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Aufführungen kritsch gesehen

Aufführungen kritisch

von Hans-Wolfgang Nickel

Das Tiyatron spielt „Keloglan". Der Taugenichts“  in deutscher und türkischer Sprache (ab 4). Die bunt-bewegte Inszenierung mit viel Musik transponiert den Dummling des Märchens in eine (immer noch märchenhafte) Pseudo-Realität mit kräftiger, überdeutlicher Moral.

Eine besondere Premiere im Grips. Mit der Gasag als Sponsor wurde eine „Autorenförderung“ realisiert; über 90 Entwürfe von jungen AutorInnen gingen ein; sechs wurden ausgewählt und – wie es zu Grips passt – in eine gemeinsame Arbeit hineingeholt, eine mehrtätige Autorenwerkstatt am Theater! Zwei Preisträger wurden ausgewählt; in szenischen Lesungen wurden ihre Entwürfe bereits vorgestellt. Grips wird mit ihnen zusammen die Stücke bis zur Uraufführung weiter entwickeln - das erste wird noch in diesem Jahr Premiere haben.

Thikwa hat Texte aus der Sammlung Prinzhorn zu einer Szenenfolge zusammengestellt. „Anwesend. Aufgehoben. Lebenszeichen aus der Anstalt“ ist aber mehr als das. Durch die klar gliedernde Inszenierung und die geschickte Nutzung einfacher Ausdrucksmittel (wenige, aber kräftige Farben, tänzerische Bewegung, ein vielfach chorisch geführtes, spielfähiges Ensemble, eine kommentierende und gleichzeitig die SpielerInnen führende Musik) werden Einblicke möglich in phantastische Welten, in seltsam vertraute singuläre Denkvorgänge - absurd und komisch, rührend und ernst.

„Two Fish“ überzeugt mit einer Idee. Das Konzept eines einstündigen Solo-Tanzstücks wird von sechs sehr unterschiedlichen Choreographen/Regisseurinnen in eine je eigene Fassung übersetzt und in den Sophiensälen einzeln und schließlich zusammenfassend in einem Marathon gezeigt.

Ebenfalls in den Sophiensälen die Jugendtheatergruppe „Jugendbewegung“ mit „Die Vergangenheit der Zukunft“ – eigentlich gedacht als eine Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihren „Zukunftsvisionen“; aber: „Zukunft scheint für Jugendliche selbst gar kein so brennendes Thema“ (aus dem Programmzettel). Die Aufführung ist also eher eine Verweigerung; das wird szenisch sehr deutlich in allgemeinen Reflexionen zu Zukunft und Vergangenheit. Die Verweigerung wird jedoch nicht expliziert; die Jugendlichen nehmen keine Stellung zu ihrer Abstinenz. Das heißt: auch das Persönliche der eigenen Verweigerung wird nicht preisgegeben. Faszinierend dabei, wie in dem weithin chorischen Spiel im uniformen Outfit mit den jeweils.

„Romeo und Julia“ im Hau 1 überfordert die Schauspieltruppe (die zu keinem einheitlichen Spielstil findet), den Regisseur (der zumeist nur grobe Aktionen arrangiert) und vor allem den Übersetzer und Bearbeiter, der die beiden verfeindeten Familien als Türken und Deutsche agieren lässt, sie aber weder sozial, noch sprachlich oder kulturell differenziert und das Stück in einer Irgendwie-Gegenwart ansiedelt. Das ist jammerschade; gerade in Kreuzberg bzw. Berlin wäre es wichtig, präzise auf das Mit- und Gegeneinander unterschiedlicher Kulturen einzugehen, den Zusammenstoß von Zivilisationen ernst zu nehmen und nicht lediglich einen Franziskaner durch einen Hodscha zu ersetzen.

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