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Nr. 03 / 2007: Frauentag ist nur einmal im Jahr

Frauentag ist nur einmal im Jahr

Was an den anderen Tagen noch alles passieren muss.

von Dagmar Poetzsch und Diana Greim, stellvertretende Vorsitzende der GEW BERLIN

Dagmar Poetzsch und Diana Greim, beide zuständig für Gleichstellungs- und Frauenpolitik im Landesvorstand, interviewen sich gegenseitig zum Frauentag. Sie wollen wissen, was die unterschiedlichen Generationen bewegt. Dagmar ist 54 Jahre alt, Diana gerade erst 30 geworden. Beide haben die DDR erlebt und erfahren. Diana als Kind in Dresden, Dagmar als Frau, Berufstätige und Mutter von vier erwachsenen Kindern. Diana studiert heute an der TU Berlin, Dagmar ist Mitglied im Vorstand des des Hauptpersonalrats und ehemalige Erzieherin.

Hallo Dagmar, am 8. März ist der Internationale Frauentag. Warum sollte gerade die GEW diesen Tag würdigen?

Dagmar: Ich denke eine Organisation, die 70 Prozent weibliche Mitglieder hat, sollte diesen Tag nutzen, um die Leistungen von Lehrerinnen, Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Wissenschaftlerinnen besonders hervorzuheben. Berufstätige Frauen sind nun mal mehrfach belastet und mit Würdigung des Internationalen Frauentages kann das in der Öffentlichkeit deutlich gemacht werden. Zu berücksichtigen sind hierbei allerdings die unterschiedlichen Sozialisationen der Frauen aus Ost und West. Für "Frau Ost" war der Frauentag in der DDR verbunden mit Ehrungen, Prämien und natürlich mit Feiern in der Brigade, im Kollektiv. Angemerkt sei, solche Lobreden an einem Tag im Jahr reichen nicht aus, was ist mit den 364 anderen Tagen? Für "Frau West" war die Bedeutung nach meiner Kenntnis bei weitem nicht so groß. Im Westen war der Muttertag der Ehrentag, was aber die berufliche Ebene nicht tangiert.

Und Diana, warum feierst du an diesem Tag?

Diana: Ich bin damit in der DDR groß geworden und es ist für mich selbstverständlich, die Leistungen der Frauen in Vergangenheit und Gegenwart zu würdigen. Es ist ein Tag, an dem der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und vor allem gesellschaftliche Mitbestimmung hoch gehalten wird. Gerade die Gewerkschaftsarbeit zeigt, wie erfolgreich Frauen gesellschaftliche Prozesse mitgestalten können. Sie ist auch ihr Sprachrohr. Wir wollen auch in Zukunft eine gleichberechtigten Lebens- und Arbeitswelt in unserem Land weiterentwickeln. Es ist für mich aber auch ein Tag der Mahnung für die Frauen, die noch immer gesellschaftlich unterdrückt werden.

Seid wann bist du eigentlich frauenpolitisch in der GEW aktiv und was habt ihr in den vergangen Jahren alles erreicht?

Dagmar: Ich habe nach der Wende als letzte Betriebsgewerkschaftsleitungsvorsitzende der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung in Marzahn mit vielen engagierten Frauen aber auch Männern die Übergänge in die DGB-Gewerkschaften gestaltet. Für unseren Organisationsbereich stand damals die Wahl zwischen GEW und ÖTV an. In dieser spannenden kreativsten Zeit stellte sich für mich die Frauenfrage noch nicht. Wir Frauen-Ost waren am Anfang überzeugt, wir sind emanzipiert, was die Frauen-West nur für ein Gedöns machen. Ich denke, heute sehen viele Kolleginnen das wesentlich differenzierter.

Ich erinnere mich gut an erste Veranstaltungen mit Kolleginnen aus dem Westteil, wo wir ständig korrigiert wurden, wir seien nicht Lehrer oder Erzieher sondern Lehrerin oder Erzieherin. Ich verstand es am Anfang nicht und viele Kolleginnen waren frustriert, weil das für sie zu dem Zeitpunkt völlig irrelevant war. Mit dem Überstülpen der Weststrukturen wurde mir bald deutlich, dass diverse frauenpolitische Aspekte immer mehr an Bedeutung gewannen. In Frauenseminaren auf Bundesebene – wobei ich Britta Naumann, Anfang der neunziger Jahre im geschäftsführenden Vorstand für Frauen zuständig, hier ausdrücklich danken möchte – wurde in Ost-West-Dialogen sehr emotional Vergangenheit aufgearbeitet und bearbeitet. Das Verständnis auf beiden Seiten hielt sich in Grenzen, allerdings konnte das Interesse an der anderen Seite geweckt werden. Die Zeit mit Britta Naumann hat mich bestärkt, mich intensiver für unsere Kolleginnen einzubringen. Gerade im Ostteil Berlins und in den neuen Bundesländern waren es die Frauen, die in den Personalüberhang geraten sind oder sogar gekündigt wurden. Sie reduzierten ihre Arbeitszeit, um anderen Kolleginnen eine Weiterbeschäftigung zu ermöglichen.

Aus heutiger Sicht bedauere ich es sehr, dass wir den Ost-West-Dialog nicht intensiver und nachhaltiger geführt haben. Der Konflikt bricht immer wieder auf, auch 17 Jahre nach der Wende ist die Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen.

Ich glaube aber schon, dass ich mit meinem Engagement dazu beigetragen habe, Frauen zu sensibilisieren und auch ihre eigene Situation wesentlich kritischer zu sehen.

Du hast dich ja von Anfang an für die Frauenpolitik in der GEW engagiert. Was hat dich als junges Mitglied dazu bewegt?

Diana: Seit Beginn meines Studiums bin ich frauenpolitisch aktiv. An der Universität sowie in meinen Nebenjobs und meiner Tätigkeit als Personalrätin im studentischen Personalrat der Technischen Universität bin ich oft mit verschiedenen Formen von Diskriminierung an Frauen konfrontiert worden. Ich war sehr lange studentische Beschäftigte bei verschiedenen Frauenbeauftragen der TU Berlin. Eine meiner Hauptaufgaben bestand in der Ermittlung von strukturellen Barrieren in Studiengängen mit einem Frauenanteil unter 50 Prozent. Diese Arbeit hat mir gezeigt, wie stark noch immer die männliche Fachkultur an den Universitäten vorherrscht, wie selbstverständlich 80 Prozent aller Dozentinnen und Dozenten männlich sind, wie wenig die Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung in die Studieninhalte einfließen. Dieses Beispiel ist exemplarisch für viele gesellschaftliche Bereiche. Sieht man sich beispielsweise die Führungsstrukturen an den Berliner Schulen an, ist die Frage, warum sich der mehrheitliche Frauenanteil unter den Lehrerkräften in alle Schulbereichen bei den Funktionsstellen nicht widerspiegelt. In der GEW Berlin ist mein Hauptinteresse an einer frauenpolitischen Arbeit die Steigerung des Anteils von jungen Frauen in ehrenamtliche Funktionen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist mit den neuen Kinderbetreuungsrichtlinien ( siehe Seite 4) schon getan.

Welche frauenpolitischen Forderungen sollten mit der GEW BERLIN gegenwärtig und zukünftig umgesetzt werden?

Dagmar: Für mich stehen zur Zeit Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen als ein Problem im Vordergrund. Wichtig ist mir auch, dass junge Kolleginnen den Einstieg in den Beruf bekommen und ältere dafür zu akzeptablen Bedingungen und nach ihren Bedürfnissen aussteigen können. Das setzt voraus, dass die Forderung nach einer diskriminierungsfreien Tarifpolitik intensiver bearbeitet werden muss, denn sie gewinnt für die GEW immer mehr an Bedeutung.

Im europäischen Jahr der Chancengleichheit ist es wichtig, noch stärker an einer geschlechterbewussten Bildung zu arbeiten, sodass sie für alle Pädagoginnen und Pädagogen zum täglichen Leben gehört und nicht nur in Projekten bearbeitet wird.

Haben die jungen Frauen dieselben Forderungen?

Diana: Grundsätzlich ja. Darüber hinaus ist meiner Meinung nach die Forderung nach einer garantierten, kostenfreien Ganztagsbetreuung von Kindern jeden Alters eine Hauptforderung, um jungen Frauen einen leichteren Berufseinstieg zu ermöglichen. Des weiteren fordern wir natürlich eine stärkere Teilhabe an politischen Gestaltungsprozessen. Leider bedarf es an vielen Stellen noch immer der Quote, um in Funktionen zu kommen. Auch die GEW zeigt immer noch eine starke Männerüberrepräsentanz in vielen Gremien. Es sollte selbstverständlich werden, die Frauen als größte Mitgliedsgruppe in der GEW stärker zu beteiligen und bewusst zu ermutigen.

Wie glaubst du, können diese Ziele realisiert werden?

Dagmar: Die gewerkschaftlichen Aktivitäten zu Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastung müssen durch uns stärker unterstützt und der frauenpolitische Aspekt deutlicher hervorgehoben werden. Um eine gesunde Alterstruktur in pädagogischen Berufen zu schaffen, müssen unsere Forderungen an die Politik noch lauter und differenzierter werden, denn sie schafft die Rahmenbedingungen. Diskriminierungsfreie Tarifpolitik kann durch uns beeinflusst werden, indem Frauen in den Tarifkommissionen besonders darauf aufmerksam machen.

Den Blick für eine geschlechterbewusste Bildung können wir weiter schärfen, wenn es uns gelingt, mit noch mehr interessierten Kolleginnen und Kollegen an inhaltlichen Schwerpunkten zu arbeiten. Hier wünsche ich mir, dass die Kompetenzen von Jüngeren und Älteren stärker genutzt werden und im gemeinsamen Arbeiten zum Tragen kommen. Wenn es auch oft Rückschläge gibt, die mich zweifeln lassen, bin ich trotzdem optimistisch, denn noch macht mir Gewerkschaftsarbeit Spaß. Bleiben wir im Dialog mit Frauen in Ost und West, jung und alt, aber auch mit den Männern!

Und du?

Diana: Auch hier stimme ich dir zu. Erst wenn Gender Mainstreaming in der GEW nicht nur propagiert sondern auch gelebt wird, wird die Arbeit in allen Teilen selbstverständlich geschlechterbewusst umgesetzt. Ob es Tarifverträge, die politische Arbeit selbst sowie ihre Forderungen sind, Führungsstrukturen, Gremienzusammensetzungen und vieles andere mehr. Das ist unser Ziel.

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