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Nr. 07-08 / 2007: Das können wir unseren deutschen Kunden nicht erklären

Das können wir unseren deutschen Kunden nicht erklären

Auf der Suche nach Betriebspraktikumsplätzen.

von Christine Baur und Birgit Wiese*

Die Eberhard-Klein-Schule (EKO) in Berlin Kreuzberg ist eine integrierte Haupt- und Realschule mit der Besonderheit, dass sie seit 2005 ausschließlich von SchülerInnen mit Migrationshintergrund besucht wird und damit deutschlandweit Erwähnung fand.

Um mit den vielfältigen Problemlagen an der EKO umgehen zu können, wurde die Schule schon vor 20 Jahren zu einer Schule mit besonderer pädagogischer Prägung umgewandelt. Unter anderem wurden mehrere Planstellen für SozialarbeiterInnen eingerichtet, zu deren Tätigkeiten auch die Unterstützung bei der Integration in den ersten Ausbildungsmarkt gehört.

Die Problematik setzt allerdings nicht erst bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz an: Auch die Suche nach einem Betriebspraktikumsplatz außerhalb von Kreuzberg stellt die Schülerschaft bereits vor große Probleme. Zum einen besteht eine große Angst, den vertrauten Kiez zu verlassen und zum anderen konkurrieren sie mit deutschen SchülerInnen, die in der Regel bessere Schulnoten vorweisen können. Dabei sind insbesondere die Deutschkenntnisse – vor allem in der Schriftsprache – bei vielen SchülerInnen der EKO als mangelhaft zu bezeichnen. Zudem bestand innerhalb der Schülerschaft die Vermutung, dass deutsche SchülerInnen von deutschen Unternehmen bevorzugt werden.

Mehr Unterstützungsangebote

Deshalb wurden den SchülerInnen der 10.Klassen mehr Unterstützungsangebote bei der Suche nach einem Praktikumsplatz und später einem Ausbildungsplatz angeboten. Zu jeder SchülerIn der 10. Klasse der EKO wurde im Rahmen eines Einzelgespräches ein Profil anfertigt. Es wurden Vereinbarungen über ihr weiteres Vorgehen vereinbart, z.B. wo konkret nach Praktikumsplätzen gesucht werden sollte oder über welchen Beruf nähere Informationen gesammelt werden sollten. So erhielt man einen Überblick, welche Praktikumsplätze benötigt werden und konnte den Unternehmen gezielt SchülerInnen mit von ihnen nachgefragten Fähigkeiten und Eigenschaften anbieten.

Im weiteren Schritt haben alle ein schriftliches Bewerbungstraining durchlaufen. Das Bewerbungsschreiben und der Lebenslauf bestanden dabei aus bereits formatierten Textbausteinen, die entsprechend angepasst werden konnten. Dadurch sollten Rechtschreibfehler und somit ein Scheitern an der ersten Hürde vermieden werden. Parallel dazu wurden Unternehmen außerhalb Kreuzbergs mit der Bitte angesprochen, Praktikumsplätze für die EKO zur Verfügung zu stellen. Die Ansprache geschah persönlich vor Ort und/oder per Telefon.

Persönliche Ansprache hilft

Persönlich vor Ort wurden rund 30 Unternehmen angesprochen, per Telefon 100. Dazu gehörten kleine Einzelhandelsgeschäfte, Arztpraxen, Handwerksbetriebe und auch große Warenhausketten. Darunter befanden sich auch vier Unternehmen, die von türkischen oder arabischen Migranten betrieben werden. Es wurde bei der Kontaktaufnahme wie folgt vorgegangen:

  1. Persönliche Vorstellung: Wo komme ich her?
  2. Die Frage, ob das Unternehmen Praktikumsplätze für Schulpraktika zur Verfügung stellt.
  3. Wurde die Frage 2 negativ beantwortet, wurde gefragt, warum keine Plätze zur Verfügung gestellt werden.
  4. Anschließend wurde gefragt, ob das Unternehmen auch Praktikanten mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund nehmen würde.
  5. Wurde diese Frage verneint, wurde nach dem Ablehnungsgrund gefragt.
  6. Wurde die Frage bejaht, wurde die Frage angeschlossen, ob das Unternehmen bereit sei, ein Mädchen mit Kopftuch zu nehmen.
  7. Wurde diese Frage verneint, wurde erneut nach dem Grund für die Ablehnung gefragt.
  8. Zum Ende wurden Absprachen getroffen, wie potentielle Praktikanten und Unternehmen zusammen kommen.

Ablehnungsgründe der Firmen

Praktikumsplätze werden insbesondere von großen Unternehmen angeboten. Viele kleine Unternehmen nehmen entweder grundsätzlich keine Praktikanten oder hatten in der Vergangenheit welche und nehmen jetzt keine mehr. Als Gründe wurden angegeben, dass Praktikanten sehr betreuungsintensiv seien und hierfür das Personal fehle, der Betrieb räumlich zu klein sei, um einen Praktikanten aufzunehmen, oder die Tätigkeit sich nicht eigne, um ein Praktikum zu machen. Die letzte Argumentation wurde insbesondere von Arztpraxen (kann nur am Telefon eingesetzt werden), ambulanten Pflegediensten (Patienten stören sich an einer weiteren fremden Person in ihrer Wohnung) und Sicherheitsunternehmen (darf aus rechtlichen Gründen nichts machen) angeführt.

Viele der kleineren Unternehmen, die Praktikanten nehmen würden, lehnen türkische oder arabische Jugendliche als Praktikanten ab. Wobei hier bemerkt werden muss, dass sich die Nennungen insbesondere auf männliche Jugendliche bezogen haben. Als Gründe wurden angegeben, dass diese schwer zu handhaben seien, sich nicht in den Betriebsablauf einpassen ließen und sich als Macho aufführen würden. Kleinere Betriebe, die bereits weibliche und männliche Praktikanten mit Migrationshintergrund genommen hatten, gaben zudem an, dass diese Praktikanten durch große Disziplinlosigkeit, wie z.B. zu spät kommen oder nach zwei Tagen gar nicht mehr kommen, aufgefallen seien.

Nur sehr wenige Unternehmen waren bereit, ein Mädchen mit Kopftuch als Praktikantin zu nehmen. Auf Nachfragen wurden Gründe wie z.B. „Das können wir unserer deutschen Kundschaft bzw. Patienten nicht erklären“ oder „Wir haben hier überwiegend deutsche Kundschaft“ angegeben. Auch der Hinweis, dass viele der Mädchen mit Kopftuch einen deutschen Pass besitzen und damit auch deutsche Kundschaft sind, konnte die Unternehmen nicht umstimmen. Vor dem Hintergrund, dass 80 Prozent der Mädchen im 10. Jahrgang ein Kopftuch tragen, stellte dieser Ablehnungsgrund ein fast unüberwindbares Hindernis bei der Suche nach hochwertigen Praktikumsplätzen dar.

Darüber hinaus mussten wir die Erfahrung machen, dass auch türkische und arabische Unternehmen (3 von 4) weibliche Praktikantinnen nur ohne Kopftuch nehmen. Als Begründung wurde hier angegeben, dass die deutsche Kundschaft wegbleiben würde, wenn sie von einer Frau mit Kopftuch bedient würde.

Es gab allerdings auch sehr positive Erfahrungen: So gelang es uns in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsjunioren Berlin/Brandenburg – eine Vereinigung von jungen Selbstständigen und Führungskräften aus rund 10.000 Berliner und Brandenburger Unternehmen – viele unserer SchülerInnen in ihrem Netzwerk als PraktikantInnen unterzubringen sowie Betriebsführungen durchzuführen. Auch machten wir die Erfahrung, dass einige kleine Unternehmen für die Problematik sehr aufgeschlossen waren („Wir haben ja schließlich auch eine gesellschaftliche Verantwortung“) und sich daher sofort bereit zeigten, PraktikantInnen von der EKO aufzunehmen. Leider waren solche Unternehmen sehr rar.

Gute Eigenschaften zeigen sich

Die Mehrzahl der SchülerInnen hat das Betriebspraktikum mit gutem bis sehr gutem Erfolg bestanden hat. Es gab sogar SchülerInnen, die aufgrund ihrer Leistungen am Praktikumsplatz aufgefordert wurden, sich auf eine Lehrstelle zu bewerben. Einige von ihnen sind durchaus keine MusterschülerInnen und haben auf dem Zeugnis entweder unentschuldigte Fehltage oder zum Teil schlechte Zensuren. Am Praktikumsplatz haben sie aber ihre Leistungsbereitschaft, ihre Freundlichkeit und ihren Fleiß unter Beweis gestellt. Das hat die Ausbildungsbetriebe letztlich überzeugt, ihnen eine Lehrstelle anzubieten.

Auch im bei den SchülerInnen wenig bekannten Pflegebereich, der insbesondere für SchülerInnen mit Migrationshintergrund eine sehr zukunftsträchtige Branche darstellt, gab es ein paar Mädchen, die sich engagiert um die SeniorInnen kümmerten und so den Pflegebereich für sich als Berufschance entdecken konnten.

Schlechte Eigenschaften leider auch

Allerdings brachten einige SchülerInnen leider auch nicht die erforderliche Disziplin mit wie z.B. pünktliches Erscheinen, Arbeitsbereitschaft und Zuverlässigkeit. Sie mussten daher die Erfahrung machen, dass im Gegensatz zur Schule, wo ein Zuspätkommen im Klassenbuch vermerkt und verbal gemaßregelt wird, jedes Fehlverhalten Konsequenzen bis hin zum Rausschmiss aus dem Praktikum hat. Unschön war zudem, dass einzelne Jungen wegen Autoritätskonflikten mit Vorgesetzten aus dem Praktikum entlassen wurden und damit die zuvor beschriebenen Vorurteile bestätigten. Dennoch: Wird bedacht, dass kürzlich ein Bericht veröffentlicht wurde, nachdem jeder 4. Brandenburger Lehrling – mit Sicherheit überwiegend deutscher Herkunftskultur – seine Lehre wegen Konflikten mit dem Ausbilder abbricht, kann auch damit das Klischee des muslimischen Machos nicht bedient werden.

Jobcoaching fest integrieren

Damit kann das Fazit gezogen werden, dass die Befürchtungen deutscher Unternehmen nur auf eine Minderheit der Schülerschaft mit Migrationshintergrund zutreffen. Weiterhin zeigt sich, dass sich der Ansatz, SchülerInnen mit Migrationshintergrund auf den Weg in ihre berufliche Zukunft schon während der Schulzeit verstärkt zu begleiten, als erfolgreiches Konzept bewährt hat und daher auch als „Jobcoaching“ fest in den Schulalltag integriert werden sollte.

Insgesamt ist zu bilanzieren, dass der Kontakt mit dem wirklichen Leben, der Kontakt mit dem selbst erwirtschafteten Lebensunterhalt das Wichtigste ist, was unsere SchülerInnen weiterbringt und bei dem sie ihre Fähigkeiten zukunftsträchtig zeigen können. Sie müssen nur eine Chance bekommen!


* Christine Baur ist Soziapädagogin an der Eberhard-Klein-Oberschule, Birgit Wiese Gastdozentin an der Alice Salomon Fachhochschule

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