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Nr. 03/2003
Schwerpunkt: Wohin mit den 5-jährigen?
Die Schulanfangsphase

Welche Chancen stecken in der geplanten Neukonzeption?

Ich habe grundsätzlich kein Problem mit der Reform des Schulanfangs, wie sie im Reformkonzept "Grundschule 2000" 1998 angekündigt wurde. Unsere Berliner "Sonderangebote für 5jährige" (Vorklasse, Vorschulgruppe, Eingangsstufe, jahrgangsgemischte Gruppe) haben nicht nur Vorteile.

Durch meine jahrzehntelange Erfahrung bei der Beratung von einzelnen Eltern bzw. Kitagruppen zum Übergang in die Schule kenne ich auch die Schattenseiten. Die schulischen Angebote erfreuen sich zwar großer Beliebtheit bei Eltern, doch wenn sie berufstätig und auf ganztägige Betreuung angewiesen sind, haben sie gar keine Wahl. 5jährige schickt man noch nicht alleine zwischen Schule und Kita hin und her, weswegen die sogenannte Doppelbetreuung - Vorklasse in der Schule plus Hort in der Kita - nur für zurückgestellte Kinder möglich war. Im Westteil der Stadt haben nur ganz wenige Schulen zusätzliche Betreuungsangebote und die Plätze reichen nie für alle Interessenten.

Die Vorklasse oder Eingangsstufe ist kein Wahlangebot für berufstätige Eltern - trotzdem spukt die Frage "Was ist besser?" immer durch die Köpfe der Eltern. Wer auf den Betreuungsplatz angewiesen ist, kann den Fragen gar nicht offen nachgehen. Obwohl nach meiner Überzeugung die Qualität von der pädagogischen Arbeit der Erzieherin oder VorklassenleiterIn in der einzelnen Einrichtung abhängt, haben viele Kita-Eltern den Eindruck, nur die 2. Wahl zu bekommen.

Wer keinen Hortplatz braucht, versucht einen Platz in einer der wenigen Eingangstufen zu bekommen, weil dort die Frequenzen bis zum Ende der 1. Klasse noch günstiger sind. Aber eine Vorklasse muss es wenigstens sein. Schließlich ist die halbtägige Betreuung in der Vorschule auch noch kostenfrei im Gegensatz zur Kita. Über die Vorklasse ist die Chance an eine "Wunschschule" zu kommen immer etwas größer, als bei der ersten Klasse. Ist man einmal drin, ist der Platz so gut wie sicher. Man kann Ausschau halten, welche LehrerInnen die ersten Klassen übernehmen werden. Man kann in den schulischen Gremien mitmischen und darauf achten, dass Gruppen beim Übergang in die 1. Klasse zusammenbleiben. Für Kinder mit Behinderungen ist der Weg über die Vorklasse fast unumgänglich, obwohl es - anders als in der Kita - keine zusätzliche Förderung gibt.

Bei der Bildung der Klassen werden Vorklassen mit den Kita-Kindern und den Kindern, die aus Miniclubs, Tages- oder Großpflegegruppen kommen, aufgefüllt. Die 1. Klasse hat in jedem Fall - außer bei den Eingangsstufen - eine neue Zusammensetzung und neue Bezugspersonen. Die Vorklassenkinder haben in der Regel bei diesem Übergang wieder die Nase vorn gegenüber den Kita-Kindern.

Die Zusammenarbeit von Kita und Schule hat in Berlin keine gute Tradition. Es ist auch schwer, in Großstädten mit vielfältigem Angebot im Elementarbereich die Kinder beim Übergang konkret zu begleiten. Mit der Vorschule hat man in Berlin eine andere Lösung für die Hälfte der Kinder gewählt. Sie bekommen ein Jahr Zeit, sich an die Schule zu gewöhnen. Was aber ist mit der anderen Hälfte? In den anderen Bundesländern sind gerade in Bezug auf die Kooperation zwischen Kindergarten und Schule beim Übergang weit mehr Konzepte entwickelt worden, weil es dieses Eingewöhnungsjahr nicht gibt. Die Schulanfangsphase soll die wichtigen Elemente der Vorklassenarbeit aufnehmen, aber sie ersetzt nicht die Zusammenarbeit von ErzieherInnen, Eltern und LehrerInnen. Es wird aber den Kontakt erleichtern, wenn es die Konkurrenz um die Kinder bei sinkenden Schülerzahlen und die an die Institution geknüpfte irrige Frage nicht mehr gibt: "Was ist besser - die Vorschulklasse oder die Vorschulgruppe?"

Was ursprünglich einmal in den 70er Jahren als gleiches Förderangebot für alle Kinder mit gleichem Rahmenplan und gleicher Zusatzausbildung für ErzieherInnen eingerichtet wurde, ist nicht mehr so leicht zu vergleichen. Die Zusatzausbildung gibt es schon lange nicht mehr. In der Kita hat sich überwiegend das Konzept der altersgemischten Gruppen durchgesetzt. Die Förderung der 5jährigen findet nur noch partiell in altershomogenen Gruppen statt. Die VorschulerzieherInnen arbeiten fast ausschließlich integriert, während die VorklassenleiterInnen noch in ihren geschlossenen Gruppen arbeiten. Jahrgangsübergreifendes Lernen und damit auch neue Kooperationsformen unter den PädagogInnen hat im Schulbereich außer an den beiden Reformschulen Peter-Petersen und Clara-Grunwald-Grundschule erst durch den GEW-Schulversuch "Jahrgangsübergreifende Lerngruppen" (JÜL) Einzug gehalten.

Die Arbeitsbedingungen der VorklassenleiterInnen und der VorschulerzieherInnen waren von Anfang in der Kita ungünstiger.

Einen Hintergedanken hatten die damals verantwortlichen Schulpolitiker der FDP: Sie wollten die Schulpflicht der 5jährigen in der Bundesrepublik durchsetzen. Dann wäre die Schnittstelle wieder klar. Die schulpflichtigen Kinder werden in der Schule gefördert. Davor ist die Kita zuständig. Das ist damals nicht gelungen, weil es dazu einer bundeseinheitlichen Regelung bedarf. Man kann aber nach PISA wieder darüber nachdenken. Doch die Länderinteressen sind auch heute noch unterschiedlich und solange es keine Neuregelung auf Bundesebene gibt, bleibt in Berlin nur das Jonglieren mit dem Einschulungsdatum. Solange es keine Schulpflicht für die 5jährigen gibt, würde es bei der Angebotsvielfalt bleiben, aus der Eltern nur scheinbar auswählen können.

Durch den Ruf nach mehr Ganztagsschulen und die angekündigte Initiative der Bundesregierung für den Ausbau von Ganztagsschulen sind die Pläne zur Schulanfangsphase noch einmal in Bewegung geraten. Im November verlautete, dass nun geplant ist, die Schulkinder in der Schule zu betreuen und dafür schrittweise die Voraussetzungen mit Bundesmitteln zu schaffen. Das bedeutet, dass den Kitas die Hortkinder verloren gehen. Diejenigen die das Konzept der großen Altersmischung gewählt und geschätzt haben, sind darüber nicht glücklich.

Wenn die Grundschule verlässliche Halbtagsschule bzw. Ganztagsschule wird, macht es Sinn, sich für alle Schulkinder verantwortlich zu fühlen und das Schuleintrittsalter neu zu definieren. Der Kompromiss, der zwischen Jugend- und Schulbereich dabei gefunden werden muss, sieht z.Z. so aus, dass die Hälfte der 5jährigen zur Schule gehen wird und die andere Hälfte in der Kita bleibt.

Generell muss gesagt werden, dass die Veränderungen bzw. Substanzverluste für den Kitabereich weit einschneidender sind als für den Schulbereich. Die Schule "verliert" die Hälfte eines halben Jahrgangs und "gewinnt" am Ende die ganztägige Betreuung der Grundschulkinder. Im Kitabereich steht nicht nur die Gebührenerhöhung und die Privatisierung auf der Tagesordnung, sondern er "verliert" die Hortkinder und "gewinnt" allenfalls ein paar Prozent der 5jährigen.

Bei der weiteren Diskussion über eine reformierte Schulanfangsphase sollten die folgenden Punkte berücksichtigt werden.

Begleiteter Übergang:

Es soll keine Zurückstellungen mehr geben und eine Verweildauer von einem bis drei Jahren in der Schulanfangsphase, wobei der Schwerpunkt auf zwei Jahren liegen soll. Das würde Eltern und Kindern sehr viel Druck wegnehmen. Ich habe nur Erleichterung und positive Resonanz von Eltern erfahren, denen ich sagen konnte, dass sie zukünftig solche schwierigen Entscheidungen über die mögliche Entwicklung ihres Kindes nicht mehr treffen müssen, sondern dass es in der Schulanfangsphase die Zeit und die Förderung für seine Entwicklung bekommt - auch wenn sie es vorzeitig angemeldet haben. Für diese Flexibilisierung ist die jahrgangsübergreifende Lernorganisation am idealsten.

Unser GEW-Schulversuch "JÜL" hat geeignete Schritte auf dem Weg dahin gezeigt: Verbindliche Zusammenarbeit von Elementarbereich und Schulanfangsphase/ Sprachstandserhebung nach der Einschulung durch die KlassenlehrerInnen/Feststellung des besonderen Förderbedarfs im Sinne der Kind-Umfeld-Diagnose.

Personal:

  • LehrerInnen, VorklassenleiterInnen bzw. sozialpädagische Fachkräfte und SonderpädagogInnen arbeiten nach einem gemeinsamen Konzept
  • Fortbildungsprogramm für LehrerInnen und sozialpädagogische Fachkräfte
  • LehrerInnen- und ErzieherInnenausbildung für die Schulanfangsphase

Konzept:

Zusammenarbeit mit Eltern und ErzieherInnen des Elementarbereichs
  • Förderung von Kindern mit Behinderungen
  • DaZ-Förderung
  • Präventive Sprach- und Leseförderung (LRS)
  • Individualisierung und soziales Lernen
  • Rahmenbedingungen:

    Die Mittel aus Vorklassen, Diagnoseförderklassen und der gemeinsamen Erziehung der Schule bzw. der Integration in der Kita gehen in diese Phase, zuzüglich der Ausstattung für die verlässliche Halbtagsschule. Für die heterogenen Lerngruppen der Schulanfangsphase ist ein Zwei-Pädagogen-System notwendig.

    Es muss ein solider Zeitrahmen vorgelegt werden, der die notwendigen Voraussetzungen und den Fortbildungsbedarf sichert.

    Es stecken natürlich noch unzählige Detailfragen in dem Thema. Die Mitarbeit in unserer AG veränderter Schulanfang steht allen offen, die an der Position der GEW dazu mitarbeiten wollen. Vor allem LehrerInnen sind da gefragt, denn sie werden dieses Konzept gemeinsam mit den VorklassenleiterInnen entwickeln.

    Die GEW wird dazu am 13./14. Juni 2003 gemeinsam mit der Senatsbildungsverwaltung eine Veranstaltung zur Schulanfangsphase durchführen.

    Monika Rebitzki,
    Referat C

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