| "Die Schüler arbeiten zu wenig, die Lehrer zu viel"
Heinz Klippert plädiert für eine systematische Unterrichtsreform.
Mit Klippert sprach Paul Schwarz.
Was läuft falsch an unseren Schulen?
Die PISA-Studie lenkt den Blick auf das Kerngeschäft der Lehrer, auf den Unterricht. Im Klassenzimmer entscheidet sich, ob eine Schule gut oder schlecht ist. Unser Unterricht krankt daran, dass die Schüler zu wenig und die Lehrer zu viel arbeiten. Viele Lehrer sind hyperaktiv. Sie fragen und antworten, halten Vorträge, schreiben das Tafelbild, organisieren und planen, interpretieren, analysieren, kontrollieren, lösen Probleme, managen das Lernen und nehmen damit dem Schüler die Chance Ähnliches zu tun. Wir stellen zu stark auf schematisches Lernen ab, auf Tafelbild und Hefteintrag, der deutsche Unterricht geht zu linear vom Lehrer zum Schüler und zurück. Er ist zu wenig auf das eigenverantwortliche und selbstständige Schülerlernen ausgerichtet und zu wenig auf Teambereitschaft und Teamfähigkeit. Der zweite entscheidende Befund: Die schwächeren Schüler werden zu wenig gefördert und aufgebaut. Dies hat damit zu tun, dass im deutschen Unterricht Frontalunterricht und Einzelarbeit bevorzugt werden und Schüler dabei auf der Strecke bleiben. Sie sitzen hilflos da, begreifen wenig oder gar nichts und kultivieren ihre Minderwertigkeitskomplexe.
Vergleichen Sie PISA mit ihrem Konzept. Wo verspricht es Besserung?
Durch die systematische Förderung von Teamentwicklung im Rahmen meines Programms und die Zusammenführung von Schülern bei der Aufgabenlösung werden Helfersysteme aufgebaut, von denen letztlich alle Schüler profitieren ("organisierte Nachhilfe!"). Durch die Betonung des tätigen Lernens und die kleinschrittige Förderung elementarer methodischer Routinen wie Markieren, Strukturieren, Visualisieren und Präsentieren werden die Begabungen der einzelnen Kinder gezielt mobilisiert. Das Neue Lernen stellt stark auf die selbstständige Beschaffung, Verarbeitung und Anwendung von Informationen durch die Schüler ab und begünstigt damit deren Lesekompetenz, die nach PISA entscheidende Kompetenz für die persönliche Entwicklung des Kindes und für sein Hineinwachsen in die Gesellschaft.
Was muss sich im Unterricht entscheidend verändern?
Dringend erforderlich ist mehr Methodenkompetenz auf Seiten der Lehrer und Schüler. Beide brauchen ein alltagstaugliches, reichhaltiges Methodenrepertoire. Das geht nicht theoretisch über Buch oder Vortrag, sondern nur in Workshops und Trainings. Wir müssen dem Schüler verstärkt Knobelaufgaben übertragen, experimentelle Aufgaben, wie es beispielsweise in Japan geschieht, wie wir aus PISA wissen. Bei uns wird alles im Unterricht unternommen, damit Schüler keinen Fehler machen. Der Lehrer nimmt das Heft in die Hand, aber wenn der Lehrer alles richtig macht, bedeutet das noch lange kein Themenverständnis und keine Klärung des Sachverhalts beim Schüler. Nur wenn Schüler Probleme selbst lösen, auch über Fehler und auf Umwegen, lernen sie eigenverantwortlich zu arbeiten.
Welche Konsequenzen hat diese Bestandsaufnahme für die Lehrerausbildung?
Wir brauchen insgesamt eine Qualitätsoffensive, die das Erfahrungslernen verstärkt, neue Methoden müssen erfahrbar werden. Das Methodenlernen kommt vor lauter Theorie in Didaktik, Fachwissenschaft und Lernpsychologie zu kurz. Zu wenig wird das alltägliche Handwerkszeug der Lehrerinnen und Lehrer in der Ausbildung praktiziert. Diese Trainingsarbeit ist eine zentrale Aufgabe und Herausforderung für die Lehrerausbildung und ein essentielles Merkmal der hier ins Auge gefassten pädagogischen Schulentwicklung.
Es geht um neue Routinen. Es gibt alte Routinen wie Tafelbild, Vortrag, das lehrergelenkte Unterrichtsgespräch, das gezielt gesteuert wird und punktgenau nach 45 Minuten endet. Wir brauchen neue Routinen im Sinne der Lernorganisation und Lernmoderation. Wie bringe ich Schüler dazu, einen Text zu markieren und zu strukturieren, ein Lernplakat herzustellen, einen Spickzettel zu schreiben und damit einen kleinen Vortrag zu halten, im Team kompetent und regelgebunden zu arbeiten? "Früher", berichtete mir neulich ein Lehrer aus seinem veränderten Unterricht, "fragten die Schüler, was ist ein Subsidiaritätsprinzip, heute fragen sie, wo ist das Lexikon?"
Genügt es, wenn einzelne Lehrer einer Schule sagen, wir machen einen neuen Unterricht nach Klippert?
Der Einzelne schafft es nicht, eine neue Lernkultur aufzubauen. Dagegen sprechen alle unsere Erfahrungen. Der einzelne Lehrer ist zu wenig präsent, er hat vielleicht drei oder fünf Wochenstunden in seiner Klasse. Das ist zu wenig, um ein alltagstaugliches Methodenrepertoire bei den Schülern aufzubauen. Er müsste sich auch einen Materialpool anlegen, zuviel Aufwand für den einzelnen Lehrer. Außerdem reagieren die Schüler in der Regel nicht sehr erfreut, weil es sehr anstrengend ist, wenn ein einzelner Lehrer versucht die Schüler im methodischen Bereich und im Bereich des eigenverantwortlichen Lernens und Arbeitens zu fordern. Er wird kritisch befragt und blockiert. Deshalb brauchen wir eine konzertierte Aktion in der Schule, mehr Lehrer auf Klassenebene, die die neue Lernkultur praktizieren. Nur wenn wir das Mittelfeld gewinnen, die Breite eines Kollegiums, kommen wir voran. Einzelkämpfer hat es schon immer gegeben, einzelne engagierte Lehrerinnen und Lehrer, aber sie haben keine Reform bewirkt. Wir brauchen deshalb auch eine Steuerungsgruppe bestehend aus Schulleiter, Stundenplanmacher etc., die den systematischen Prozess unterstützen. Dann läuft der Erneuerungsprozess wie zahlreiche Schulen in den Bundesländern überzeugend zeigen.
Nach PISA konnte und kann man einen bildungspolitischen Aktionismus beobachten. Welche Empfehlungen geben Sie den Politikern, wenn es gilt, Schule und Unterricht zu verändern?
Sie versuchen zu reagieren, dies zu ihrer Ehrenrettung. Das Problem ist, dass sie nicht konkret beim Unterricht ansetzen, obgleich PISA deutlich machte und auch Baumert, dass das Handwerkszeug der Lehrkräfte erneuert werden muss und die Lernorganisation. Wir lösen das Problem nicht, indem wir die Anwesenheitszeit der Schüler in der Schule verlängern, die Gestaltung des Unterrichts aber so lassen wie früher. Wir lösen das Problem auch nicht durch neue Lehrpläne oder neue Handreichungen, wenn wir nicht das Know How, das Lehrrepertoire der Lehrkräfte verändern. Es geht um mehr Nachhaltigkeit beim Wissenserwerb. Wir brauchen auch einen anderen Unterricht, weil wir veränderte Schüler haben, die nicht mehr so rezeptiv arbeiten können wie in früheren Zeiten. Das soziale Lernen muss verstärkt organisiert werden, und es gibt neue Anforderungen der Eltern und der Wirtschaft, z.B. die nach Schlüsselqualifikationen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungsdenken, nach mehr Selbstständigkeit und Methodenbeherrschung.
Von allen bildungspolitischen Seiten werden nach dem PISA-Schock Tests gefordert, in der Grundschule, in der weiterführenden Schule. Ist das Messen einheitlicher Standards nicht überfällig?
Ich bin nicht gegen einheitliche Standards, wohl aber gegen die angekündigte Test-Inflation. Das wird uns weder effektiveren Unterricht noch bessere Schülerleistungen bringen. Im Gegenteil: Zentrale Prüfungen verleiten erfahrungsgemäß dazu, die typischen Testaufgaben und "Sternchenthemen" exzessiv zu pauken und andere Kompetenzen über Gebühr zu vernachlässigen. Wenn PISA-E im Bereich Leseverständnis feststellt, dass vier der sieben am besten platzierten Ländern keine zentralen Prüfungen durchführen, dann ist das doch ein Indiz dafür, dass das Heil ganz sicher nicht von zentralen Prüfungen und Vergleichsarbeiten zu erwarten ist. Nach meiner Auffassung müssen wir vorrangig bei der Lehrerqualifikation ansetzen.
Die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer wächst, viele sind verzagt, kommen mit der neuen Schülergeneration immer weniger zurecht, die Kollegien vergreisen, soziale Probleme und Schulgewalt nehmen zu. Wie kann angesichts dieser äußeren und inneren Schulsituation ein Kollegium noch für Schul- und Unterrichtsentwicklung gewonnen werden?
Das Gros der Lehrkräfte eines Kollegiums lässt sich auf schulinterne Innovationsprozesse erfahrungsgemäß nur dann ein, wenn sie überschaubar sind, nicht zuviel Arbeit machen und möglichst bald greifbare Erfolgserlebnisse versprechen. So mancher Lehrer ist reformgeschädigt. Da glüht ein Reformchen auf, dort verglüht ein anderes. Wir brauchen Nachhaltigkeit unserer Reformen und eine systematische Veränderung von Schule und Unterricht, keine punktuellen Glühwürmcheneffekte. Die Erfahrungen und Evaluationen aus PSE in mehreren Bundesländern zeigen, dass dort, wo neue Lernformen kultiviert werden, die Lehrer entlastet werden, mehr Unterrichtserfolg und eine größere Berufszufriedenheit erleben. Je selbstständiger, zielstrebiger, kreativer, verantwortungsbewusster, disziplinierter, methodenbewusster, kommunikations- und kooperationsfähiger die Schüler werden, desto mehr können sich die Lehrer im Unterricht zurücknehmen.
Mit Heinz Klippert sprach Dr. Paul Schwarz |