Schule verändern! Aber wie?
Ein Bericht von der Fachtagung „Schulqualität und Schulstruktur“ am 14. März.
Zusammengefasst von Marliese Seiler-Beck
Schule neu denken!“, auch das wäre ein gutes Motto für die diesjährige Fachtagung zu den Entwicklungen in der Sekundarstufe I der Berliner Schule gewesen. Denn aus dem vielfältigen Angebot an Workshops haben die TeilnehmerInnen vor allem Themen gewählt, die konkrete Anregungen für die Unterrichtspraxis versprachen. Dazu zählten Arbeitsgruppen wie „Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen“, Individualisierung von Lernen“, „Alternative Methoden der Leistungsbewertung“, „Elterntraining“. Ausgehend vom Gedanken, dass Qualitätsverbesserungen des Unterrichts im bestehenden Schulsystem nur begrenzt erfolgreich sein werden, wurde in der Arbeitsgruppe „Die Gemeinschaftsschule als Alternative zum gegliederten Schulsystem“ ausführlich und engagiert diskutiert.
Der Tagungsort – die Robert-Jungk-Oberschule in Wilmersdorf – war der vollkommene Rahmen für diese Tagung und zeigte, dass Traumvorstellungen von Schule realisierbar sind: großzügige Räume, eine lichtdurchflutete Schulmensa, hervorragendes Essen, schülerfreundliches Mobiliar und ein wunderbar großer, gärtnerisch gestalteter Schulhof mitten in der Stadt.
Die Robert-Jungk-Oberschule ist eine deutschpolnische Europaschule, eine Gesamtschule mit gebundenem Ganztagsbetrieb, wobei in jeder Klassenstufe auch in Integrationsklassen gelehrt und gelernt wird. In der Schule gehört das bewusste Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen zum pädagogischen Alltag.
Nach der Begrüßung der TeilnehmerInnen durch die Schulleiterin Ruth Garstka und die Vorsitzende der GEW BERLIN Rose-Marie Seggelke und einer musikalischen Einlage vom deutsch-polnischen Chor der Schule ergriff Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende und Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der GEW, das Wort. In ihrem Vortrag stellte sie den Zusammenhang zwischen Qualität von Schulen – Lernkultur und Schulstruktur überzeugend dar:
Um deutschlandweit von guter Schule sprechen zu können, in der Chancengleichheit garantiert ist, nur geringe Leistungsunterschiede zwischen Einzelschulen bestehen und in der ein guter Zugang zu allen Bildungsgängen möglich ist, reicht es nicht aus, die Unterrichtsqualität und die Professionalität der LehrerInnen und der Schulleitung zu verbessern; nur die gleichzeitige Berücksichtigung der Schulstrukturfrage und der Rahmenbedingungen kann zu einer Qualitätsentwicklung von Schule führen.
Die GEW hat – zumindest in Schriftform festgehalten – einen starken Verbündeten für ihre Forderung, eine gute Schule für alle erreichen zu wollen: die Bundesregierung. So steht im Nationalen Aktionsplan für ein kindgerechtes Deutschland 2005 – 2010: „Die Bundesregierung hat es deshalb zu ihren vordringlichen Zielen erhoben, das selektive Bildungssystem umzugestalten und stattdessen die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes zum Herzstück einer neuen Bildungspoli- tik zu erklären. Wir gefährden unsere Zukunft, wenn wir weiter zulassen, dass die soziale Herkunft eines Kindes in dem Maß wie bisher über seinen Bildungserfolg und damit über seine Chancen im Leben entscheidet.(...) Das erfordert ein Umdenken: Statt Kinder frühzeitig ein- und auszusortieren, brauchen wir mehr Vertrauen in die Bildungsfähigkeit eines jeden Kindes. (...)“
Nur wie sieht die Realität aus? Frau Wolff, die hessische Kultusministerin, hat den Aktionsplan der Bundesregierung wahrscheinlich nicht gelesen. Sie vertritt die Auffassung, dass die Aufteilung nach Klasse 4 in unterschiedliche Schulformen die Zuweisung des individuellen Förderortes sei.
Rainer Domisch vom finnischen Zentralinstitut für Unterrichtswesen sagt hingegen: „Individuelle Förderung von Kindern, Schülerinnen und Schülern kann nur innerhalb eines gesamten Schulsystems gelingen, in dem Schulstruktur und Lernkultur einer ständigen Harmonisierung unterzogen werden und in dem Förderung als Grundprinzip des Unterrichts die tragende Säule darstellt.“
Marianne Demmer wies darauf hin, dass sich die Lehrkräfte in Deutschland offensichtlich lediglich mit der Lernkultur beschäftigen sollen, alles andere aber soll unangetastet bleiben. Die Lehrkräfte sollen eine moderne, individualisierende und fördernde Lernkultur verwirklichen, ohne entsprechende Fortbildung, ohne Unterstützungssysteme und trotz eines durch und durch selektiven Schulsystems. In Deutschland sollen LehrerInnen Helden sein.
Am Ende ihres Vortrags beantwortete Marianne Demmer die Frage „Wie ist die Beziehung von Schulqualität, Lernkultur und Schulstruktur?“ Alles hängt mit allem zusammen – man kann deshalb auch überall beginnen. Aber wenn Schulkultur, Schulstruktur und Lernkultur auf Dauer im Widerspruch miteinander bleiben, werden die Menschen in unserem Bildungssystem weiterhin zerrissen. Eva Besler, Marliese Seiler-Beck
GEMEINSCHAFTSSCHULE AUF DEM WEG ZUR SCHULE FÜR ALLE
Alle sind sich einig: Schule in Deutschland muss besser werden. Mit dem bisherigen Schulsystem ist nicht viel Staat zu machen. Viele Hoffnungen richten sich auf die Gemeinschaftsschule. Damit sie gelingt, darf sie allerdings nicht nur als Schulform – gar als X-te neue und zusätzliche – verstanden werden, sondern wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Pädagogik und ein neues Verständnis der Rollen und des Zusammenwirkens von Eltern, SchülerInnen und PädagogInnen. Paradigmenwechsel bedeutet einen Wechsel des Lehrerblickes auf die SchülerInnen. Es muss weniger die Tätigkeit des Lehrers, das Unterrichten, als die Aktivität des Schülers, der Schülerin, das Lernen, im Blickpunkt stehen. SchülerInnen müssen ermuntert und bestärkt werden zu lernen und nicht durch Beschämungen, Sitzenbleiben, Abschulung, Abstufung im leistungsdifferenzierten Unterricht, Lehrerbemerkungen wie „du gehörst hier nicht her“ demotiviert werden. In diesem Sinn liegt der Skandal weniger im Unterrichtsausfall als im Lernausfall.
In der Arbeitsgruppe Gemeinschaftsschule ging es nicht darum, konkrete Beispiele für eine Schule für alle zu erörtern – dafür gab es eine Literaturliste – sondern sich Randbedingungen für eine erfolgreiche Schule für alle vor Augen zu führen. Wichtig für diese Diskussion ist Klarheit darüber zu gewinnen, welche Rolle die handelnden Personen außerhalb von Schule, also in Politik und Wissenschaft und innerhalb spielen. Die zentrale Frage heißt: Was kann und muss jede Gruppierung in eigener Verantwortung und Handlungskompetenz zur Verbesserung der Situation beitragen?
Die Bildungssysteme der erfolgreicheren Länder unterscheiden sich von der Situation in Deutschland unter anderem an folgenden Punkten:
- Sie haben ein integratives, kein gegliedertes Schulsystem.
- Sie haben eine Verantwortungs- und Vertrauenskultur ausgebildet.
- Sie haben ein anderes Bild vom Schüler, der Schülerin (finnisches Denken: Anerkennung und Respekt sind Grundlage – nicht Beschämung. Stärkung und Ausbau vorhandener Fähigkeiten – statt Betonung der Defizite).
- Die Lehrkraft ist Lernberater – nicht Unterweiser.
- Es besteht ein gesellschaftlicher Konsens über die Bedeutung insbesondere der frühen Bildung.
- Es existieren nationale Bildungsziele.
Die Diskussion in der Arbeitsgruppe zeigte, dass keineswegs alle LehrerInnen ihre Funktion als Bollwerk für das etablierte Schulsystem sehen. Im Gegenteil, sie sehen eine Chance im gleichzeitigen Vorantreiben der Verbesserung der Lernkultur und der Schaffung von Schulstrukturen, die dieser Lernkultur angemessen sind, der Gemeinschaftsschule. Lothar Sack
REGES INTERESSE AN SOL, DEM WORKSHOP ZUM SELBSTORGANISIERTEN LERNEN
Wolfgang Schwarz bot einen Schnupperkurs an. Er hat Erfahrungen mit SOL im Physikunterricht gesammelt und dieses Konzept zumeist im Rahmen von zweitägigen Fortbildungen für das LISUM an interessierte KollegInnen weitergegeben. Der zeitliche Rahmen auf der Fachtagung war auf zweieinhalb Stunden begrenzt. Trotz allem sollte nicht nur ein theoretischer Vortrag Inhalt der AG sein. Die TeilnehmerInnen sollten durch eigenes Tun eine Vorstellung von dem Konzept bekommen, damit sie in ihrem Schulalltag schon sinnvoll experimentieren können. Das ist gelungen.
Die Idee von SOL geht davon aus, dass den SchülerInnen die Möglichkeit geboten wird, schrittweise selbstständiges und selbstverantwortliches Arbeiten einzuüben. Die traditionelle Rolle der LehrerInnen als dominierende Wissensvermittler wird dabei allmählich von der eines Lernberaters abgelöst. Mit einem sogenannten loop-input wurde den TeilnehmerInnenn die didaktische Grundidee von SOL vorgeführt. Mithilfe einer Lernkarte wurden die anderen grundsätzlichen Elemente, nämlich das Sandwich-Verfahren und das Gruppenpuzzle eingeführt.
Die praktische Anwendung – die TeilnehmerInnen entwarfen in Gruppen eine Lernkarte zu selbstgewählten Themen in von ihnen bestimmten Fächern – veranschaulichte nicht nur die Vorgehensweise, sondern überzeugte auch dahingehend, dass am Ende alle mit der Einsicht weggingen, SOL ist in jedem Fach anwendbar. Allerdings sollte in den Kollegien dieses Konzept soweit verankert sein, dass sich die SchülerInnen in den unterschiedlichen Fächern und vielleicht sogar fächerübergreifend immer wieder darin üben können, um ihr eigenständiges Arbeiten zu entwickeln.
Leider werden die Workshops zu SOL nicht mehr zentral angeboten, man kann sich aber auf der Bezirksebene Mediatoren an die Schulen holen. Sinnvoll ist es dann, mit einer anderen Schule zu kooperieren, damit zum einen die Workshops für eine fruchtbare Arbeit groß genug sind und zum anderen der Erfahrungsaustausch auf einer breiteren Basis fußt. Detlef Lange
KOMPETENZRASTER ALS MÖGLICHKEIT DES SELBSTVERANTWORTLICHEN LERNENS
Kompetenzraster sind ein weiterer Baustein zur Individualisierung des Lernens. Kompetenzraster können als Fortführung der Wochenplanarbeit, die ja hauptsächlich in der Grundschule stattfindet, für den SEK I-Bereich verstanden werden. Sie können durch einen Lernplaner ergänzt werden, der selbstbestimmte Ziele des Schülers/der Schülerin beinhaltet.
Die Kompetenzraster werden seit der Einführung der Bildungsstandards von reformorientierten Schulen und in Projekten zur Unterrichtsentwicklung erprobt und werden von Wissenschaftlern, die sich mit Lernmotivation beschäftigen, als Werkzeuge für den Lernfortschritt beim eigenverantwortlichen Lernen betrachtet.
Ein grundlegender Artikel von Andreas Müller vom Schweizer Institut Beatenberg wurde in Kleingruppen besprochen. Die Quintessenz der Diskussion war, dass es für die SchülerInnen von großer Wichtigkeit ist, ein Orientierungsmuster für jedes einzelne Fach zu haben. Den SchülerInnen hilft es, den eigenen Lernstand einzuschätzen und längerfristige Ziele in bestimmten Kompetenzbereichen zu entwickeln. Für die Lehrkräfte ist das Kompetenzraster zunächst ein Planungsinstrument.
Mit einem Kompetenzraster werden die Anforderungen transparenter. Es besteht die Möglichkeit, Lernerfolge sichtbar werden zu lassen und Ziele zu erkennen.
Aus zeitlichen Gründen war es nicht möglich, die Aspekte des Themas umfassend zu diskutieren. Daraus resultierte der Wunsch, das Gespräch darüber bei einer weiteren Fortbildung zu vertiefen. Monika Falkenhagen
ERFOLGREICH MIT DEN ELTERN INS GESPRÄCH KOMMEN
Wenn Eltern auf die gleiche Weise wie wir TeilnehmerInnen lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen, über eigenes Verhalten nachzudenken, Gesprächsbarrieren und Killersätze kennenzulernen, dann können auch skeptische LehrerInnen nachvollziehen, weshalb Eva Schmoll an der Nikolaus- August-Otto-Hauptschule mit ihrem Elterntraining so erfolgreich ist. Seit vier Jahren werden dort vielen Müttern, Vätern und Kindern Wege aus der Beziehungssackgasse gezeigt.
Eva Schmoll hat vielfältiges hervorragendes Material zusammengestellt, mit dem gearbeitet wird: Karikaturen, die Erziehungschaos darstellen, Konfliktsituationen, Killersätze von Kindern, mit denen sich Erziehungspersonen auseinandersetzen müssen. Dazu gibt es dann jeweils Bögen mit Lösungshinweisen. Nach der Methode des Stationenlernens haben wir dieses Material mit viel Erkenntnisgewinn und Begeisterung bearbeitet und den Blick für eigene Kommunikationsdefizite geschärft.
Es besteht weiterhin das Angebot vom LISUM, KollegInnen für das Elterntraining zu qualifizieren. An zwei Durchgängen haben bereits vor allem KollegInnen von Hauptschulen teilgenommen, darunter auch LehrerInnen mit Migrationshintergrund. Jetzt wird eine neue Gruppe zusammengestellt, für die noch Anmeldungen möglich sind. Eva Besler
Auch wenn einige organisatorische Ungereimtheiten auftraten, war das Feedback auch in diesem Jahr gleichermaßen von ReferentInnen wie von TeilnehmerInnen überwältigend positiv. |