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Nr. 07-08 / 2007: Auswirkungen des Bachelor aus Sicht der Studierenden

Auswirkungen des Bachelor aus Sicht der Studierenden

Ergebnisse einer Befragung an der Humboldt-Universität.

von Diana Greim, stellvertretende Landesvorsitzende
 

Dass die Einführung von Bachelor und Master nicht so erfolgreich läuft, wie geplant, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Dass vor allem die Studierenden mit den negativen Effekten kämpfen müssen, wurde nun durch eine groß angelegte Befragung von Studierenden an der Humboldt-Universität zu Berlin nachgewiesen. Im Sommersemester 2006 wurde über Flyer, Plakate und Infostände für die Teilnahme an der Befragung geworben. Insgesamt haben 9 Prozent, das heißt 2.873 Studierende teilgenommen, davon 60 Prozent Frauen. Der Studie vorangegangen war die Häufung Rat suchender Studierenden im Sozialberatungssystem des ReferentInnenRates der HU Berlin, die in der Regel Schwierigkeiten hatten, ihr arbeitsintensives Studium mit Erwerbsarbeit, Kindern oder anderen Lebensumständen zu vereinbaren. Die Probleme dieser Studierenden wurden seitens der Hochschule als Einzelfälle abgebügelt. Daher entstand das Projekt „Studierbarkeitsumfrage“, um zu prüfen, ob es sich bei diesem Problem wirklich nur um Einzelfälle handelt. Am 14. Mai wurde die Studie im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert. Im Folgenden soll ein Teil der Ergebnisse präsentiert werden.

Mandy, 21, aus Prenzlau, die ebenfalls an der Befragung teilgenommen hat, studiert im vierten Semester den konsekutiven Kombibachelor Deutsch und Französisch auf Lehramt und möchte später als Studienrätin arbeiten.

Anfängliche Freude schwindet

Am Anfang war sie über die eher verschulte Studienordnung sehr froh, da sie sich mit der Planung des Studiums einfacher zurechtfand. Mittlerweile fällt ihr dies schwerer, denn verschiedene äußere Umstände machen es ihr fast unmöglich innerhalb der Regelstudienzeit ihren Bachelorabschluss zu schaffen. Da sie zwei verschieden Fächer studiert, muss sie diese in der Semesterplanung miteinander kombinieren. In den letzten Semestern hat sich oft gezeigt, dass Pflichtveranstaltungen parallel angeboten werden oder sie Kurse wegen TeilnehmerInnenbeschränkungen nicht besuchen konnte. Dass dieses Problem kein Einzelfall ist, zeigen die Ergebnisse der Studie. So geben 58 Prozent der Befragten an, dass ihre Studienfächer sehr schwierig zu kombinieren seien. Mandys Studiengang gehört dabei zu denen mit den größten Schwierigkeiten – hier gaben 74 Prozent an, das Lehrangebot ihrer Fächer nicht optimal miteinander kombinieren zu können.

Hat man sich endlich einen Stundenplan zusammengestellt, heißt das noch lange nicht, dass man an diesen Veranstaltungen auch teilnehmen darf. In den letzten Jahren sind die Studierendenzahlen gestiegen, die Personalausstattung sowie die Anzahl der Lehrveranstaltungen stagniert jedoch. Das führte zu überfüllten Hörsälen und Seminar- räumen, wodurch eine interaktive Lehrsituation kaum noch möglich ist. Da keine Aufstockung des Personals geplant ist, reagierten die Institute mit Zulassungsbeschränkungen zu ihren Lehrveranstaltungen. Diese reichen von Anmeldelisten in der Form „Wer zuerst kommt, malt zuerst“, Losverfahren bis hin zu Voressays zum Thema und Motivationsschreiben. Die Befragten berichteten auch von „Bewerbungsbogen ausfüllen“, „Abzählreime“ oder „soziale Komponenten wie Kind“. Es herrscht eine rege Willkür gepaart mit fehlender Transparenz. 4  Prozent der Studierende gaben an, in fast alle Veranstaltungen nur über Zulassungsbeschränkungen reinzukommen, 16 Prozent bei der Hälfte und 38 Prozent bei einem Viertel des Lehrangebots. Am meisten davon betroffen sind Studierende der Geografie, Psychologie, gefolgt von den PädagogInnen.

Kursbesuch erst nach Abzählreimen

Auch Mandy hatte viele Schwierigkeiten, an einigen ihre Kursen teilnehmen zu können. Nach mehreren erfolgreichen Eingangsklausuren, Eingangsreferaten und Losverfahren konnte sie endlich ihre nötigen Pflichtveranstaltungen besuchen. Im Sommersemester sind auf diese Weise 26 Semesterwochenstunden zusammengekommen. Um diese Veranstaltungen erfolgreich zu absolvieren, musste sie nun über Teilnahmepflicht sowie die „aktive Teilnahme“ während des Semesters noch vor der Abschlussklausur Zwischenleistungen erbringen, in Form von Referaten, Essays, Protokollen und vieles mehr. Da dies auf fast jede Veranstaltung zutrifft, ist sie gezwungen. in fast jeder Woche mehrere Leistungsnachweise gleichzeitig zu erarbeiten. Eigentlich sind Leistungsanforderungen für Mandy kein Problem, wäre da nicht ihr Nebenjob im Callcenter des Deutschen Roten Kreuzes. Da sie kein Bafög erhält und ihre Eltern sie nicht ausreichend unterstützen können, ist sie gezwungen, neben ihrem Studium jobben zu gehen. Damit ist sie nicht alleine, wie die Studie zeigt. Allein 61 Prozent der Studierenden sind neben dem Studium berufstätig. 8 Prozent der Befragten haben zudem Kinder, wieder 8 Prozent müssen eine/n Familienangehörige/n pflegen und weitere 8 Prozent sind ehrenamtlich aktiv. Nur 28 Prozent der Befragten beziehen BAföG.

Dass es dabei zu Mehrfachbelastungen kommt, zeigt das Ergebnis der Frage nach der Anzahl der Lebensumstände, die einen Belastung für das Studium darstellen. Hier gaben 42 Prozent nur eine Belastung zu haben, 20 Prozent zwei und 4 Prozent keine. Nur 34 Prozent können sich voll auf das Studium konzentrieren. 58 Prozent gaben an, dass diese Mehrfachbelastungen zur Verlängerung des Studiums führen.

Regelstudienzeiten kaum einzuhalten

Mandy ist froh, dass sie nur 10 Stunden in der Woche arbeiten geht, so kann sie es vielleicht schaffen, alle Veranstaltungen erfolgreich zu besuchen. Sie rechnet mit einem zusätzlich benötigten Semester. Sie hofft, dass das bei der Bewerbung zum Master nicht nachteilig ausgelegt wird. Noch weiß sie nicht genau, welche Zulassungsvoraussetzungen sie für den Master haben muss. Bisher ist von einer guten Note und vielleicht einem Motivationsschreiben die Rede. Genaues weiß sie noch nicht, da das Zulassungsverfahren wie in den meisten Studiengängen völlig unklar ist. Mandy ist allerdings irritiert darüber, dass die HU augenscheinlich ihre eigenen Abschluss nicht anerkennt. Denn es ist nicht ganz klar, warum der Bachelorabschluss allein nicht ausreicht, um in den Master zu kommen. Sie hat Existenzängste, denn mit einem Lehramtsbachelor kann sie nichts anfangen. Wie 89 Prozent ihrer KommilitonInnen hält sie ihn für nicht berufsqualifizierend. Da die Übergänge in den Master nicht fließend sind, besteht die Möglichkeit der Exmatrikulation und damit der Erwerbslosigkeit. Mit ihren Ängsten ist sie nicht allein. „Konkurrenzverhalten unter den Studenten, Druck/Angst, Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Ungewissheit“ und „Man studiert drei Jahre ohne zu wissen, ob man überhaupt an der Uni bleiben kann. Alles ist ungewiss, da ich nicht weiß, ob ich mein eigentliches Studienziel erreichen kann, denn ich möchte den Master studieren, um später Lehrer zu werden“, bestimmen den Studienalltag der meisten Studierenden.  

Es bleibt nicht anderes übrig, als Mandy viel Glück und Durchhaltevermögen zu wünschen. Mandys beschriebene Studiensituation ist kein Einzelfall, wie die Studie zeigt. Sie kann sich fast glücklich schätzen, nicht noch ein Kind zu haben oder noch einen weiteren Job machen zu müssen. Die dargestellten Ergebnisse spiegeln nur einen Bruchteil der Studie wieder, doch zeigen sie deutlich, dass die HU und mit ihr alle anderen Berliner Hochschulen die Umsetzung der Bachelor- und Masterstudiengänge neu überdenken müssen. Die vielgepriesene Studierbarkeit dieser Studiengänge ist noch lange nicht gegeben. Oder wie Senator Zöllner sagt, dafür bedarf es noch die nächsten zehn Jahre. Hier wird mit der Lebenszeit und den Berufsperspektiven der heutigen Studierenden gepokert.

Der ReferentInnenRat der HU Berlin hat einen langen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Situation der Studierenden formuliert und in den Akademischen Senat eingereicht. Es bleibt abzuwarten, ob sich etwas verbessert und zukünftig das Studium wieder flexibler, selbstbestimmter und leichter vereinbar mit den individuellen Lebensumständen wird.


Zitate und Grafiken: Studierbarkeit. Ergebnisse der Umfrage aus dem Sommersemester 2006. Link zur Studie: http://www.studierbarkeit.de/
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