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Nr. 05/2003
Standpunkt: Alltägliche Gewalt
Bestürzt schauen wir auf den exzessiven Gewaltausbruch gegenüber fünf Lehrerkollegen der Gustav-Heinemann-Oberschule. Wieder sind Lehrkräfte in der Ausübung ihres Dienstes Opfer von Gewalt geworden. Natürlich - es war kein zweites Erfurt - Gott sei Dank! Doch die Brutalität und Dreistigkeit lassen uns zusammenzucken und wir stellen uns die bange Frage, welche Exzesse die nächsten sein werden und was noch alles geschehen darf, ohne dass die notwendigen politischen Konsequenzen gezogen werden.

Von den politisch Verantwortlichen werden LehrerInnen allein gelassen, von der veröffentlichten Meinung verhöhnt:

  • Lehrer verdienen zu viel und leisten zu wenig!
  • Lehrer haben viel zu viel Ferien!
  • Lehrer sind "faule Säcke"! Lehrer sind schuld am schlechten Pisa-Ergebnis!
  • Lehrer leisten zu wenig für die Erziehung!

Lehrkräfte müssen für alles als Sündenböcke herhalten und immer wieder - im wahrsten Sinne des Wortes - ihre Knochen hinhalten und Fehler in der Bildungs-, Familien-, Integrations- und Finanzpolitik unter anderem mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen bezahlen. Krokodilstränen werden öffentlich vergossen, jovial wird den Betroffenen "von oben" auf die Schulter geklopft, wenn es zu einem spektakulären Vorfall kommt. Doch Hilfe von den Verantwortlichen im Rahmen ihrer gesetzlichen Fürsorgepflicht erhalten Lehrkräfte bei Ihrer Alltagsarbeit und der täglichen Auseinandersetzung mit den "kleineren" Formen der Gewalt nicht. Im Gegenteil:

  • Die Arbeitsbedingungen werden verschärft durch ziemlich drastische Arbeitszeitverlängerungen,
  • Altersermäßigungen werden gestrichen,
  • fehlendes Personal wird einfach nicht ersetzt,
  • Neueinstellungen finden nicht statt,
  • ungeniert werden Gehaltskürzungen gefordert,
  • Bildungseinrichtungen, die der Gewaltprävention dienen könnten, werden platt gemacht,
  • die Öffentlichkeit wird bewusst hinters Licht geführt: Zukünftig wird es - trotz einiger neu eingerichteter Stellen - weniger Schulpsychologen geben als bisher!

Wer schützt uns vor dieser Form von Gewalt? Nein, Krokodilstränen und gelegentliches joviales Schulterklopfen bei Gewaltausbrüchen Minderjähriger reichen nicht!

Wer den Beruf des Lehrers nur als Sparpotenzial begreift und Lehrkräfte zu Sündenböcken der Nation stempelt, macht sich mitschuldig, wenn es zu weiteren Exzessen gegenüber einer Berufsgruppe kommt, die Anerkennung und Unterstützung und vor allem Rahmenbedingungen braucht, die es ihr ermöglichen, die von ihr gesellschaftlich verlangten Aufgaben zu erfüllen, ohne Opfer alltäglicher Gewalt zu werden.

Johannes Gerigk
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