Schluss mit der Flickschusterei
Gebt den jungen Lehrkräften eine Perspektive.
von Matthias Jähne, Referent der GEW BERLIN
Offiziell standen Anfang Januar 2.242 BewerberInnen für den Berliner Schuldienst auf den Listen der Senatsbildungsverwaltung. Als dann im Februar befristete Einstellungen bis zu den Sommerferien vorgenommen werden sollten, haben viele von ihnen abgewinkt. Das ist nicht verwunderlich, denn andere Bundesländer geben schon jetzt Einstellungszusagen für das kommende Schuljahr 2007/08. Schätzungsweise zwei Drittel der BewerberInnen haben bereits Angebote von anderen Bundesländern und von privaten Schulen angenommen oder sind im Ausland tätig. Natürlich wollen die meisten in Berlin bleiben und hier als Lehrkraft arbeiten. Aber die Bedingungen müssen stimmen! Warum soll sich jemand auf einen Fristvertrag bis zum 10. Juli einlassen, wenn woanders eine Dauerstelle in Aussicht ist, die zudem noch besser bezahlt wird als in Berlin?
Hilfloser Aufruf
Mit seinem Aufruf an Lehrkräfte im Ruhestand, in der Altersteilzeit und in der Elternzeit, sich für diese befristeten Einstellungen zu melden, hat Bildungssenator Zöllner erstmals eingestanden, dass Berlin ein Riesenproblem hat. Immerhin unterscheidet ihn das von seinem Vorgänger, der den drohenden LehrerInnen-Mangel immer wieder mit Verweis auf die hohe Attraktivität Berlins bestritten hat. Eine Lösung bietet Zöllner aber nicht an. Das Ganze ist vielmehr ein hilfloser Versuch und Ausdruck der verfehlten Einstellungspolitik Berlins.
Die Alten länger arbeiten zu lassen, scheint im Moment Mode zu sein. Vielleicht liegt das auch daran, dass diejenigen, die darüber entscheiden, meist selbst im fortgeschrittenen Alter sind und sich fit genug für ein Arbeitsleben jenseits aller Altersgrenzen fühlen. Auch für die Hochschulen wird schon laut darüber nachgedacht, pensionierte ProfessorInnen anzuheuern, um den Studentenberg zu bewältigen.
Junge KollegInnen ohne Chance
In den Ohren der jungen, frisch ausgebildeten und arbeitssuchenden KollegInnen klingt das wie Hohn. Sie haben die ständige Hinhaltepolitik des Senats satt. Stichwort schulbezogene Ausschreibungen zum Schuljahr 2007/08: Im November letzten Jahres wurde noch angekündigt, dass Ende Januar 2007 wieder ausgeschrieben wird. Bei der Info-Veranstaltung der GEW BERLIN am 16. Januar 20071 wurde als Datum dann schon Ende Februar genannt. Einige Tage später erhielt der Gesamtpersonalrat die Information, dass womöglich gar keine Ausschreibungen erfolgen sollen. Grund: Rückgang der SchülerInnenZahl.
Es gibt bisher keine Aussage der Senatsverwaltung, ob und in welchem Umfang zum nächsten Schuljahr eingestellt wird. Stattdessen hat Jürgen Zöllner erst mal eine Arbeitsgruppe "Verbesserung der Lehrkräfteplanung und -zuteilung" eingesetzt, die bis zu den Sommerferien Vorschläge vorlegen soll. Ob dann noch Lehrkräfte zum "Zuteilen" da sind, darf bezweifelt werden. Die BewerberInnen sitzen ja nicht Däumchen drehend zu Hause und warten auf Post aus der Beuthstraße.
Als Allheilmittel zur Unterrichtsversorgung präsentiert Zöllner die zum Schuljahresbeginn 2007/08 geplante Vertretungsreserve von 3 Prozent. Alle Schulen sollen zusätzlich zur Ausstattung von 100 Prozent Finanzmittel in Höhe von 3 Prozent erhalten, mit denen sie kurzfristig Vertretungslehrkräfte einstellen können. Man darf schon jetzt gespannt sein, welche Zielgruppen dann verzweifelt zur Bewerbung aufgefordert werden – Studierende, Hausfrauen...?
Berlin muss schnell handeln
All das ist Flickschusterei und kann allenfalls eine Ergänzung zu einer langfristigen Personalplanung sein. Die Berliner Schulen brauchen kontinuierlich Neueinstellungen, und zwar mit unbefristeten Arbeitsverträgen und grundsätzlich in Vollzeitbeschäftigung. Die jetzt befristet Beschäftigten müssen dauerhaft angestellt werden. Längst überfällig ist, dass für die Lehrkräfte in Berlin ein Tarifvertrag abgeschlossen wird. Statt die Alten aus dem wohlverdienten Ruhestand zu holen, müssen Anreize geschaffen werden, dass Lehrkräfte nicht bis zum Umfallen unterrichten. Dazu gehört die Altersteilzeit. Der Rückgang der Zahl der SchülerInnen in Berlin muss für pädagogische Verbesserungen, z.B. die Verkleinerung der Klassengrößen, genutzt werden. Berlin muss handeln, und zwar schnell. |