AUS DEM STEINBRUCH VON NEUKÖLLN
Seiner Vergangenheit als böser 68er schwört man heutzutage besser ab. Nicht so Brigitte Pick. Sie bekennt sich zu ihren „Jugendsünden“ und weiß auch noch, warum. 36 Jahre lang arbeitete sie ganz bewusst im pädagogischen Steinbruch, war Lehrerin und Rektorin an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln. Man wünschte vielen Politikern nur ein bisschen von ihrer Erfahrung und Weltsicht – Bildungspolitik müsste sich sofort verändern!
In ihrem Buch „Kopfschüsse“ stellt die Autorin scharfe soziale Analysen, witzige bis triste Erlebnisberichte, sarkastische Kommentare und interessante Quellentexte zur Rütli-Schule zusammen. Wo es um ihre Schülerinnen und Schüler geht, schreibt sie verständnisvoll und zugewandt. Wer hier hinter die Kulissen schaut, versteht, warum manche zu „Problemfällen“ werden, die an Haupt- und Sonderschulen landen, obwohl einige von ihnen Abitur machen könnten. Ihr Alltag sei von Beleidigungen und Demütigungen geprägt. Picks schulisches und außerschulisches Engagement war beachtlich. Manche Kollegen empfanden diesen intensiven Umgang mit Schülern allerdings eher als „Anbiedern“... Jede Verweigerung eines Schülers hätte aber Hintergründe, nach denen man fragen müsse. Jugendliche bräuchten feste Regeln und Autoritäten, aber kein „autoritäres Gehabe und feige Indifferenz“. Gerade diese Jugendlichen wollen ernst genommen werden. Das allerdings fiele Lehrern schwer, die zwangsweise an Hauptschulen versetzt werden und alles tun, um dort wieder wegzukommen. Niemand geht freiwillig an die Hauptschule, kein Schüler und kein Lehrer, meint die Autorin. Als junge Lehrerin hatte sie fest damit gerechnet, dass mit dem Entstehen der Gesamtschulen die Hauptschulen abgeschafft würden. Das vergaßen die damaligen Reformer leider.
Wenn es um Gesellschaft und Bildung geht, wird Pick drastisch und böse. In keinem anderen Land der Welt selektiere Schule so schamlos wie in der Bundesrepublik – allerdings nicht nach Intellekt, sondern eher nach Abweichung von der Norm. Schule sei eine reine Zwangsveranstaltung, und Zwang stoße eben auf Widerstand. Dort, wo noch Zugangschancen vermittelt würden, funktioniere Schule einigermaßen. Jugendliche aber, auf die weder Ausbildungsplatz noch Arbeit warten, verweigerten sich, würden aggressiv und „unbeschulbar“. Als intelligente Lösungen schlagen fähige Politiker u.a. „Arbeitslager“ vor...
Disziplinprobleme an der Rütli-Schule, die nur ein Symbol für viele andere Schulen im Lande ist, gibt es übrigens nicht erst, seit in Neukölln der Migrantenanteil so hoch ist. Der Schriftsteller Bosetzky wird zitiert, der in den Nachkriegsjahren Rütli-Schüler war. Er erinnert sich an Gewalt und Straßenschlachten genauso wie an Erpressung und „Abziehen“, nur dass es damals nicht so hieß und die Schüler alle deutscher Herkunft waren. Besonders lehrreich ist das letzte, historische Kapitel des Buches, das die Rütli-Schule als Reformschule in der Weimarer Republik beschreibt, aus deren Schülerschaft viele Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime hervorgingen.
Heute ist Rütli ein Schlagwort, das in der ganzen Republik schallendes Gelächter oder leisen Grusel hervorruft, je nachdem, ob man gerade Kabarett oder fingierte Gewaltszenen im Fernsehen goutiert. Brigitte Pick hätte sich nicht zu Wort gemeldet, hätte es im vergangenen Jahr nicht den „Brandbrief“ ihrer ehemaligen Kollegen und den darauf einsetzenden Medienrummel gegeben, der sich in Chatrooms zu offener Fremdenfeindlichkeit steigerte. Diesen Brandbrief sieht Pick als pädagogischen Offenbarungseid. Andererseits war diese Offenbarung nötig, um zum Hinsehen zu zwingen. Auf einmal fanden sich Gelder und Hilfsmaßnahmen, die vorher zu Picks Amtszeit nicht zur Verfügung standen. Natürlich ändert sich nichts an der aussichtslosen Lehrstellensituation der Schüler, bloß weil es jetzt T-Shirts mit Rütli-Emblem, Tanzveranstaltungen oder einen arabisch sprechenden Sozialarbeiter gibt.
„Seit 37 Jahren habe ich das Elend gesehen und erlebt. Ich versuchte zu verbessern, zu ändern und im Elend zu helfen, so gut es in meinen Kräften stand. Als Leiterin der Schule wollte ich verantwortlich sein für ein freiheitliches Leben und Lernen. Nach 37 Jahren in der Schule weiß ich nunmehr, dass sich nichts ändert, weil sich nichts ändern soll.“
Aus ihren roten 68er-Fahnen hat Pick im vorigen Sommer Strandtaschen und Sonnenschirme genäht. Gabriele Frydrych Brigitte Pick: „Kopfschüsse. Wer PISA nicht versteht, muss mit RÜTLI rechnen“, VSA Verlag Hamburg, 184 Seiten, 14,80 Euro, März 2007 |