen in Berlin zusammensetzt, möchte mit der Initiative eine Plattform zur Verfügung stellen, von der aus wir unsere öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen geballt kom munizieren und den Meinungsaustausch zwischen Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen und dem Senat in Bewegung bringen.
2. Welche Bündnispartner wünschen Sie sich?
Ganz besonders dankbar sind wir, dass wir die GEW als verlässlichen Partner gewonnen haben. Darüber hinaus wünschen wir uns voranging aus unseren eigenen Reihen, den Eltern, viele Partner, damit immer stärker bewusst wird, dass es fünf vor zwölf ist. Natürlich auch weitere LehrerInnen und mutige RektorInnen, denn nur durch das Offenlegen von Fakten und mit einer guten Portion Engagement können an Schulen gezielt Veränderungen herbeigeführt werden.
Auch Vereine, Verbände und Universitäten, die uns durch Erhebungen an den Schulen verlässliches Material liefern können und uns als Multiplikatoren durch Berichterstattungen und bei der Organisation und Durchführung von Demonstrationen unterstützen. Last but not least benötigen wir die Politiker, die uns in unserem Bestreben unterstützen und sich in den eigenen Reihen für die se sensible und wichtige Thematik stark machen. Wir halten bereits engen Kontakt zu vielen Oppositionspolitikern, die uns ermutigen, uns weiter für die Rechte unserer Kinder einzusetzen.
3. Sie haben eine Umfrage an den Schulen durchgeführt. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Unsere Umfragen haben ergeben, dass eine Unterversorgung mit LehrerInnen an den Schulen herrscht. Eine hundertprozentige LehrerInnenausstattung zur Sicherung des Regelunterrichts mit dem Anspruch von Förder- und Teilungsunterricht sowie von qualitativem Fachunterricht ist bei kaum einer Schule gewährleistet. Über die vom Bildungssenator versprochene Vertretungsreserve von 5 Prozent verfügt kaum eine Schule. Durchschnittlich liegt die Regelversorgung von Lehrkräften bei den von uns befragten Schulen bei 96 Prozent. Exemplarisch ist Fachunterrichtsausfall zu nennen und fehlende qualitative Vertretung. Trauriger Spitzenreiter ist eine Berliner Realschule, die mit lediglich 92,5 Prozent Lehrerausstattung in das Schuljahr 2006/2007 startete. Das hat weitreichende Folgen für den geforderten MSA. Denn ein Drittel der SchülerInnen geht davon aus, den MSA, vor allem im Fach Mathematik, nicht zu schaffen. Wir finden dies in Bezug auf die heutige Arbeitsmarktsituation sehr bedenklich. Dies ist leider kein Einzelfall!
4. Was würden Sie als Ihr erstes Ziel beschreiben und mit welchen Schritten wollen sie es erreichen?
Vorrangig setzen wir uns für bessere Lehr- und Lernbedingungen und damit höhere Bildungschancen für unsere Kinder ein. Diese fangen schon beim Lehrund Lernumfeld an. Zurzeit drückt der Schuh aber vorrangig beim Thema LehrerInnenkapazitäten. Wir wollen mit unserer Arbeit Missstände an den Berliner Schulen dokumentieren, öffentlich machen und aktiv dagegen vorgehen! Im Klartext heißt das, wir wollen Probleme im Schul- und Bildungsbereich öffentlich machen und an die verantwortlichen Stellen herantragen. Wir können keine Probleme lösen!
Nach drei eigenständigen Protestaktionen unserer Schule haben wir mit der Ini tiative im Oktober eine berlinweite Demonstration "5 vor 12" initiiert, an der sich über 1.000 Menschen beteiligten. Kurz vor Weihnachten wurde ein besinn liches Signal gesetzt und mit 500 Kerzen an die 500 fehlenden LehrerInnen in Ber lin erinnert. Wir werden weiter lärmen und nicht aufgeben, auf die Situationen an den Schulen aufmerksam zu machen und hoffen dabei auf die Unterstützung aller, die sich für die Kinder und deren Recht auf Bildung einsetzen. Denn nur gemeinsam können wir es schaffen, die Rechte unserer Kinder einzufordern. Wir sind fest davon überzeugt, dass ständiger öffentlicher Druck, vornehmlich von der Straße, uns zum Erfolg führen wird.
5. Welche Wünsche und Forderungen würden Sie an den neu en Bildungssenator herantragen?
Den Einladungen zur Überreichung unserer zahlreichen Protestnoten sind bisher weder der alte und neue Berliner Bürgermeister, der Finanzsenator und der Bildungssenator nachgekommen. Eine wirkliche Veränderung ist nicht zu spüren, ein Bewusstsein für die tatsächlichen Zustände an den Schulen ist nicht vorhanden. Wir wünschen uns, dass uns endlich Gehör geschenkt wird. Die vorgelegten Zahlen stimmen nicht mit dem tatsächlichen LehrerInnenbedarf überein. Langzeiterkrankte werden statistisch als zur Verfügung stehende LehrerInnen mit einberechnet. Die Folgen des Unterrichtsausfalls werden nicht erkannt. Die Ersetzung von Lehrpersonal zieht sich über Jahre hin. Durch unsere Elterninitiative wollen wir auf die tatsächliche Situation an den Berliner Schulen aufmerksam machen und erhoffen wir uns Gehör, einen Richtungswechsel und ein Umdenken der Verantwortlichen. Die zukünftige DreiProzent-Regelung geht in die richtige Richtung, reicht aber bei weitem nicht aus! |