| von Hans-Wolfgang Nickel
„Der Fischer und seine Frau“ im Theater an der Parkaue wird als Mitspieltheater angekündigt; die Struktur des Stücks aber lässt Mit“spiel“ kaum zu. Die Zuschauer werden sehr präzise eingewiesen, was sie zu tun haben, mehrfach auch nur hin und her geschickt. Auch ist der Text (von Einar Schleef nach Grimm), mit (nicht nur für Kinder unverständlichen) modernistischen Brüchen durchsetzt. Gut aber, wie locker sachlich und direkt die Schauspieler mit den Kindern umgehen, sie verbal einbeziehen, kleine Dialoge mit ihnen führen. Die Inszenierung setzt zudem auf Show, Ausstattung und Überraschung: das Stück, das bescheiden auf der Hinterbühne beginnt, weitet sich in den großen Zuschauerraum aus, illustriert opulent Königsschloss und Kaisermacht. Dann aber ist es mit dem Mitspiel (und der Bedeutung des Märchens) völlig vorbei (ab 6).
Ebenfalls an der Parkaue „Agent im Spiel“. Das Stück beginnt überaus quirlig, geheimnisvoll; drei Kinderschicksale werden miteinander verwoben. Die Eltern stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten; ihre wirtschaftlichen und Kommunikationsschwierigkeiten schlagen auf die Kinder über. Allmählich klären sich die Zusammenhänge; die Kinder verbinden sich miteinander; es gelingt ihnen sogar, einander zu helfen. Das Stück schließt mit einigen sehr starken, berührend emotionalen, ja kathartischen Szenen (ab 8 nach den Angaben des Theaters; ich würde eher sagen ab 10 – zumal die Schauspieler manchmal fast wie Jugendliche agieren).
Strahl experimentiert mit einer besonderen Beteiligungsform. „Das zweite Mal“ beginnt mit einer kurzen intensiven Szene vor dem Polizeibüro; sie skizziert eine Fülle von miteinander verwobenen Problemen (Ladendiebstahl, Schulmüdigkeit, Erziehungsschwierigkeiten, Spannungen in der Familie). Dann übernehmen die zuschauenden Jugendlichen die „Regie“, sie beraten jeweils „ihren“ Schauspieler, „ihre“ Schauspielerin, führen die Szene weiter, entwickeln das Stück und können dabei ihre Themen einbringen (oder haben zumindest die Chance dazu). Schließlich steuern sie das Stück zum Happy end oder zum Bruch. Weil das Ensemble sensibel und präzise auf die Vorschläge eingeht, sie intensiv in emotionale theatrale Handlungen umsetzt, entsteht, bei immer wieder anderem Verlauf, eine spannende Szenenfolge, die am sinnfälligen Beispiel Verhaltensalternativen durchspielt und immer wieder auch Fragen von Ethik und Moral (Solidarität, Recht und Gesetz) aufwirft. Ein besonderes Erlebnis ist es, sich die Aufführung zweimal anzuschauen!
„Bei mir“ im Ballhaus Ost ist überreich an Einfällen (und an Trash-Requisiten), spielerisch, grotesk, scharf Gegenwartsprobleme attackierend, anklagend wie ein antiker Erinnyenchor, herumalbernd, plötzlich innehaltend - eine Dramaturgie der Brechungen. Auf der Bühne hilflose werdende Mütter, Bienen, Tote, abgetriebene oder gleich nach der Geburt getötete Babys im Wohlstandsmüll – jedenfalls Wesen, die sich nicht mehr organisieren können und in immer neuen Anläufen mit Intelligenz und Halbwissen immer neues Chaos produzieren. Das Stück, von der Gruppe der SchauspielerInnen entwickelt und inszeniert, entgeht in seinem Stilmix nicht ganz der Gefahr der Beliebigkeit, weil jedes Thema sofort von einem anderen überlagert, jeder Einfall von einem anderen übertönt wird. Trotzdem sehr sehenswert – zumal für Gruppen, die Mut zu Einfällen entwickeln wollen (Sek II).
Und: Gratulation Volker Ludwig zum 70. – und eine große Verbeugung! |