Auf dem Weg zum Billig-Lehrer
Der Einsatz von Ein-Euro-Jobbern an den Schulen ist politisch gewollt.
von Matthias Holland-Lentz
Den Hausmeister unterstützen? In der Schulbibliothek mit anpacken? Ein-Euro-Kräfte an Schulen leisten längst viel mehr. Allein in Berlin erfüllen rund 1.500 Ein-Euro-Jobber pädagogische Aufgaben, schätzen Personalräte. Diese Tätigkeiten bewegen sich zwar rechtlich auf dünnem Eis. Doch Gewerkschafter fürchten: Der Einstieg hin zum Billig-Lehrer ist politisch gewollt.
Berlin-Neukölln, Ortsteil Britz. Der Besucher verlässt den U-Bahnhof Britz- Süd und geht hinüber zur Bruno-Taut- Grundschule. Der Weg führt durch einen Park. Ahorn und Eichen stehen hier – und blickdichte Sträucher. Ein ideales Gelände für Exhibitionisten. „Unsere Schüler wurden morgens und nachmittags belästigt“, erzählt Stephan Kinzel, Leiter der Bruno-Taut-Grundschule. Und das jahrelang. „Die haben ihre Hose aufgemacht und den Schniedelwutz gezeigt“, so der 53-Jährige, an dessen Schule rund 400 Mädchen und Jungen lernen. Doch endlich sei Schluss mit dem Treiben, verkündet Schulleiter Kinzel. Denn seit vergangenen Juni tritt täglich die Schulweg-Sicherung auf den Plan: Ein-Euro-Kräfte, die rund um das Schulgelände patrouillieren. Sie tragen ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Schulwegsicherung“ an der Jacke und sind „präsent“, so Kinzel. Zwei kontrollieren von morgens halb acht bis mittags halb zwei. Zwei weitere sind von mittags zwölf bis achtzehn Uhr unterwegs. Für Stephan Kinzel ein Beispiel, wie segensreich Ein-Euro-Kräfte wirken können. „Auch die umliegenden Kindergärten freuen sich darüber“, sagt er.
„Sie unterrichtet für einen Euro pro Stunde“
Ob in Nürnberg, Iserlohn oder im südhessischen Kreis Bergstraße: Ein-Euro- Kräfte haben an vielen Schulen Einzug gehalten. Sie beaufsichtigen die Toiletten, helfen in der Schulbibliothek oder betreuen die Chemiesammlung. Sie warten PCs und schnibbeln Möhren und Kartoffeln in der schuleigenen Mensa. Doch längst übernehmen sie auch pädagogische Aufgaben. Billig-Löhner arbeiten im Selbstlernzentrum, wo sie Schülern beim Lösen einfacher Aufgaben helfen. Andere unterstützen die Schulsozialarbeiterin, wenn diese Schulschwänzer und deren Eltern aufsucht. „Sie unterrichtet für einen Euro pro Stunde“, lautete die Schlagzeile des Hamburger Abendblatts am 18. Januar 2006. In dem Zeitungsbericht geht es um Mascha Kühl, 32 Jahre alt, Magisterabschluss in Anglistik, Amerikanistik und Spanisch. Als Ein-Euro-Kraft bringt sie Migrantenkindern Deutsch bei – im Rahmen eines Projektes, das vom Schulamt des norddeutschen Kreises Segeberg und der Stadt Norderstedt realisiert wird.
Die Berliner Bruno-Taut-Grundschule beschäftigt derzeit zwölf Arbeitslose mit Ein-Euro-Job. Zwei von ihnen gehen „mit in die Klasse“, wie es Schulleiter Stephan Kinzel nennt.
Zum Beispiel Bernd Lohöfer, 44 Jahre alt, ehemaliger EDV-Dozent. Er ist der 5c zugeteilt, unterstützt dort den Lehrer Bernd Waldheim. Wenn die Schüler in ihre Hefte schreiben, geht er umher und schaut, ob sie auf Rechtschreibung und Grammatik achten. Er hilft, wenn die Kinder für eine Wandzeitung Bilder ausschneiden und aufkleben. Er sitzt hinten im Klassenraum, beobachtet und sorgt anschließend für ein Feedback zum Unterrichtsverlauf. Bernd Waldheim ist voll des Lobes. „Wenn man zu zweit ist, lassen sich Fehler schneller revidieren“, sagt der 46-jährige Pädagoge. Die Kinder, so Waldheim weiter, nutzen Lohöfer gerne als Anlaufstelle und sagen ihm, „was sie dem Lehrer nicht sagen würden“.
Auch Mütter und Väter sind beglückt. „Eigentlich“, könnte jede Klasse „einen Herrn Lohöfer dringend gebrauchen“. So steht es in einem Brief, den die Elternvertreter der 5c am 26. September 2006 an Schulleiter Kinzel schrieben. Seit Lohöfer Einzug gehalten habe, „ist eine intensivere Unterrichtsgestaltung möglich geworden“, heißt es dort. „Wir, die Eltern und Kinder der 5c, möchten uns unbedingt für den Verbleib von Herrn Lohöfer als Unterstützung im Unterricht einsetzen.“
Der Wunsch der Eltern wurde erhört. Lohöfer arbeitet nun bis zum 30. Juni 2007 an der Britzer Grundschule. Wie lange er denn schon hier sei, fragen wir ihn. „Seit September 2004“, antwortet Lohöfer. „Ununterbrochen.“
Schulleiter Stephan Kinzel will jedoch eines klarstellen: Er sei strikt dagegen, Ein-Euro-Leute alleine unterrichten zu lassen. Keinesfalls sollen sie kranke Lehrer in der Klasse vertreten. „Ich würde den Unterricht lieber ausfallen lassen“, sagt er. Denn: „Wenn wir damit anfangen, habe ich kein Argument mehr, nicht alle Lehrer auf Ein-Euro-Basis zu beschäftigen.“
Berlin: 3.000 Ein-Euro-Kräfte an Schulen
Jürgen Schulte vom Berliner Gesamtpersonalrat Schulen schätzt, dass etwa 3.000 Ein-Euro-Jobber an Berlins allgemeinbildenden Schulen tätig sind. Bei rund 29.000 Lehrerstellen bedeutet das grob gerechnet: Auf je zehn Lehrerstellen in der Hauptstadt kommt eine Ein- Euro-Kraft. „Mindestens 50 Prozent von ihnen“, schätzt Personalrat Schulte, werden für pädagogische Aufgaben oder „im pädagogischen Randbereich“ eingesetzt.
Beispiele finden sich schnell. Ein MAE-Mann berichtete im Mai 2006 über seinen Einsatz an einem Berliner Gymnasium: Er „als Nicht-Pädagoge“ sei „regelmäßig zur Aufsicht von Schulklassen herangezogen“ worden. Und: „Selbstverständlich wird in solchen Fällen seitens der Schule darauf hingewiesen, dies nicht dem Maßnahmenträger oder dem Jobcenter zu melden.“ Bereits am 3. März 2005 schrieb der Berliner Tagesspiegel über die Robert-Jungk-Gesamtschule in Wilmersdorf. Dort, so das Blatt, versuche Schulleiterin Ruth Garstka „eine junge Frau mit erstem Lehrerstaatsexamen, die auf ihr Referendariat wartet, als Ein-Euro-Kraft einzustellen“. Die Frau, so der Tagesspiegel damals, „soll Kollegen im Unterricht unterstützen“. Es sei denkbar, wird Ruth Garstka zitiert, „dass sie auch mal allein vor einer Klasse stehe“. Da beantragte die Pusteblumen-Grundschule in Marzahn- Hellersdorf im Frühjahr 2006, Detlef E. und Anja E. als Ein-Euro-Kräfte einzusetzen. Beide sollen sich um „Leseförderung“ kümmern sowie um „Einzelbetreuung von Kindern mit erhöhtem Förderbedarf“. Ob die beiden Alg II-Empfänger dafür qualifiziert sind, scheint weniger zu interessieren. Detlef E. ist Fahrlehrer von Beruf, Anja E. hat Industriemechanikerin gelernt.
Der Berliner Landesverband der GEW ist grundsätzlich dagegen, Ein-Euro- Kräfte an Bildungseinrichtungen einzusetzen. Denn bereits jetzt, so die GEW, hätten MAE-Kräfte sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen Dienst von Berlin verdrängt. Allerdings: Der Kampf gegen Hartz IV müsse auf „politischer Ebene“ geführt werden. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften seien hier in der Pflicht. Doch die Berliner GEW sieht auch Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Die Personalräte könnten den Einsatz von MAE-Kräften an Berlins Schulen im Rahmen der Mitbestimmung zumindest „als Leistungsmissbrauch offen legen und einschränken“. So steht es in der Handreichung für Personalräte der Berliner GEW. Dazu sei es notwendig, „jede Einzelmaßnahme auf ihre rechtliche Zulässigkeit zu überprüfen“, heißt es dort. Wichtigstes Prüfkriterium: Ist die beantragte Arbeitsgelegenheit wirklich zusätzlich, wie es das Gesetz verlangt? Oder geht es lediglich darum, Personallücken mit Hilfe von Billiglöhnern zu schließen?
Der Kampf um Mitbestimmung
Wir treffen Hartmut Schurig, Lehrer- Personalrat im Bezirk Marzahn-Hellersdorf und stellvertretender Vorsitzender der GEW BERLIN. Der 47-Jährige ist im Hauptberuf Lehrer für Mathematik und Physik. Auf Schurigs Schreibtisch landen die Anträge von Schulen des Bezirks, die Ein-Euro-Kräfte beschäftigen möchten. Er stellt klar: Wenn es darum geht, dass MAE-Leute wie in Britz außerhalb des Schulgeländes die Wege sichern, „dann würde ich nicht ablehnen“. In diesem Fall würde er Zusätzlichkeit unterstellen und den Antrag durchgehen lassen. Doch Hartmut Schurig weiß von ganz anderen Anträgen. Er zeigt auf einen Aktenordner. Da will eine Schule die Ein-Euro-Kraft für „Unterstützung der Projektarbeit an der Schule“ einsetzen. An einer anderen Schule soll ein Billiglöhner die „AG Kunst unterstützen“. Weitere Ein-Euro-Kräfte werden angefordert, um das Computernetzwerk der Schule zu warten. Oder es geht um „Betreuung im Offenen Ganztag“. „Angeblich alles zusätzlich“, sagt der GEW-Mann und schüttelt den Kopf. Im Übrigen, so Schurig: „Wir sind ja sehr dafür, dass ein zweiter Mann im Unterricht ist“. Aber „nicht für eineinhalb Euro die Stunde.“
Der 47-Jährige berichtet jedoch, dass ein Nein des Personalrats den MAE-Einsatz derzeit in vielen Fällen nicht verhindert. Die zuständige Dienstbehörde akzeptiere die Ablehnung nicht, so Schurig. „Und es wird einfach vollzogen“. Der Ein-Euro-Jobber darf also loslegen.
Und wie sieht die Sache rechtlich aus? Die Lehrer-Personalräte hätten gar nicht das Recht, sich einzumischen, fand die Berliner Senatsverwaltung für Bildung. Schließlich gehe es um MAE-Jobs. Das seien keine Arbeitsverhältnisse – also greife auch das Mitbestimmungsrecht nicht, argumentierte die Behörde. Der Personalrat der zentral verwalteten und berufsbildenden Schulen Berlins zog vor Gericht – und gewann. Das Verwaltungsgericht Berlin entschied am 7. September 2005: Die Senatsverwaltung habe zwei MAE-Kräfte an Schulen „eingegliedert“, ohne „zuvor das Mitbestimmungsverfahren durchzuführen“. Inzwischen äußerten sich weitere Gerichte zum Thema. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof urteilte: Jawohl, die Personalräte besitzen ein Mitbestimmungsrecht. Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz entschied: Nein, dem ist nicht so.
Doch der Sieg vor dem Berliner Verwaltungsgericht am 7. September 2005 nützt den GEW-Personalvertretern wenig. Denn in einem weiteren Urteil, ergangen am 12. September 2006 gegen den Personalrat Marzahn, befand das Gericht: Der Personalrat habe nicht die Aufgabe, die Zusätzlichkeit einer MAETätigkeit zu prüfen. Das sei nicht dessen Job. Der Marzahner Personalrat will dieses Urteil nicht hinnehmen – und geht in die Berufung.
GEW-Schulleiter contra GEW-Personalräte
Doch GEW-Personalräten, die Ein-Euro- Jobs an Schulen höchst kritisch sehen, weht noch aus anderer Richtung ein scharfer Wind ins Gesicht: Aus der GEW selbst. „Wir brauchen die Ein-Euro- Kräfte“, heißt es etwa an der Reinhardswald- Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Hier arbeitet Schulleiter Werner Munk, „GEW-Mitglied seit 1974“, wie er sagt. Munk und sein Lehrerkollegium organisierten im März 2006 eine Unterschriftensammlung. „Wir Beschäftigte der Reinhardswald-Grundschule“, heißt es dort, „fordern die ... Personalräte auf, ihre derzeitige, grundsätzliche ablehnende Haltung ... aufzugeben“. „Aus unserer Sicht“, so der Text weiter, „gibt es kaum ein sozialeres, sinnvolleres und wertvolleres Einsatzfeld für MAE-Beschäftigte als die Schulen“. Und: „Wer dies bekämpft, kämpft gegen die Festbeschäftigten, indem er/sie zur drastischen Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen beiträgt.“ 75 Festangestellte, darunter viele GEW-Mitglieder, erzählt Schulleiter Munk, hätten diesen Text unterschrieben.
Munks Ganztagsschule wird von rund 780 Mädchen und Jungen besucht. 57 Lehrkräfte und 25 Erzieherinnen arbeiten hier. 15 Ein-Euro-Kräfte packen mit an. Davon werden drei „zur Unterstützung der Lehrerarbeit, vor allem zur Begleitung verhaltensauffälliger Schüler eingesetzt“, erklärt Munk. Der 55-Jährige betont, wie dankbar viele MAE-Kräfte für den Job sind. „Ich mache die Leute glücklich“, sagt Munk. Die Alg II-Empfänger kämen endlich wieder unter Leute. Einer habe erzählt: „Ich kann seit Jahren zum ersten Mal wieder durchschlafen“. Auch Bernd Lohöfer von der Bruno-Taut-Grundschule ist zufrieden mit seinem Job. Die Arbeit mit den Kindern bereite ihm Freude, betont er. Und mit Lehrer Waldheim verstehe er sich bestens. Ob er sich unterbezahlt fühle? Lohöfer verneint. Zusammen mit dem Alg II komme er auf einen Stundenlohn von sieben Euro, sagt der 44-Jährige. Mehr Lohn gebe der Markt derzeit nicht her. Doch ihn wurmt, dass er „nach dem Tagelöhner-Prinzip“ bezahlt werde. Lohhöfer: Den Stundenlohn bekomme er nur, „wenn ich nicht krank bin und kein Feiertag ist“.
Viele Ein-Euro-Jobber hingegen sind unzufrieden. Einen treffen wir an der Bruno-Taut-Grundschule. Er sei 37 Jahre alt und von Beruf Datenverarbeitungskaufmann und Systemadministrator. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen. Er sei zuständig für die Wartung der 60 PCs an der Grundschule. „Ich helfe, wo ich kann“, knurrt er. Aber: „Ich bin der Meinung, dass das ein fester Job sein müsste“.
Neues Berufsbild: Lehrerassistent
Ortswechsel. Dietmar J. Bronder ist Leiter der Hauptschule Duisburg- Laar. Auch er hat kein Problem damit, Ein-Euro- Kräfte an Schulen einzusetzen. Ganz im Gegenteil. Bronder propagiert einen neuen Beruf, den des Lehrerassistenten. „Ärzte haben Arzthelferinnen, Rechtsanwälte haben Anwaltsgehilfinnen.“ Nur im Lehrerberuf „waren bislang Gehilfen unbekannt“. So der Schulleiter, der gleichzeitig Vorsitzender des Bundesverbandes der Schulfördervereine (BSFV) ist in einer Publikation. Er fordert, dass Hilfskräfte den Lehrerinnen und Lehrern Arbeit abnehmen – vom Kopieren von Arbeitsblättern, der Lehrmittelverwaltung bis hin zur Organisation von Klassen- und Studienfahrten. Außerdem könnten sie „Schülern beim Onlinelernen behilflich sein“ oder bei Nacharbeit „die Beaufsichtigung übernehmen“.
Bronder frohlockt: „Mit Hartz IV besteht nun eine konkrete und bezahlbare Möglichkeit, Assistenzberufe in die Lehrerzimmer zu holen.“ An seiner eigenen Schule habe er damit beste Erfahrungen gemacht. Die Stimmung im Kollegium habe sich deutlich gebessert. Seitdem es hier Lehrerassistenten gebe, erzählt Bronder, „haben wir viel weniger Fehlzeiten bei Lehrern“. Bronders Hauptschule ist klein. Lediglich 150 Schüler besuchen die Schule. 15 LehrerInnen unterrichten. Sie werden durch fünf Lehrerassistenten entlastet, allesamt Ein-Euro-Jobber. „Damit kommt auf je drei Lehrer eine Hilfskraft“, rechnet Dietmar F. Bronder vor. Mit der Qualifikation der Ein-Euro-Kräfte ist der Schulleiter hochzufrieden. Im Schuljahr 2004/2005, berichtet er, „hatten wir einen Doktor der Geologie, einen Diplom- Kaufmann, einen Systeminformatiker, einen Kaufmann und eine Bürofachkraft“. „Bei einem hohen Niveau der Arbeitslosigkeit“, schreibt Bronder in einem Aufsatz für das Schulleiter-Handbuch des Raabe-Verlags, seien in „zunehmendem Maße auch qualifizierte Arbeitnehmer und Akademiker“ betroffen. Diese seien „im Alter jenseits der 40 kaum noch vermittelbar“, erkannte der Duisburger Schulleiter. „Aber“, lobt Dietmar F. Bronder, „sie sind hoch qualifiziert und deshalb als Gehilfen im Schulbereich vielfältig einsetzbar“.
In Großbritannien kennt man ebenfalls den Beruf des Lehrerassistenten. Highly qualified assistance teacher heißen sie dort. Die Lehrergewerkschaft NASUWT (National Association of Schoolmasters – Union of Women Teachers) unterzeichnete ein Abkommen mit der britischen Regierung. Darin steht, welche Tätigkeiten die assistance teacher übernehmen können, um die Lehrer von Verwaltungsarbeit zu entlasten. Die Liste reicht von Geld einsammeln, Eltern von Schulschwänzern aufsuchen, Standardbriefe anfertigen bis hin zum Schülerdaten verwalten. „Teilweise nervtötende und zeitraubende“ Arbeiten, urteilen Hamburger GEWler, die im Februar 2006 nach England fuhren, um sich über das dortige Schulsystem zu informieren. Sie signalisieren durchaus Sympathie für die Idee, Lehrern derlei Tätigkeiten abzunehmen. Doch, so fragen sie, bestehe nicht die Gefahr, dass die Arbeitgeber diese Entlastung nutzen, um „die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer zu erhöhen?“ Zumindest die NASUWT sehe „zurzeit“ diese Gefahr nicht. Dennoch: Es könnte der Einstieg in ein Billig-Lehrer-Konzept sein, befinden englische und Hamburger Gewerkschaftler.
Hessen geht voran
Und in Deutschland? Gut, es gibt die Ein-Euro-Kräfte im Unterricht, es gibt die Idee vom Lehrer-Gehilfen – aber deshalb stehen Billig-Lehrer doch nicht vor der Tür. Oder?
In Hessen jedenfalls machen sich viele Lehrerinnen und Lehrer derzeit Sorgen. Zu Beginn des Schuljahres 2006/ 2007 drückte die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) das Konzept „Unterrichtsgarantie Plus“ durch. Dessen Ziel ist zwar löblich: Verlässliche Unterrichtszeiten für alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 10, von der ersten bis zur sechsten Stunde. Fällt eine Lehrkraft kurzfristig aus, so springt eine Vertretungskraft ein. Doch Hessens GEW kritisiert: Auch Nicht-Pädagogen gehören nun zum Vertretungspool. Auch Eltern, Studenten, Pensionäre oder Übungsleiter von Sportvereinen werden auf Hessens Schüler losgelassen – gegen Stundenlohn. Wer ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann, erhält 20 Euro pro Unterrichtsstunde. Alle anderen müssen sich mit 15 Euro pro Stunde begnügen. Hinzu kommen die Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitgebers. „Die Arbeitssituation der Vertretungskräfte ist prekär“, kritisieren die Schulpersonalräte der Stadt Frankfurt. „Sie müssen abrufbereit und flexibel einsetzbar sein.“ Die Bezahlung beziehe die Bereitschaftszeit nicht mit ein. Die Aushilfskräfte hätten folglich keine finanzielle Sicherheit. GEW-Aktive kritisieren zudem, dass vielen Vertretungsleuten die pädagogische Qualifikation fehle. Die „ständige Fluktuation dieser Hilfskräfte“ bringe „Unruhe in die Schulen“. Kontinuierlicher Unterricht könne so nicht garantiert werden. Eltern und Schulleiter berichten inzwischen von Aushilfskräften, die im Klassenraum völlig überfordert sind. Die GEW Hessen hat gemeinsam mit Landesschülervertretung und dem Elternbund Hessen eine eigene Umfrage unter dem Motto „Die Spitze des Eisberges“ gestartet. Bis zum Februar 2007 werden die längerfristigen Erfahrungen mit dem Projekt „Unterrichtsgarantie Plus“ an den Schulen gesammelt und danach die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt.
Zeitarbeitsfirmen stehen bereit
Kultusministerin Karin Wolff hingegen spricht – 100 Tage nach dem Start des Projektes – von Erfolg. Der Stundenausfall läge nun „im Promillebereich“. Hessens Schulen hätten „über 12.000 Vertretungskräfte“ in ihre Pools aufgenommen – „ganz überwiegend“, so die Ministerin, seien dies „qualifizierte Personen mit pädagogischem Hintergrund“. Die GEW Hessen warnt derweil: Die private Wirtschaft stehe bereit, um sich an Hessens Schulen neue Märkte zu erschließen – mit der Vermittlung von Aushilfskräften. „Unternehmensberatungen und Zeitarbeitsfirmen haben schon ihr Interesse an diesem Geschäft bekundet.“
Auszug aus der Broschüre GEW-Privatisierungsreport 3 „Unternehmen Schule: Von Billig-Lehrern, Schülerfirmen und Public Private Partnership, Hrsg. vom Hauptvorstand der GEW, Frankfurt a.M. 2007. Der vollständige Text der Broschüre steht auf der Internetseite der GEW: www.gew.de |