Der Schlüssel zum Erfolg steckt innen
Wie generierendes Lernen funktioniert.
von Andreas Müller, Direktor Institut Beatenberg
Lernen ist nicht die Reaktion auf Lehren. Aber Lernen will gelernt sein. Gerade in Zeiten eskalierender Wandlungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft kommt der Lernkompetenz eine zentrale Bedeutung zu. Ihre Förderung fußt auf einer Grundhaltung, die – etwas holzschnittartig ausgedrückt – nicht von einem Prinzip des Belehrens ausgeht, sondern von einem des Lernens. Des generierenden Lernens.
Generieren heißt soviel wie erzeugen, etwas erschaffen. Erzeugt werden soll Wissen, natürlich aber auch Können und Wollen oder neudeutsch: Knowledge, Skills, Attitude.
- Knowledge steht für Wissen. Für ein lebendiges und anwendungsbezogenes Wissen, ein Wissen, das handlungsfähig macht. Und ein Wissen, das Antwort gibt auf die Frage: Was hat das mit mir zu tun?
- Skills ist ein Sammelbegriff für die Faktoren des Könnens, des Geschicks, der Fertigkeiten. Es geht um das „Gewusst-wie“, um die Fähigkeiten und Strategien zum Problemlösen und zum kontinuierlichen Weiterlernen.
- Unter Attitude ist all das zu verstehen, was sich an Haltungen und Einstellungen manifestiert: ein bisschen mehr zu tun als nur das Nötigste beispielsweise. Das zeigt sich auch in den Beziehungen zu sich, zu anderen Menschen und zu den Dingen. Sich nützlich zu machen ist eine Form davon.
Erfolgreich und Sinn stiftend
Das Ziel ist klar: Lernende sollen fit sein und fit bleiben für ihr Leben. Sie sollen sich den Herausforderungen gewachsen fühlen. Sie sollen selbstwirksam werden, an sich und ihre Fähigkeiten glauben lernen, anders ausgedrückt: fit for life. Anschlussfähigkeit ist ein anderer Begriff dafür. Gemeint ist das wechselwirksame Zusammenspiel von Wissen, Können und Wollen. Das entwickelt sich – unter anderem – in Abhängigkeit zur schulischen Ermöglichungsstruktur. Oder um es mit Hirnforscher Manfred Spitzer zu formulieren: „Wer Lernen für einen passiven Vorgang hält, der sucht nach dem richtigen Trichter. Wer aber Lernen als eine Aktivität versteht wie beispielsweise das Laufen oder Essen, der sucht keinen Trichter, sondern denkt über die Rahmenbedingungen nach, unter denen diese Aktivität am besten stattfindet.“ (Spitzer 2002)
Das heißt: Die Schule muss Umgebungen gestalten, die das Lernen erfolgreich werden lassen. Erfolg ist ein Dreh- und Angelpunkt. Die Kinder und Jugendlichen sollen die vielen tausend Stunden, die sie in der Schule verbringen, als gelingend und Sinn stiftend erleben. Diese Erfahrungen des „Ichkann- es“ stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Denn schließlich geht es darum, einen Grundstein zu legen für die Freude am Lernen und an der Leistung, die ein Leben lang anhält.
Generierendes Lernen
Ausgangspunkt ist eine Philosophie der Förderung von Selbstwirksamkeit. Aus Betroffenen werden Beteiligte. Das bedeutet, sich nicht ausgeliefert zu fühlen – anderen Menschen, Systemen oder den eigenen Unzulänglichkeiten. Im Gegenteil: Es geht darum, sich der eigenen Wirksamkeit bewusst zu werden.
Die Bereitschaft, den manchmal beschwerlichen Weg des Lernens auf sich zu nehmen, steht und fällt mit dem Glauben ans Gelingen. Das heißt: Eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit korrespondiert mit größerer Lern- und Leistungsfreude.
Operationalisiert ist diese Philosophie im Prinzip des Generierenden Lernens (Müller 2003). Es gliedert sich in drei integral miteinander verbundene und ineinander verwobene Komponenten: Antizipation – Partizipation – Reflexion.
- Klassisches Schülerverhalten ist in den Grundzügen ein reaktives, ein adaptives Verhalten. Generierendes Lernen setzt deshalb einen klaren Akzent im Bereich des proaktiven Denkens und Handelns. Denn Antizipation heißt: Vorausschauen, sich einstimmen, gedanklich hinter die nächste Kurve schauen.
- Partizipation meint: teilhaben, aktiver und mitgestaltender Teil dessen zu sein, was passiert. Es geht um das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun, etwas von Relevanz. Es geht um ein Beteiligt-Sein an der Arbeit (Verantwortung für die inhaltliche und formale Gestaltung) ebenso wie um ein Beteiligt- Sein bei der Arbeit (innere Präsenz).
- Reflexion zielt darauf ab, aus der Logik des Gelingens die Strategien für die Zukunft abzuleiten. Denn: Die Summe der Erfolgserfahrungen bildet eine sprudelnde Quelle der Zuversicht und der Motivation. Und das stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Raum und Räume schaffen
Die entsprechenden schulischen Settings müssen auch in den Köpfen Raum und Räume schaffen für eine individuelle Kompetenzentwicklung. Der einzelne Lernende mit seinen persönlichen Ressourcen und Fähigkeiten steht im Zentrum. In einer Gruppe sitzt dann eben nicht ein Dutzend SchülerInnen – es sitzt zwölf Mal ein Lernender da, zwölf Mal ein Mensch mit seinen Stärken und Schwächen. Und es ist Aufgabe der Schule, mit diesen Unterschieden konstruktiv umzugehen.
Das heißt: Es geht darum, Lernumgebungen zu gestalten, die in integraler Weise individuelle Förderung und gemeinschaftliches Lernen verbinden. Dazu braucht es auf der einen Seite offene Formen, die einen differenzierten Umgang mit Vielfalt ermöglichen. Andrerseits bieten strukturierte Formen die Möglichkeit eines systematischen Aufbaus im Rahmen kooperativer Lernformen.
Beispiel Institut Beatenberg
In alters- und leistungsdurchmischten Lernteams arbeiten die Lernenden einzeln und/oder in Gruppen an individuellen Vorhaben und persönlich relevanten Zielen. Intensivtrainings und Fachateliers in leistungshomogene Kleingruppen bieten die Möglichkeit eines systematischen Aufbaus fachlicher Kompetenzen, insbesondere in sprachlichen und mathematischen Bereichen. Aktiv werden jene täglichen Arrangements genannt, die den sportlichen, kreativen und handwerklichen Interessen Rechnung tragen. Und Arounds setzen regelmäßig spezielle inhaltliche und methodische Akzente mit dem Ziel, sich vertieft mit Phänomenen auseinander zu setzen.
Hilfreich sind Methoden und Werkzeuge, die Sinn stiftend und verbindlich zum Tun führen. Denn erst und ausschließlich im Tun manifestiert sich der Erfolg.
Alle Lernenden sind beispielsweise vertraut mit den Inhalten sämtlicher Fachgebiete quer durch alle Altersstufen hindurch. Die entsprechende Kommunikationsplattform wird Kompetenzraster genannt. Kompetenzraster definieren die Kriterien, das Was, und die Qualitätsstufen, Wo stehe ich, in präzisen „Ich-kann“-Formulierungen. Seit PISA ruft alle Welt nach klaren und transparenten Standards. Voilà! Zu diesen Referenzwerten bringen die Lernenden ihre Leistungen in Beziehung und setzen farbige Punkte in die entsprechenden Felder der Kompetenzraster. Auf diese Weise entwickelt sich für jedes Fach ein individuelles Kompetenzprofil. Die Lernenden sehen immer, wo sie stehen. Sie können ihre Situation anschaulich vergleichen mit den Anforderungen weiterführender Ausbildungen. Und sie können ihr Programm entsprechend bedürfnisgerecht gestalten. Der Ausgangspunkt der Entwicklung liegt immer beim „Ich-kann“. Auf den Kompetenzrastern werden diese archimedischen Punkte des Lernprozesses sichtbar gemacht.
Auf dieser Grundlage setzen sich die Lernenden eigene Ziele. Es geht darum, dem Lernen eine Richtung zu geben, es gestaltbar zu machen. Dazu dienen ihnen die Smarties. Sie sind so formuliert, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Lernnachweisen – und damit zu Erfolgserlebnissen – führen.
Das Layout, ein integrales Selbstführungs- und Reflexionsinstrument, hilft den Lernenden, sich den Erfolg zu organisieren. Lösungs- und entwicklungsorientierte Fragestellungen leiten zum Ziel und initiieren das Tun. Selbstevaluation und -reflexion führen täglich zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernen. Die wöchentliche Erfolgsbilanz versteht sich als intern attribuierte Selbstbestätigung: Ich kann etwas!
Der Schlüssel steckt innen
Eine repräsentative Auswahl von Arbeiten und anderen Leistungsausweisen findet sich im Lernportfolio. Die Lernenden dokumentieren – und kommentieren – damit ihre schulische und persönliche Entwicklung anhand authentischer Belege. Diese direkte Leistungsvorlage vermittelt einen vertieften Einblick in die Arbeit der Lernenden und ermöglicht eine differenzierte Beurteilung der Lernergebnisse.
Die Arbeit in offenen Settings und mit zielführenden Methoden fördert ein einsichtiges und erfolgreiches Lern- und Leistungsverhalten. Verhalten bildet sich aus Haltungen. Und diese Haltungen und Einstellungen sind es, die letztlich den Unterschied ausmachen. Klar: Wer etwas tut, nur um eine Belohnung – zum Beispiel eine gute Note – zu erhalten oder eine Strafe zu vermeiden, begibt sich in entsprechende Abhängigkeiten und delegiert die Verantwortung an andere. „Es stand nicht an der Tafel ...“ heisst die folgerichtige Bankrotterklärung. Und das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was Lernen eigentlich erzeugen sollte. Denn der Schlüssel zum Erfolg steckt innen.
Quellen
- Moll, Bruno: Fit for Life. Lernen ist eine Dauerbaustelle. Dokumentarfilm. hep-Verlag. Bern. 2003
- Müller, Andreas: Nachhaltiges Lernen. Oder: Was Schule mit Abnehmen zu tun hat. pepp-Medien. Beatenberg. 1999
- Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep- Verlag. Bern. 2001
- Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002
- Spitzer, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg/Berlin. 2002
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