| Anregung zur Kunst des Lernens in der Lernwerkstatt.
Der Artikel "Pisa und die Schulbibliothek" in der Dezemberausgabe der blz gab mir eine Fülle von Anstößen zum Nachdenken über meine eigene pädagogische Praxis, die ihren Schwerpunkt in der Lernwerkstatt der Stadt-als-Schule hat. Es wurden Seiten angestimmt, die bis dahin bei mir eher stumm geblieben waren, wie die Saiten einer alten, fast vergessenen Gitarre. So hellhörig geworden, dachte ich über das nach, was im Rahmen meiner Tätigkeit in der Lernwerkstatt der S-a-S bisher eher wenig Beachtung gefunden hatte, weil es gleichsam "nebenbei" geschah und uns selbstverständlich erschien: Auf dem Fundament eines vor zehn Jahren geerbten Buchbestandes eines Förderers ist nach und nach eine aktuelle Bibliothek gewachsen, die dem Konzept des "Im-Leben-Lernen" unserer Schule angepasst ist.
Diese Bibliothek und Mediothek befindet sich an einem für unsere Schule zentralen Ort des Lernens, stark frequentiert von ständig wechselnden und immer wieder anders zusammengesetzten Gruppen von Schülern.
Zur Erinnerung: Vor zehn Jahren begann eine Gruppe von Pädagogen ein Jugendbildungsprojekt ins Leben zu rufen, in dem nicht mehr schulpflichtige Jugendliche sich freiwillig an "Praxisplätze" begaben, um so in "Ernstsituationen" etwas Neues für sich zu erfahren und nicht zuletzt auch, um "sich" zu erfahren und die Rollen zu erproben, die das Leben bereithalten könnte.
Aus diesem Projekt ist nach zehn Jahren Schulversuchsphase eine genehmigte "Schule besonderer pädagogischer Prägung" im Bezirk Kreuzberg entstanden. Mit ihrem zentralen, nunmehr auch eigenen Standort unweit des Potsdamer Platzes, ist sie bestens geeignet für den Besuch Jugendlicher aller Berliner Bezirke, die in Gefahr sind, das Berliner Schulwesen ohne Abschluss verlassen zu müssen. Diese können nach dem Konzept des "Praxislernens" an drei Tagen in der Stadt und an zwei Tagen in der Schule tätig werden und am Ende den Haupt- oder bei besonderen Leistungen sogar den Realschulabschluss erlangen.
Seit einigen Jahren können auch Schüler nach der achten Klasse mit einer Versetzung in die neunte Klassenstufe zur S-a-S wechseln, was noch wenig bekannt ist. Im klassischen Schulwesen "lernmüden" Jugendlichen kann hier bereits eine Alternative aufgezeigt werden.
Die überwiegende Mehrheit unserer Schüler hat sich bis zu ihrer Aufnahme an der S-a-S als nicht erfolgreich im Schulsystem erlebt und es bedurfte besonderer Konzepte und Qualifikationen, um ihnen den Weg zurück zum Lernen als einer Tätigkeit, die Sinn macht, zu ebnen. Diese Jugendlichen haben aus den verschiedensten Gründen kaum Erfahrungen gemacht, die sie Lernaktivitäten als Teil ihrer aktuellen Persönlichkeit, als Ich-gerecht, erfahren lassen konnten. Eine nicht geringe Zahl hatte in der Schullaufbahn mit sogenannten Teilleistungsschwächen zu kämpfen. Im Mittelpunkt unseres Konzeptes steht die radikale Individualisierung des Lernens, um die eigenen Interessen wieder als wertvoll erfahrbar zu machen. Hier setzt auch das Lernwerkstattkonzept mit der Bibliothek an.
Bewährt haben sich populärwissenschaftliche Buchreihen. Kein Praxisplatz im Gesundheitswesen kann auf das "Kursbuch Gesundheit" verzichten, wenn es an die Aufarbeitung geht, kein Jugendlicher, der sich in der Kita ausprobiert, auf das "Kursbuch Kinder". Religionskunde ist ebenso vertreten wie "Wie geht es meinem Hund?". Gedichtsammlungen, alle Arten von Lexika, Fachbücher des Berufsschulwesens, aber auch Romane wurden - oft nach dem Bedarf der Praxisplatzerfahrungen - angeschafft. Der Ausbau und die Aktualisierung der Schulbibliothek im Rahmen unseres Konzeptes erwies sich tatsächlich als hochwirksam zur Unterstützung und Anregung von Lernprozessen. Unerlässlich, wie die Hefe im Teig für einen Gärungsprozess.
Es geschieht nicht selten, dass die Schüler Buchwünsche äußern. Sie sind glücklich, geliebte Kinder- und Jugendbücher wieder zu finden. Eigentlich müssten wir auch auf aktuelle Lesebedürfnisse eingehen, die durch die Medien geweckt werden: "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" werden von Jugendlichen nachgefragt, die zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung noch keinen Fuß in eine öffentliche Bibliothek setzen würden. Doch der Etat ist knapp. (Buchspenden sind willkommen!) Schulbücher der Sekundarstufe haben wir im Lauf der Jahre eher selten in den Bestand aufgenommen. Sie erwiesen sich oft als wenig hilfreich zur Erschließung von komplexen Zusammenhängen, wie sie die Wirklichkeit darstellt. Wichtiger Bestandteil unserer Bibliothek sind dagegen Dokumentationen unserer Schüler über ihre Praxisplätze.
Erst einmal entstaubt, neu gestimmt und gut gepflegt, ließ sich auf unserem Instrument Schulbibliothek trefflich spielen und Musik machen. An die Spende von damals erinnert heute noch das "Kindler-Literaturlexikon", das - zugegeben - selten benutzt wird, aber einfach zu schön und zu schade ist zum Ausrangieren. Häufiger erfährt der gute alte "große Brockhaus", der von allen Beteiligten mit Ehrfurcht benutzt wird, Beachtung. Meist lässt man sich dann aber doch mit den Disketten für den "neuen" Brockhaus im benachbarten PC-Raum für die Recherche nieder, um die halbjährlich fällige Dokumentation mit allen Erkundungsaufgaben zu bearbeiten, Tagesberichte zu schreiben oder den ausführlichen Vortrag für die Gruppe auszuarbeiten.
Natürlich gibt es auch bei uns die Schüler, die Ausnahmen bilden, die z.B. von sich aus Bücher von Luise Rinser zusammenfassen oder gleich selbst ein Buch schreiben. Doch ohne den Faktor der pädagogischen Betreuung, der dazu kommen muss, geschieht es bei der überwiegenden Mehrheit nicht ganz von allein. Zu tief sitzt oft noch die Überzeugung, nicht zu dem Teil der Welt zu gehören, der sich in Bücher vertieft. Bücher erzeugen Schwellenangst. Diese erzeugt Abwehr. Die Suchmaschine im Internet ist für viele Schüler unbelasteter. Doch auch das Internet kann - so zeigt sich bald - die Hauptschwierigkeit unserer Jugendlichen nicht lösen. Wie den altbekannten Widerstand gegen die Anforderung überwinden, gliedern, ordnen, "verdauen" zu müssen, um zu verstehen und anderen etwas Sinnvolles mitteilen zu können?
Der Autor des Artikels "Pisa und die Schulbibliothek", Johannes G. Wiese, betont die wichtige Rolle der pädagogisch ausgebildeten Schulbibliothekare für "selbstgesteuerte" Lernprozesse. Unsere Erfahrungen bei Annäherung an selbstgesteuertes Lernen unterstreichen seine Thesen.
Individualisiertes Lernen in unserem Schulkonzept muss es leisten, diesen Jugendlichen die Hilfe und Unterstützung beim Überwinden solcher Widerstände zu geben, die sie notwendig brauchen. Das bedeutet häufig Betreuungs- und Unterstützungsarbeit im Verhältnis eins zu eins.
Diese Unterstützung wird an den verschiedenen Lernorten und zu verschiedenen Zeiten immer wieder bereitgehalten: Sie wird in der Lernbegleitung der betreuenden Pädagogen bei Besuchen am Praxisplatz und bei der gemeinsamen Erarbeitung des jeweils aktuellen Curriculums für jeden einzelnen Schüler zur Verfügung gestellt. Sie wird an den Schultagen im Rahmen der Lernwerkstattarbeit mit der Bibliothek/ Mediothek im Zentrum angeboten.
Dieses Betreuungsangebot steht, da die Lernwerkstatt durchgängig besetzt ist, allen Schülern offen, die nicht am Praxisplatz sein können. Um dieses Betreuungsangebot suchen Schüler auch nach einer Eingewöhnungszeit an der Sa-S selbst nach. Auch die DaZ- Arbeit wird in diesem Rahmen geleistet. Bei dieser intensiven "Lern-Arbeit" wird oft genug deutlich, wie viele unserer Schüler bisher überhaupt nicht über die Erfahrung verfügten, dass sie sich Erkenntnisse und Erfahrungen Kraft ihrer eigenen Anstrengung selbst erschließen und erarbeiten können. Auch die Erfahrung, anderen Erkenntnisse mitteilen zu können, ist zumeist neu.
Das aber ist lernpsychologisch gesehen gerade der Kern einer Lernerfahrung. Wir müssen die Widerstände überwinden, die sich durch die Sache ergeben, um zu einem Erkenntnisgewinn zu kommen. Durch diese Anstrengung und die vielen Schritte, die erforderlich sind, um das komplexe Geschehen am Praxisplatz mit Hilfe von Büchern und anderen Medien zu erschließen und anderen mitzuteilen, realisiert sich die Lernerfahrung.
Diese "Kunst des Lernens" wiederholt zu erfahren, wirkt nachhaltig und stärkt das Selbstbewusstsein.
Barbara Stellbrink-Kesy
Stadt-als-Schule Berlin
Tel: 215 80 26 (priv.) Schule: 25 88/48 18 (Lernwerkstatt) |